14.08.2010 · Japan rettet die Welt, die durch amerikanische Datensabotage bedroht wird: Regisseur Hosoda Mamoro bringt mit „Summer Wars“ einen beeindruckenden Trickfilm in die Kinos, der keineswegs nur für Kinder ist.
Von Andreas PlatthausIm Sommer 2009 war Hosoda Mamoros jüngster Film der Renner in den japanischen Kinos, im darauf folgenden Frühjahr dann als DVD oder Bluray die Sensation des Geschäfts zum traditionellen Neujahrsfest. „Summer Wars“ setzte somit fort, was dem Altmeister Miyazaki Hayao zuvor fast zwei Jahrzehnte lang gelungen war: mit Animes jeweils die Spitzenposition im heimischen Filmbetrieb einzunehmen.
Der heute dreiundvierzigjährige Hosoda repräsentiert die nächste Generation im für Japan so wichtigen Trickfilmsektor, und wie es sich im Land der sorgsam entwickelten Meisterschaft gehört, debütierte er als Trickfilmregisseur erst spät im Fernsehen, bevor er 2005 eine Kinoadaption der erfolgreichen Manga-Serie „One Piece“ übernehmen durfte und ein Jahr später dann erstmals einen eigenen Stoff umsetzte: „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“. In diesem auch im Westen vielbeachteten Werk verband Hosoda die Alltagsschilderung einer japanischen Schülerin mit phantastischen Elementen, die aber keine optischen Exzesse provozierten, sondern ganz im Dienste einer Geschichte stehen, die mit dem Paradox der Zeitreise rein erzählerisch Effekt macht.
Eine ungewohnt statische Perspektive
Auf den ersten Blick macht „Summer Wars“, der in dieser Woche nach seinem fulminanten Erfolg auf der letzten Berlinale nun endlich auch hier ins Kino gelangt, das falsch, was Hosodas Vorgängerfilm so klug vermieden hatte. Wieder steht im Mittelpunkt eine japanische Milieustudie, diesmal das Landhaus einer alteingesessenen Samuraifamilie, die seit der Meiji-Zeit in der Seidenfabrikation tätig ist. Natsuki, die Teenager-Tochter des Hauses, bringt aus der Stadt ihren Schulkameraden Kenji mit, der Sakae, der betagten Großmutter des Jinnouchi-Clans, als zukünftiger Schwiegersohn präsentiert werden soll, um die alte Dame zu beruhigen. Der Junge ist indes so modern erzogen, dass er nicht einmal die in Japan üblichen Verbeugungsregeln beherrscht.
„Summer Wars“ verlässt mit seiner Handlung kaum einmal das Areal des Jinnouchi-Landhauses. Diesem auch durch im Trickfilm ungewohnt statische Perspektiven betonten Refugium steht die quirlige virtuelle Welt von Oz gegenüber: ein Computerforum mit weltweit bereits vier Millionen Communities, die ein Paralleldasein nach der Art von Second Life führen - mit dem Unterschied, dass die Avatare in Oz eine im höchsten Maße phantastische Umgebung betreten, die so aussieht, als hätte der populäre japanische Künstler Murakami Takashi hier alle seine visuellen Träume umgesetzt. Wo „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ auf optische Extravaganzen verzichtete, holt Hosoda hier nicht nur alles nach, er schwelgt geradezu in den Farben und Formen eines animierten Wunderlandes, in dem alles möglich scheint.
Hosoda braucht keine 3D-Brillen
Animation als Thema eines Trickfilms - das könnte zu viel des Guten sein. Aber Oz ist als Kulisse grandios gestaltet und reizt die Möglichkeiten des Metiers voll aus. Hosoda braucht keine 3D-Brillen, um auf der Leinwand einen Wirbel im virtuellen Raum zu erzeugen, der atemlos macht. Räumlicher ist auf traditionelle Weise niemals gezeichnet worden. Und der Kontrast zur flächigen Animation des wahren Lebens auf dem Lande bei den Jinnouchi könnte kaum größer sein.
Nun rast aber pünktlich zu Ferienbeginn ein Asteroid auf die Erde zu, der nur durch einen Satelliten vom Einschlag abzuhalten ist. Gleichzeitig wird der Sicherheitscode von Oz geknackt, wodurch dort die Kampffunktionen der bisher friedlichen Avatare freigeschaltet sind. Eine neue Figur namens Love Machine tritt auf, deren Kräfte sie über jeden virtuellen Gegner triumphieren lassen. Sie erweist sich als Produkt eines amerikanischen Labors und sorgt nicht nur dafür, dass bald die ganze reale Welt durch Datensabotage lahmgelegt wird, sondern sie kapert schließlich auch den Rettungssatelliten und lenkt ihn in Richtung einer japanischen Nuklearanlage. „Summer Wars“ versteht es, die Traumata der japanischen Nation für seine Handlung nutzbar zu machen.
Explodierend vor Ausdruckskraft
Als schuldig an der ganzen Misere wird Kenji ausgemacht, der als junges Mathematikgenie tatsächlich unfreiwillig den Code von Oz geknackt hat. Nun muss er sich nicht vor der ganzen Welt, sondern vor allem vor der Familie Jinnouchi rehabilitieren - und vor Natsuki, in die der anfängliche Zauderer sich mittlerweile verliebt hat. Dankenswerterweise verfügt der gastgebende Clan nicht nur über den Kampfgeist der Samurai, sondern auch über blendende geschäftliche Verbindungen: Trotz des weltweiten Chaos wird eine riesige Sendeanlage auf dem Landsitz installiert, und Jung und Alt tun sich mit ihren Konsolen zusammen, um sich auf den großen Endkampf mit Love Machine einzulassen, bei dem das Schicksal der Erde auf dem Spiel steht. Das Kollektiv nutzt dabei noch die seltsamsten Befähigungen seiner Mitglieder, und selbst die schwarzen Schafe der Familie tragen ihr Scherflein zum Gelingen bei.
So absehbar das gute Ende von „Summer Wars“ ist, so überraschend sind seine Ingredienzien. Wie die einzelnen Figuren charakterisiert oder was für individuelle Marotten und soziale Bräuche zu Motivationen der Handlung werden, das ist nicht nur für denjenigen ein Vergnügen, der sich nur ein wenig mit japanischen Gepflogenheiten auskennt. Hosoda setzt zudem hemmungslos auf Überzeichnung in Momenten größter Anspannung: Dann scheinen seine Protagonisten zu explodieren vor Ausdruckskraft - ganz so, wie man es aus den emotionalen Höhepunkten in Manga gewohnt ist.
Vexierbild unserer Moderne
Geradezu überschäumend in ihrer Vielfalt ist bei aller zarten Eleganz der Animation die Welt von Oz gezeichnet, bis hin zu zahllosen Stimmen aus aller Welt, die im virtuellen Gespräch ein polyphones Crescendo erzeugen, aus dem oftmals deutsche Botschaften als erste den japanischen Helden und ihren Avataren helfend beispringen. Dieses Detail muss in der deutschen Synchronfassung natürlich verlorengehen, während die Konnotierung der englischen Sprache mit den negativen Aspekten von Oz erhalten bleibt. Schon der Name dieser künstlichen Welt verdankt sich ja Frank L. Baums Anti-Utopie „Der Zauberer von Oz“ von 1900, die so gern als bloßes Kinderbuch missverstanden wird.
Vor einem ähnlichen Missverständnis muss man auch im Falle von „Summer Wars“ warnen. So schlicht die Botschaft und die individuellen Eigenschaften der Figuren wirken, so komplex ist das durch die Animation kaschierte Vexierbild unserer Moderne, das Hosoda vorführt. Deshalb werden Anime-Kids in seinem Film genauso ihren Spaß haben wie deren cinephile Eltern, sofern sie das Staunen noch nicht verlernt haben. Schön, dass sich so das Plädoyer des Films für generationenübergreifende Kooperation im Kinosaal bestätigt.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
Jüngste Beiträge