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Im Kino: „To Rome with Love“ : Kladderadatsch mit Kolosseum

Schau mir auf die Zehen, Kleiner: Penélope Cruz zeigt Alessandro Tiberi, wie man sich auf römischen Gartenparties richtig locker macht Bild: Tobis Film/dapd

Eine schöne Portion Filmstudentenfutter von Woody Allen. Vier Geschichten kombiniert er in seinem neuen Film „To Rome with Love“ zu sehr leichter und etwas zusammenhangloser Kost.

          In Federico Fellins Regiedebüt „Der weiße Scheich“ kommt ein frisch verheiratetes Paar aus der Provinz nach Rom, um sich mit einflussreichen Verwandten zu treffen. Die junge Frau läuft heimlich aus dem Hotel und gerät auf einen Filmset, wo sie ihrem Lieblingsschauspieler begegnet, der sie verführt. Ihr Mann irrt verzweifelt durch die Straßen, lernt eine Prostituierte kennen und verbringt die Nacht mit ihr. Im Morgengrauen finden die Eheleute zueinander zurück.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Woody Allens neuem Film „To Rome with Love“ kommen die Frischvermählten Antonio und Milly aus der Provinz nach Rom, wo der junge Mann mit Hilfe von Verwandten einen Job zu finden hofft. Milly verirrt sich auf der Suche nach einem Friseur und läuft auf einen Filmset, wo sie ihren Lieblingsschauspieler kennenlernt, der sie zu verführen versucht. Antonio landet unterdessen in den Armen einer Prostituierten, die er seinen Altvorderen als seine Ehefrau vorstellt. Nach verschiedenen Liebesabenteuern trifft sich das junge Paar im Hotelzimmer wieder.

          Eine Woody-Allen-Behandlung für Rom

          Dass Woody Allen auf seiner filmischen Tour durch die Metropolen Europas eine mal mehr, mal minder subtile Art von Recycling betreibt, ist nicht zu übersehen. In London, bei „Scoop“ und „Ich sehe den Mann deiner Träume“, hat er mit britischem Schauspieler-Urgestein wie Charles Dance und Anthony Hopkins zusammengearbeitet, in Barcelona, bei „Vicky Cristina Barcelona“, mit den Almodóvar-Entdeckungen Penélope Cruz und Javier Bardem, und bei „Midnight in Paris“, mit den Französinnen Léa Seydoux und Marion Cotillard. In England hat er von verkrachten Lords und ehrgeizigen Journalistinnen erzählt, in Spanien von Latin Lovern und ihren Musen, in Frankreich von Picasso und Cancan. Dennoch hat „To Rome with Love“, die jüngste Lieferung in diesem Kino-Abonnement, eine ganz eigene Qualität.

          Nach längerer Zeit wieder ein persönlicher Auftritt vor der Kamera: Woody Allen neben Judy Davis

          Dieser Film ist sozusagen die gründlichste Woody-Allen-Behandlung, die einer Stadt diesseits des Atlantiks zuteilwerden kann. Er ist filmgeschichtliche Hommage, touristischer Kladderadatsch, höherer Klamauk, Mediensatire und Rührstück in einem, und er gibt sich nicht einmal besondere Mühe, diese unterschiedlichen Elemente irgendwie zusammenzufügen. Stattdessen schneidet er vier Geschichten, von denen eine nur einen Tag, die anderen aber viele Tage oder Wochen dauern, in einen Topf und überlässt es dem Zuschauer, daraus eine Mahlzeit zu machen. Es gibt, wie immer bei Woody Allen, kaum etwas gänzlich Ungenießbares in dieser Mischung, und einige Nuancen sind geradezu köstlich. Dennoch hat man am Ende das Gefühl, um das Wichtigste betrogen zu sein.

          Ein einziger langer Gag

          Die Mediensatire - die Fellini-Hommage hatten wir - beginnt, als der Büroangestellte Leopoldo Pisanello eines Morgens vor seiner Haustür von einem Schwarm Paparazzi abgepasst und mit einer Luxuslimousine ins Fernsehstudio gebracht wird, wo die Moderatorin von ihm wissen will, was er zum Frühstück gegessen hat. Roberto Benigni, inzwischen selbst ein Klassiker der Filmgeschichte, verkörpert diesen Niemand, der ins Fegefeuer des Ruhms gerissen wird, mit einer Lust am kafkaesken Slapstick, die alle Einwände gegen den grob gestrickten Spaß beiseitewischt. Die Szene, in der er auf der Straße die Hosen herunterlässt, um von den Passanten erkannt zu werden, gehört zum Besten, was Benigni in seiner vierzigjährigen Komikerkarriere gespielt hat. Selbst Allens Kameramann Darius Khondji scheint so sehr unter dem Zauber dieses Auftritts zu stehen, dass er Mühe hat, ihm zu folgen.

          Vielleicht nur dabei, um dabei zu sein: Jesse Eisenberg und Greta Gerwig

          In der Geschichte, die das Zentrum von „To Rome with Love“ bildet, tritt Woody Allen zum ersten Mal seit Jahren wieder selbst auf. Jerry, ein erfolgloser New Yorker Opernregisseur und Impresario im Ruhestand, ist mit seiner Frau, einer Psychiaterin (Judy Davis), nach Italien geflogen, um den römischen Verlobten der gemeinsamen Tochter kennenzulernen. Der Vater des Jungen hat ein Bestattungsunternehmen, singt aber unter der Dusche so markerschütternd wie der echte Operntenor Fabio Armiliato, der ihn spielt. Jerry schleppt den Sänger ins Probestudio, doch außerhalb der Nasszelle versagt das Stimmwunder, weshalb der Impresario auf die Idee kommt, die Dusche auf die Bühne zu stellen. Das alles ist im Grunde ein einziger langer, konsequent durchgespielter Gag, der sich am Ende zu praller Komik aufschwingt, aber zwischendurch immer wieder in die Knie geht. Das Puzzle-Prinzip dieses Films dient auch dazu, uns nicht merken zu lassen, wie oft die Geschichten nach Luft schnappen.

          Ideen aus dem Nachttisch

          Das könnte es gewesen sein. Aber Allen hat noch eine vierte Geschichte untergerührt, die von einem amerikanischen Architekturstudenten (Jesse Eisenberg) handelt, der sich in die zuckerzickensüße beste Freundin (Ellen Page) seiner blonden Freundin (Greta Gerwig) verliebt und von einem erfolgreichen Architekten (Alec Baldwin) mit goldenen Ratschlägen auf den rechten Weg zurückgeführt wird. Warum? Die Antwort weiß nur der Regisseur selbst. Vielleicht war es aber auch einfach so, dass Woody Allen gerne einmal mit Eisenberg, Page, Gerwig und Baldwin drehen wollte (und noch einmal mit Penélope-Cruz, die in der Fellini-Hommage die Prostituierte gibt) und zu diesem Zweck einen jener gelben und weißen Zettel aus dem Nachttisch gezogen hat, auf denen er, wie seit Robert Weides Dokumentation jeder weiß, seine filmischen Einfälle festhält.

          Mit vier solchen Zetteln ist er dann nach Rom gefahren und hat einen Film gedreht. Das ist seine bewährte Masche und sein gutes Recht. Man darf sich nur nicht wundern, dass der Film genau das bietet, was Woody Allen hineingesteckt hat: Schnipsel.

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