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Im Kino: „Toy Story 3“ In der Wunderwelt der Kita

29.07.2010 ·  Regisseur Lee Unkrich führt mit der - natürlich - dreidimensionalen „Toy Story 3“ Pixars Trickfilm-Legende fulminant zu Ende. Cowboy Woody und Raumfahrer Buzz Lightyear werden als Spende in eine Kita abgeschoben - ihre Abenteuer erwecken die reine Sehsucht.

Von Andreas Platthaus
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Eigentlich müsste man die Hälfte jeder Besprechung einer neuen Pixar-Animationswerks auf den Vorfilm verwenden. Nicht nur, weil es ein Luxus ist, den sich kein anderes Studio mehr leistet, sondern mehr noch, weil in diesen kurzen Präludien experimentiert wird und man deshalb Dinge sehen kann, die später als Leitbilder der Trickfilmentwicklung erkennbar werden. Zudem hat man gemeinhin vor dem Kinobesuch schon ziemlich viel über den Hauptfilm gehört – und was könnte gerade bei „Toy Story 3“ noch als echte Überraschung kommen? Die wichtigsten Figuren sind bekannt, das Muster der Geschichte ist es auch. Über die Vorfilme aber weiß man nichts. Oder haben Sie schon etwas von „Day and Night“ gehört?

Teddy Newtons Kurzfilm bereitet fünf Minuten atemloses Vergnügen, und er zeigt, wie 3D-Effekte selbst bei ganz klassischer zweidimensionaler Animation noch Sinn ergeben können. Tag und Nacht, personifiziert durch zwei rundbäuchige Wesen, die wie aus den Filmen des UPA-Studios der fünfziger Jahre entsprungen aussehen, führen ein wortloses Streitgespräch darüber, wer den besseren Teil eines Kalendertages abbekommen hat. Wie das ohne Worte geht? Indem sie sich gegenseitig in ihren transparenten Leibern Szenen zeigen, die entweder bei hellem Tageslicht oder in nächtlicher Dunkelheit spielen.

Die Körper werden zu Fenstern in eine Parallelwelt, die dank der 3D-Brillen wirklich hinter den beiden Figuren zu liegen scheint – meisterhaft. Dass zudem im Bilderstakkato der visuellen Auseinandersetzung zahllose Verweise auf Real- und Filmgeschichte versteckt sind (bis hin zum Fernsehausschnitt eines Westerns, der vor fünfzig Jahren schon in dem Disneyfilm „101 Dalmatiner“ zu sehen war), versteht sich von selbst. Aber dieser kulturelle Bezugsreichtum bei Pixar ist nicht spöttisch konnotiert wie bei der großen Konkurrenz der „Shrek“-Filme, sondern er kommt von Herzen. Und Teddy Newton, von dem es zuvor als Regisseur nur einen anderen, bereits sieben Jahre alten Kurzfilm gab („Boys Night Out“) dürfte bald für höhere Weihen vorgesehen sein.

Der Schlüssel zum Erfolg

Nun ist auf den Vorfilm doch nur ein Drittel der Besprechung entfallen, denn natürlich geht das Publikum ins Kino, um zu sehen, wie es in „Toy Story 3“ mit dem Cowboy Woody und dem Raumfahrer Buzz Lightyear weitergeht – und mit all den anderen Spielzeugen, die schon 1995 und 1999 das Ensemble von „Toy Story“ bildeten. Die beiden Teile machten durch ihre perfekte dreidimensionale Computeranimation Epoche, doch für Pixar war es schon ein Zugeständnis, dass man dem Ursprungsfilm damals noch einen zweiten folgen ließ; gemeinhin hält man sich dort für einfallsreich genug, um immer wieder neue Stoffe zu entwickeln. Aber „Toy Story 1“ war eben auch der erste lange Pixar-Film, also für den Studiochef John Lasseter das, was für Walt Disney die Figur der Micky Maus war: der Schlüssel zum Erfolg. Deshalb blieb er gerade diesen Figuren treu. Und hat nun auch den dritten Teil geschrieben.

Regie aber führt erstmals alleine Lee Unkrich, der bei „Monster AG“ und „Findet Nemo“ noch zweiter Mann bei den Dreharbeiten war. Pixar-Karrieren verlaufen immer gleich: von kleinen Jobs im Studio über Drehbuchbeteiligung und Kurzfilme bis in den Regiesessel. Die Verantwortung für „Toy Story 3“ hat Unkrich neben Lasseter und Andrew Stanton, den erfolgreichsten Regisseur des Studios mit Filmen wie „Wall-E“ und „Findet Nemo“ als dritte Führungskraft etabliert. Und „Toy Story 3“ zeigt, dass er ganz auf Linie liegt, was die Pixar-Ästhetik angeht.

Der Gang auf den Flohmarkt droht

Der Geniestreich der Handlung allerdings verdankt sich Lasseter und Stanton als Drehbuchautoren: Sie haben die elf Jahre Pause seit „Toy Stoy 2“ ernstgenommen und in der imaginären Welt von Woody und Buzz genau diese Zeit auch vergehen lassen. Das heißt, ihr Besitzer, der einstmals kleine Knabe Andy, ist zu einem schlaksigen Teenager herangewachsen, der nun aufs College gehen wird, vorher aber auf Wunsch der Mutter sein Zimmer entrümpelt. Da droht für Spielzeug der Gang auf den Flohmarkt, und bevor es soweit kommt, setzen sich Andys ehedem geliebte Spielkameraden ab. Ihr Ziel ist eine Kita, von der es heißt, dort wüchsen immer wieder neue kleine Kinder nach, so dass des Spielens kein Ende sei.

Diese paradiesische Vorstellung erweist sich als nicht ganz zutreffend, und die Truppe rund um Woody und Buzz muss zudem erkennen, dass nicht jedes Spielzeug auch so süß ist, wie es aussieht – oder auch nicht so schrecklich. Natürlich bewähren sich die unterschiedlichen Befähigungen der Stoff- und Plastikfiguren im Zusammenspiel wieder aufs Schönste. Das ist schließlich wiederkehrendes Element fast aller Pixar-Filme, und wollte man dem Studio einen Vorwurf machen, so nur den, dass diese Masche nicht ewig taugt. Aber „Ratatouille“ und „Wall-E“ haben ja schon bewiesen, dass sie es wissen und auch anders können.

Dieser Film weckt Sehnsucht

„Toy Story 3“ ist eine sentimentale Reise in die eigene Vergangenheit von Pixar und seiner Macher; das merkt man an einer gewissen Wehmut, die über der Handlung liegt. Doch es ist eine wohlige Wehmut, wie eine Jugenderinnerung, und als Zuschauer wird sie ergänzt durch die eigenen Erinnerungen an die beiden Vorgängerfilme. Manche Gags erschließen sich nur dem, der die vorherigen Geschichten kennt, und es sind nicht selten die brillantesten wie etwa der Einsatz einer Greifkralle. Doch Spaß werden auch Novizen haben, weil die Figurenentwicklung derart sorgfältig erfolgt, dass jeder Akteur auch aus seinem isolierten Handeln in diesem Film verständlich wird.

Eines aber sei noch gesagt: Unter den vielen Liebeserklärungen, die sich in Pixar-Filmen an berühmte Vorbilder finden, liefert „Toy Story 3“ die allerschönste. Denn es tritt eine Figur auf, die kein Wort sagt, aber in jeder ihrer viel zu wenigen Szenen entzückt. Es ist Totoro, der Titelheld aus Miyazaki Hayaos legendärem Trickfilm von 1988. Hier kommt er selbstverständlich nur als Spielzeug vor, aber als eines, das so aussieht, wie es nur die Totoro-Puppen in Japan tun. Für den Export gibt es lediglich Tinnef. In einem Pixar-Film aber ist für Tinnef kein Platz, und deshalb wagt „Toy Story 3“ es, ein Spielzeug zu zeigen, dass die meisten Zuschauer nie in die Hand bekommen werden. Noch eine Sehnsucht, die dieser Film weckt.

Pixar lässt die Sehsucht blühen: Lee Unkrichs Animationsfilm „Toy Story 3“

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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