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Im Kino: „Unter Menschen“ : Was von der Forschung übrig bleibt

  • -Aktualisiert am

Die Tierpflegerin Renate Foidl mit ihrem Schützling Johannes: Die beiden kennen sich noch aus der Laborzeit bei der Pharmafirma Immuno Bild: dpa

Resozialisierung: Ein Dokumentarfilm zeigt die rührende Geschichte der Schimpansen von Gänserndorf, ehemaliger Laboraffen, die jetzt unter liebevoller Betreuung und in der Gemeinschaft ihren Lebensabend verbringen dürfen.

          Sie heißen Ingrid, Johannes, Peter, Pünktchen und Pepi. Ingrid ist eher verschlossen, sie fürchtet sich vor Veränderungen und mag es nicht, wenn ihr jemand zu nahe kommt. Johannes ist selbstbewusst und bewegt sich gern, hat aber Angst vor großen Räumen. Peter ist geschickt und verspielt, allerdings auch aggressiv. Pünktchen ist sehr kreativ und liebt es, Stofffetzen zu eindrucksvollen Kunstwerken zu verflechten. Pepi ist schüchtern und errötet von Zeit zu Zeit.

          Um wen geht es hier? Um fünf von vierzig ehemaligen Labor-Schimpansen, die jetzt in einem stillgelegten Safaripark in Österreich nahe der tschechischen Grenze, in Gänserndorf, ihren Lebensabend verbringen dürfen. Ihr Schicksal, das ihrer Pflegerinnen und die Machenschaften der ehemaligen österreichischen Pharmafirma Immuno erzählt ein eindrucksvoller Dokumentarfilm mit dem doppeldeutigen Titel „Unter Menschen“.

          Mit viel Liebe und Geduld

          Es beginnt wie in einem Horrorfilm: in Großaufnahme ein dunkelgrün lackiertes Tor aus massiven Gitterstäben, daran befestigt mehrere, nur noch an einer Ecke baumelnde Überbleibsel von gelben Warnschildern: „Unbefugten ist der Zutritt verboten“, „Eltern haften für ihre Kinder“. Die Kamera ruckelt über einen langen Schotterweg, links und rechts verwilderte Natur, zwei heruntergekommene Zapfsäulen, verrostete und brüchige Gehege. Man hört lauter werdendes Kreischen, die Kamera nähert sich einem großen Gebäude. Schnitt, man ist im Inneren. Der Blick geht durch ein mit Spinnweben verhängtes kleines Fenster. Dann sieht man sie - Schimpansen hinter Gitter und Glas, die gegen ihre Käfige trommeln und einen ohrenbetäubenden Lärm machen.

          Vier Tierpflegerinnen verwirklichen hier mit viel Liebe und Geduld ein einzigartiges Resozialisierungsprojekt. Sie führen in mühevoller Arbeit traumatisierte und verhaltensauffällige Affen, von denen manche zwanzig Jahre lang völlig isoliert auf wenigen Quadratmetern gehalten worden sind, in kleine Gruppen zusammen. Nicht bei allen gelingt das. Die einen fallen sich beim ersten Kontakt mit einem Artgenossen zärtlich in die Arme, andere, unfähig, solche Nähe zu ertragen, verletzen einander.

          Wiedergutmachung unmöglich

          Hintergrund des Projekts, veranschaulicht durch altes Filmmaterial und Gespräche mit Beteiligten, ist ein unrühmlicher Teil der Immuno-Geschichte: Nachdem das Unternehmen 1982 in die Aids-Forschung eingestiegen war, wurden Schimpansenbabys aus Sierra Leone importiert - illegal, wie unter anderen der damalige Direktor des Sierra-Leone-Naturparks berichtet - und dann im Labor in Österreich mit Aids- und Hepatitisviren infiziert. Pro Baby-Schimpanse mussten fünf bis zehn Tiere sterben, denn Schimpansen leben in Gruppen, und wer ein Baby will, muss auch die anderen töten. Im Jahr 1999 wurde die Immuno AG, die mit ihren Aids-Versuchen erfolglos geblieben war, vom amerikanischen Pharmakonzern Baxter übernommen. Baxter entschied, für die vierzig Schimpansen im Safaripark Gänserndorf ein Affenhaus zu bauen. Mittlerweile haben die Tiere sogar ein Außengehege.

          Der berührende Film über ein finsteres Kapitel der Arzneimittelforschung endet mit dem befremdlichen Kuss zwischen der legendären Schimpansenforscherin Jane Goodall und dem immer leicht pathetischen Michael Aufhauser, der mit seiner Tierschutz-Stiftung Gut Aiderbichl das Resozialisierungsprojekt gerettet hat, nachdem der Safaripark 2004 in Konkurs gegangen war. Die Helden aber sind die Affen und ihre Pflegerinnen. Eine von ihnen, Renate Foidl, gab dem Film den Untertitel: „Redemption impossible“ - Wiedergutmachung unmöglich.

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