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Im Kino: „Sparkle“ : Wunden gibt es immer wieder

  • -Aktualisiert am

Lächeln, was das Zeug hält: Jordin Sparks als Sparkle mit Whintey Houston Bild: dpa

Whitney Houston in ihrer letzten Filmrolle: Der Musikfilm „Sparkle“ zeigt die Mobilmachung für den härtesten Job der Welt. Und weiß, dass jeder Popstar eine fürsorgliche Instanz braucht.

          Da sitzt sie auf dem Sofa, mit Lockenwicklern im Haar, der Morgenmantel verhüllt den erschöpften Körper, der Blick müde von Kummer und Sorge. Auftritt Whitney Houston in ihrer letzten Filmrolle. Ein halbes Jahr nach Abschluss der Dreharbeiten von „Sparkle“ starb die Sängerin, vollgepumpt mit Drogen, allein in einem Hotelzimmer in Beverly Hills. „Meine Mutter hat früher als professionelle Sängerin gearbeitet, es hätte sie fast umgebracht.“ Das sagt die Filmtochter von Houston, und der Satz macht die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit zunichte. Was der Leinwandfigur gelang - sich retten aus einem mörderischen Showgeschäft -, blieb der Darstellerin verwehrt.

          Es gibt viele solcher Überblendungen von Realität und Kinophantasie; es ist ein gespenstisches Remake - das Original ist von 1976 -, weil immer, wenn Houston auftritt, auch ihre spektakuläre Medienpersona über die Leinwand geistert. Die größte, in größtem Stil gescheiterte Poptragödin der achtziger und neunziger Jahre in der Rolle einer alleinerziehenden Mutter von drei Töchtern, die ausgerechnet ins Showbusiness wollen - das ist eine Konstellation, die verführerisch ist für moralische Lesarten.

          Eine Stunde Fernsehen für eine Stunde Bibelstudium

          Und es beginnt ja auch so: Drei bildhübsche Girls, die singen können und tanzen, und Sparkle (Jordin Sparks), die jüngste, schreibt auch noch tolle Songs. Im Detroit der ausgehenden Sechziger heißt das: auf die Soulbühne, in rauchigen Clubs Stars wie Gladys Knight und Aretha Franklin nacheifern. Die Mutter ist dagegen, ein Stunde Fernsehen gegen eine Stunde Bibelstudium, das ist der Deal, mehr Popkultur darf in einem wertkonservativen afroamerikanischen Haushalt nicht sein.

          Aber selbst im Staatsfernsehen sind die Hippies angekommen, weiße Rockbands schrammeln den Sound der Gegenkultur. Auch dies eine vielsagende Szene: wie die artigen, auf dem Sofa aufgereihten Töchter der schwarzen Mittelklasse bei den weißen Beatniks jene Libertinage bestaunen, die, musikalisch gesehen, doch eine Erfindung der Afroamerikaner war. Alles, was Elvis sexy und rebellisch machen sollte, war Erbe von Rhythm ’n’ Blues.

          Die Stunde des schwarzen Pop

          Gehen sie also heimlich in die Clubs und treten dort auf: Sista (Carmen Ejogo), die Älteste, schmachtet und schmollt wie Etta James, eine erotische Göttin, die dann, so will es das Drama, in den Orkus des Machismo hinabmuss. Ein erfolgreicher Fernsehkomiker verführt sie erst zur Ehe, dann zum Kokain, auch so eine Spiegelung aus dem Leben von Houston. Dolores (Tika Sumpter) lässt sich einen Afro wachsen und will aufs College. „Ich mach’s für die Gage“, sagt sie, „ein Medizinstudium kostet Geld.“ Und Sparkle ist die Popprinzessin, die sich selbst wachküssen wird, indem sie auf die Bühne geht und ihre eigenen Lieder singt, Balladen von großer Liebe und Vertrauen auf das eigene Talent.

          Das ist zeitlich nicht ganz schlüssig, wir befinden uns, anders als die Vorlage, die in den Fünfzigern spielt, in der anbrechenden Nixon-Ära. Die Kennedy-Brüder sind tot, die Bürgerrechtsbewegung ist am Boden, der Vietnamkrieg verschlingt Dollars und Menschen. Wenn die Gettos brennen, dann wirken die Schmachtfetzen einer Diana Ross deplaziert, es schlug damals, Ende der Sechziger, die Stunde des politischen schwarzen Pop, mit Marvin Gaye und Stevie Wonder als Protagonisten. Im Film sagt zwar der Manager-Liebhaber (Derek Luke) zu Sparkle, deine Songs müssen rauher und konkreter werden, aber das ist dann auch schon das Maximum an popmusikalischem Aktivismus.

          Und wenn am Ende Houston, die Supergouvernante, dann doch in die Garderobe kommt und der Tochter vor dem entscheidenden Auftritt alles Gute wünscht, dann begreift man: Es ging gar nicht um Abschottung vor den Verwerfungen der Kulturindustrie. Es ging um die Mobilmachung für den härtesten Job der Welt. „Danke für deine Strenge und verzeih, dass ich sie nicht als Liebe erkannt habe“, sagt die Tochter, weil sie verstanden hat, dass man sich gar nicht hart genug schleifen lassen kann für diesen Aufmerksamkeitsmarkt, den sie nun betreten wird. Und die Mutter schaut stolz, milde, ja erleichtert, dass der Drill nun vorbei ist, denn es ist grausam, wenn man grausamer sein muss als das System, das man austricksen will.

          Und in diesem Moment verteufelt der Film nicht die Zurichtungsmaschine Entertainment, im Gegenteil: Er plädiert für die schärfsten Belastungsproben. Aber eine fürsorgliche Instanz brauchst du, das wird klar, eine, die dieses paradoxe Exerzitium für dich und mit dir durchsteht: dass aus Selbstverleugnung und Eigenknechtschaft artistischer Ruhm entsteht. Deshalb ist auch die Besetzung von „Sparkle“ sensationell stimmig: Jordin Sparks gewann 2007 die Castingshow „American Idol“.

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