13.12.2010 · Xavier Beauvois' großartiger Film „Von Menschen und Göttern“ schildert die Ermordung der Mönche im algerischen Tibhirine. Die unaufgelöste Gewalttat schockierte damals die französische Nation. Beauvois stellt dazu die einzig richtige Frage.
Von Alard von KittlitzIn Tibhirine in Algerien gab es einmal ein Trappistenkloster, Notre-Dame de l'Atlas. Jean-Marie Rouart, ein französischer Schriftsteller, der das Kloster besucht hat, bevor es aufgegeben wurde, hat es so beschrieben: „Das Kloster lag umgeben von Palmen, Mandarinenbäumen und Rosenstöcken, dahinter die verschneiten Berge des Atlas. Es gab beim Kloster eine klare Quelle, die den Garten bewässerte, es gab Vögel, Federvieh, Esel, lauter Leben. Die Menschen, die hier lebten, waren von allem weit entfernt und zugleich doch nah am Essentiellen: an der Schönheit, am Himmel, an den Wolken.“
In einer kalten Nacht im März 1996 aber, auf dem Gipfel des algerischen Bürgerkriegs, wurden die Türen des Klosters aufgesprengt. Etwa zwanzig bewaffnete Männer drangen in den Wohntrakt ein und entführten sieben französische Mönche. Die französische Regierung erhielt kurz darauf ein Schreiben von der Groupe Islamique Armé (GIA), einer der Fraktionen, die gegen das Militärregime in Algier kämpften. Die GIA forderte einen Austausch der gefangenen Mönche gegen in Frankreich inhaftierte Mitglieder der Gruppe. Die Franzosen verhandelten, ließen aber niemanden frei. Am 21. Mai 1996 erhielt die französische Regierung wieder ein Schreiben der GIA: „Wir haben allen Mönchen die Kehle durchgeschnitten.“
Die Ermordung der Trappisten versetzte Frankreich in einen nationalen Schockzustand. Erinnerungen an die unverheilten Wunden des Algerienkriegs und der kolonialen Vergangenheit wurden wach. Am 28. Mai versammelten sich zehntausend Menschen vor dem Trocadéro in Paris zu einer Mahnwache. Zwei Tage später wurden die vom Leib getrennten Köpfe der Mönche am Rande einer kleinen Straße im Atlasgebirge gefunden. Jeder in Frankreich kennt die Geschichte, doch viele zweifeln daran, dass es wirklich die GIA war, die hinter den Morden steckte - es gibt Hinweise auf Verstrickungen des algerischen Militärs. 2003 wurde in Frankreich ein Verfahren eingeleitet, das die genauen Umstände des Todes der Mönche ermitteln sollte; es läuft bis heute, aber nichts ist wirklich klar geworden.
Die richtige Frage
Und so sorgte die Ankündigung, dass die Geschichte verfilmt werden soll, für viele Diskussionen in Frankreich und in erster Linie für Ablehnung. Obwohl der Regisseur Xavier Beauvois bereits vier hochgelobte, kluge Filme gemacht hatte, traute ihm kaum jemand zu, dem Stoff gerecht werden zu können. Es stand zu viel auf dem Spiel, nicht nur die Trappisten, nicht nur die französisch-algerische Vergangenheit, sondern auch noch die ganze Gegenwart, die ganzen Geschichten um Burkas und Banlieues und die Integration und den radikalen Islam in Frankreich. Dann lief „Von Menschen und Göttern“ beim Filmfestival in Cannes, und Beauvois bekam erst zehn Minuten anhaltende Ovationen, dann den Großen Preis der Jury. Der Film stand vier Wochen an der Spitze der französischen Kinocharts, mehr als drei Millionen Menschen sahen ihn sich an. „Von Menschen und Göttern“ ist ein großer Erfolg geworden - und ein phantastischer Film. Das liegt daran, dass Beauvois sich vielleicht als Einziger die richtige Frage gestellt hat zu Tibhirine.
Denn das eigentliche Rätsel ist nicht, wer die Mönche ermordet hat und welche Motive dabei eine Rolle gespielt haben könnten. Beauvois und sein Drehbuchautor Etienne Comar haben begriffen, dass die Hauptrolle die Mönche selbst spielen müssen und die Frage danach, warum sie in ihrem Kloster geblieben sind, während um sie herum die Gewalt überhand nahm. Die einfache Antwort ist: wegen ihres Glaubens. Wie aber soll man den erklären, wie vor allem in einem Film?
Autonomie eines Lebens im Glauben
Beauvois geht ganz geradlinig vor, er zeigt den Zuschauern zunächst das Leben in Tibhirine. Er tut das in gewohnter Manier: unaufgeregt, nüchtern, mit einer dokumentarischen Zurückhaltung. Wir sehen die Mönche früh am Morgen, wie sie ihre Zellen verlassen und in die kleine Kirche gehen. Man hört das Rauschen des Stoffes, wenn sie ihr Ornat anlegen. Wir sehen sie in zwei Reihen voreinander stehen und den Gottesdienst feiern, eine strenge Liturgie, getragen vom gemeinsamen Gesang. Wir sehen sie schweigend bei der Arbeit im Garten und auf dem Feld.
Das Leben im Kloster bedeutet eine Einkehr, einen Rückzug auf das eigene Ich vor Gott. Das ganze Leben wird dieser Meditation unterstellt. Obwohl die Mönche wenig reden, gelingt es Beauvois, das deutlich zu machen. Es gelingt ihm, die tiefe Frömmigkeit dieser Männer als eine menschliche Möglichkeit, als eine Fakultät des Geistes durchscheinen zu lassen, die schwer zu verstehen ist und die eigenen Gesetzen folgt, die aber nichts Kindliches hat, sondern in erster Linie etwas Schweres, Hochkomplexes, furchtbar Ernstes ist. Die heitere Gelöstheit des Bruders Luc (Michael Lonsdale), der von sich sagt, er habe vor nichts mehr Angst, er sei frei, ist unter den Mönchen eine Ausnahme. „Warum ist der Glaube derart bitter?“, liest einer von ihnen aus dem Text eines Glaubensbruders vor.
Ablenkung finden die Mönche im Zusammenleben mit der Dorfgemeinschaft, zu der sie sehr lebendig gehören. Sie betreiben eine Krankenstation, verkaufen ihre Produkte auf dem Markt, pflegen Freundschaften mit den Dorfbewohnern. Der verschiedene Glaube spielt dabei kaum eine Rolle, ganz selbstverständlich sehen wir die Mönche an einer islamischen Zeremonie teilnehmen.
Abseits der Welt
Die Gewalt erscheint in dieser Welt wie etwas Außerirdisches. Im Leben der Mönche und des Dorfes kommt sie nicht vor, bis der Abt Christian (Lambert Wilson) eines Tages beim Imam sitzt und der entgeistert davon erzählt, dass seine Nichte in Algier erstochen worden sei - weil sie keinen Schleier getragen habe. „Was geht in diesen Leuten vor? Das versteht man nicht mehr, das ist neu“, sagt der Imam. „Niemand von denen kennt den Koran! Die Welt wird verrückt, Christian!“
Die verrückte Welt hält bald darauf auch in Tibhirine Einzug. In einer furchtbaren Szene, welche die ganze Entrücktheit des Mönchslebens deutlich macht, werden vierzehn kroatische Bauarbeiter unweit des Klosters von der GIA ermordet. Bald darauf erhalten die Mönche ersten Besuch von den Extremisten. Sie begreifen, dass sie in großer Gefahr schweben. Am Ende aber geht keiner von ihnen fort. Es ist ihnen schlicht unmöglich, weil sie sich vom Geschehen der Welt so weit entfernt haben, dass sie ihm nun keine Rolle mehr einräumen können.
Dass das nicht wie Wahnsinn aussieht und nicht wie Fanatismus, ist das große Verdienst des Films und der grandiosen Schauspieler, die ihr ganzes Seelenleben auf dem Gesicht tragen. „Von Menschen und Göttern“ ist am Ende kein Film über den Tod, sondern einer über menschliche Existenzmöglichkeiten: über die unglaubliche Vielfalt der Weisen, in der diese Spezies die Welt zu sehen vermag.
Alard von Kittlitz Jahrgang 1982, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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