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Im Kino: „Tulpan“ Prinz Charles ist ein Amerikanski

04.12.2009 ·  Pittoreske Scherze in Kasachstan: Sergej Dwortsewojs Steppenfilm „Tulpan“ ist eine sympathische, urwüchsige Romanze mit modernern Fluchtimpulsen. Aber auch ein Paradebeispiel des neuen Arthouse-Mainstreams.

Von Rüdiger Suchsland
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Herzzerreißend ist das Jammern des Lämmchens. Aber in diesem Augenblick, wenn mancher Zuschauer sich seiner Tränen nicht schämen wird, ist das Schlimmste schon vorüber. Denn sein Schreien ist ein Zeichen, dass es leben wird, als erstes nach einer ganzen Reihe von Totgeburten, die die Existenzgrundlage der Hirten aufs tiefste bedrohen. Wenig ist hier noch wie früher, aber für einen Augenblick scheint die Welt wieder in Ordnung in der kasachischen Steppe.

Minutenlang hat man zuvor zugesehen, wie das Lamm geboren wurde, wie Asa, dem für den Hirtenjob nicht gerade begabten Schwager des Herdenbesitzers, nichts anderes übrigblieb, als zum Geburtshelfer zu werden, und das Lamm eigenhändig aus dem Leib der Mutter herauszuziehen - ein atemberaubender Filmmoment, und fraglos der Höhepunkt von „Tulpan“. Dafür muss man gar nicht wissen, dass der Schauspieler Askhat Kuchinchirekov hier von seinem Regisseur einfach sich selbst überlassen wurde, obwohl er so etwas noch nie gemacht hatte - das hatte Asa ja schließlich auch nicht.

Fluchtträume

Es sind solche Augenblicke eines ganz rohen dokumentarischen Naturalismus, in denen „Tulpan“ am besten ist: Immer wieder zeigt der Film Sandstürme, begleitet Schafe beim Grasen auf dem dürren gelben Boden oder verliert sich im Pfeifen des Windes über der menschenleeren Landschaft. Da zeigt sich die Herkunft des russischen, in Kasachstan lebenden Regisseurs Sergej Dwortsewoj, der vor diesem Spielfilmdebüt mehrere erfolgreiche Dokumentarfilme gedreht hat, ebenso wie die Kunst der polnischen Kamerafrau Jola Dylewska, deren Handkamera dem Schauplatz viele wohlgestaltete Bilder abgewinnt und dem Film einen nie ermüdenden Rhythmus aus langen halbdokumentarischen Einstellungen und subjektiven Bewegungen gibt.

Eine zweite, schöne Ebene ist die Geschichte jener „Tulpan“ des Titels. So heißt die Tochter des Nachbarhirten, über Hunderte von Kilometern das einzige heiratsfähige Mädchen für Asa. Denn erst mit einer Ehefrau wird hier ein Jüngling zum Mann, und erst dann bekommt er eine eigene Jurte und die dazugehörige Herde. Diese Tulpan sieht auch der Zuschauer nur mit den Augen Asas, also gar nicht, denn bei seinen Besuchen schließt sie sich regelmäßig in den Stall ein und weist jeden seiner unbeholfenen Annäherungsversuche zurück - er habe zu abstehende Ohren, wird ihm einmal zugetragen, aber allein daran kann es nicht liegen. Wie die meisten Jüngeren hier träumt Tulpan offenbar von nichts mehr als von der Flucht in eine größere Stadt, vom modernen Leben mit seinem Komfort.

Aufdringliche Originalität

In diesem Grundkonflikt zwischen Tradition und Moderne ist der Film ganz konventionell und bewegt sich auf der Linie mit einem gefühlten Dutzend Filme, die jenes neue Genre der Kamel- und Schafsfilme bilden, die von europäischen Firmen - „Tulpan“ ist eine deutsch-schweizerisch-kasachisch-russisch-polnische Koproduktion - finanziert und vertrieben werden. Sie spielen in der zentralasiatischen Steppe, irgendwo zwischen Kaspischem Meer und der Mongolei, und zeigen das Leben der Hirten und vor allem ihre vielen Tiere: „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ oder „Tuyas Wedding“ sind nur die bekanntesten. In diesen Filmen ist die Hälfte der Leinwand von blauem Himmel bedeckt, auf der anderen Hälfte sieht man eine gelbe Steppe, karg und weit, und im Hintergrund ganz klein ein paar Tiere. Immerhin macht Dwortsewoj im Unterschied zu manchen Kollegen nicht den Fehler, den Alltag der Hirten allzu idyllisch zu zeigen. Man kann ihm nicht vorwerfen, die harten, unangenehmen Seiten dieses Lebens zwischen Hüttenfeuer und Schafsdung völlig zu verleugnen.

Den Einbruch der globalen Medienwelt repräsentiert das ständig laufende „Radio Kazakh“ mit seinen Nachrichten, die meist um die glorreichen Taten des Präsidenten Nazierbajew kreisen. Ansonsten lesen die Hirten Pornohefte oder bunte Blätter mit Bildern von Prinz Charles, den sie allerdings für einen „Amerikanski“ halten. An solchen Scherzen, die nur für Zuschauer funktionieren, die wissen, wer Prinz Charles wirklich ist, sieht man dann, für wen dieser Film vor allem gemacht ist. Pittoresk, von einer gewissen gefälligen Niedlichkeit und aufdringlichen Originalität ist das Leben der Nomaden ansonsten: Weil Asa zuvor als Marinesoldat gedient hat, hat er andauernd seinen Matrosenanzug an.

Vollends die Zügel schießen lässt der Regisseur im Hinblick auf die Musik: Die Träume vom anderen Leben bündeln sich im Boney-M.-Song „Rivers of Babylon“, der bei jeder unpassenden Gelegenheit aus einem alten Recorder knistert, und auch sonst wird ein bisschen arg viel gesungen und aus dem Off musiziert. So ist „Tulpan“ also alles in allem eine durchaus sympathische, gut gemachte urwüchsige Romanze, aber eben auch ein Paradebeispiel jenes neuen Arthouse-Mainstreams, der die wenigen freien Kinos für schwierigere Bildsprachen und womöglich relevantere Stoffe verstopft.

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