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Im Kino: „State of play“ Reporter ohne Grenzen

18.06.2009 ·  Der Thriller "State of Play" singt ein Loblied auf den Zeitungsjournalismus

Von Michael Althen
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In der Regel nervt das, wenn Filme sich keine Zeit mehr für einen Vorspann nehmen, sondern die Titel am Ende in umgekehrter Folge nachreichen. Aber dieses eine Mal ist das durchaus sinnvoll, weil es erst an dieser Stelle seine volle Wucht entfaltet. Denn wenn die Story, der der Reporter (Russell Crowe) und seine Online-Kollegin (Rachel McAdams) hinterhergejagt sind, endlich unter Dach und Fach ist, wenn die Schurken ihre gerechte Strafe erwarten und die Guten mit knapper Not davongekommen sind, wenn also das Räderwerk der Geschichte zur Ruhe gekommen ist, dann sieht man, wie die Zeitungsroutine ihren Lauf nimmt, wie die Geschichte gesetzt und belichtet wird, wie die Druckerpressen sich in Gang setzen, wie sie das Papier von den Rollen ziehen und auf Förderbändern die fertigen Zeitungen ausspucken und wie diese dann verpackt und unter die Leute gebracht werden.

Als Zeitungsjournalist ist man von diesem Abspann naturgemäß ergriffen und als Leser womöglich auch, weil hier noch einmal das Hohelied auf ein Handwerk gesungen wird, dessen Zukunft ungewiss ist.

Ein Ende in Druckschwarz

Zu den schönen Lügen des Films von Kevin Macdonald zählt jenes zentrale Motiv dieses Genres, das in Zeiten des Online-Journalismus völlig überholt ist: der Ausruf „Stop the Presses!“, das Anhalten der Druckerpresse in der Hoffnung, jene Geschichte, die den Lauf der Dinge verändert, möge doch noch fertig werden, um in der Morgenausgabe Schlagzeilen zu machen. Alle Zeitungsfilme lebten davon, Orson Welles' „Citizen Kane“, Howard Hawks' „His Girl Friday“, Fritz Langs „While the City Sleeps“, Billy Wilders „Ace in the Hole“, Samuel Fullers „Park Row“ und natürlich jener Film, der das Bild des Zeitungsreporters bis in die Gegenwart geprägt hat, Alan J. Pakulas „All the President's Men“, zu Deutsch „Die Unbestechlichen“.

Wenn also in „State of Play“ die Chefredakteurin (Helen Mirren) über Stunden den Andruck hinauszögert, im Vertrauen darauf, dass es ihren Reportern doch noch gelingen möge, all die losen Enden zu einer hieb- und stichfesten Geschichte zu verknüpfen, dann ist das eher eine Reminiszenz an diese Vorbilder, die nicht auf ihre Online-Ausgabe ausweichen konnten. Wobei der Film smart genug ist, sich des Umbruchs durchaus bewusst zu sein, weil er die Rivalität zwischen dem mit allen Wassern gewaschenen Reporter und seiner jungen Online-Kollegin durchaus thematisiert - und sich dann eben ein nostalgisches Ende erlaubt, das vor Druckerschwärze nur so trieft.

Gefangen vom alten Glauben

„State of Play“ basiert auf Paul Abbotts sechsteiliger BBC-Serie aus dem Jahr 2003, die vergangenes Jahr auf Arte unter dem Titel „Mord auf Seite eins“ zu sehen war. Dass beim Eindampfen auf einen zweistündigen Film drei Drehbuchautoren - Matthew Michael Carnahan, Tony Gilroy und Billy Ray - am Werk waren, merkt man Kevin Macdonalds Verfilmung gottlob nicht an, denn trotz seines beachtlichen Tempos wirkt der Thriller nie gehetzt. Es beginnt mit einer nächtlichen Flucht vor einem Killer, der sein Opfer unbarmherzig erledigt und einen zufällig vorbeikommenden Zeugen auch gleich von seinem Fahrrad schießt, ehe er das Weite sucht. Dann sieht man eine junge Frau, die auf die U-Bahn wartet, und schon die Abblende bei nahendem Zug lässt ahnen, was sich dann erst in der nächsten Szene bestätigt, als ein Politiker (Ben Affleck) über den Tod seiner Mitarbeiterin informiert wird: dass sie nicht überlebt hat.

Weil der Politiker den Fehler macht, bei der Pressekonferenz seine Gefühle nicht zu beherrschen, weiß bald alle Welt, dass er eine Affäre mit ihr hatte - auch seine Frau (Robin Wright Penn). Auf der Flucht vor ihr und der Öffentlichkeit versteckt er sich bei einem alten Freund, dem Reporter, den er auf die Spur bringt, der Tod der jungen Frau könne damit zu tun haben, dass sie für seinen Untersuchungsausschuss recherchierte. Dieser befasste sich mit einem privaten Wachdienst, der auf einen sehr großen Auftrag der Homeland Security spekuliert.

All diese Dinge passieren in den ersten Minuten, und die Aufgabe des Reporters ist es, den Verbindungen zwischen der toten Geliebten, dem nächtlichen Mord und dem im Koma liegenden Zeugen nachzuspüren und dabei seiner jungen übereifrigen Kollegin beizubringen, dass hinter der Klatschgeschichte vom untreuen Politiker womöglich mehr steckt - und dass man als Journalist immer einen Stift bei sich führen sollte. Und obwohl die Motive der Geschichte nicht neu sind und das Personal den gängigen Stereotypen entspricht, schafft es Macdonald doch, dass man zwei Stunden lang noch mal daran glaubt, das Anhalten der Druckerpresse könne tatsächlich den Lauf der Welt verändern.

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