Home
http://www.faz.net/-gqz-74dp9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Im Kino: „Solang ich lebe“ Der Heiratskandidat für alle Fälle

Drei Stunden Bollywood vom kürzlich verstorbenen Meister Yash Chopra über einen schönen Bombenentschärfer zwischen zwei Frauen: Das kann nur der neue Film mit Sha Rukh Khan sein.

© Rapid Eye Vergrößern Wer wird denn gleich in die Luft gehen: Sha Rukh Khan kann singen, tanzen und Explosionen verhindern, jedenfalls solche, die Bombenleger verursachen

Die Idee der großen und ewiglichen Liebe hat im Westen zuletzt doch deutlich an Kredit verloren. Zu stark sind die konkurrierenden Motive: Flexibilität, Selbstverwirklichung, Ungeduld. Und jetzt tauchen auch im Bollywood-Kino, einer der letzten Bastionen des Lebensmenschenoptimismus, schon Figuren auf wie die junge Journalistin Akira, die sich nach drei Monaten von jedem Mann trennt, weil sie das Risiko nicht eingehen will, verlassen zu werden.

In der dünnen Luft der nordindischen Gebirgslandschaft Ladakh sucht Akira in Yash Chopras Film „Solang ich lebe“ nach extremen Erfahrungen. Doch das, was ihr tatsächlich widerfährt, verschlägt ihr buchstäblich den Atem. Sie trifft einen extremen Mann und verliebt sich extrem in ihn: Samar Anand ist der beste Bombenentschärfer der indischen Armee. Mit Todesverachtung nähert er sich den gefährlichen Apparaten, entwirrt Kabel, durchtrennt Leitungen, legt Zündkapseln frei und verhindert ein ums andere Mal eine Detonation, die zuerst einmal ihn selbst zerreißen würde. Dass er Schutzanzüge ablehnt, versteht sich von selbst (und lässt den Kollegen dumm aussehen, der dick verpackt, doch mit tumben Fingern neben ihm steht).

Angeschlagene Autorität

Wenn die Heldentat getan ist, setzt Samar Anand sich gern an einen klaren Gebirgsbach und besingt sein Schicksal: Er sieht sich nämlich als „verrückten Wanderer“ und weiß selbst nicht genau, wohin es ihn noch treiben wird. Auf jeden Fall nicht in die Arme von Akira, die gerade dies heiß ersehnt. Doch Samar ist schon vergeben. Zehn Jahre zuvor hat er nämlich in London die Frau gefunden, mit der allein er glücklich werden kann. Gleich darauf lief er in ein Auto, und kam nur knapp mit dem Leben davon.

Seine Rettung verdankt sich vielleicht einem Gelübde, das seine große Liebe Meera in dem Moment abgelegt hat, in dem er bewusstlos auf der Straße lag und mit einem Defibrillator behandelt wurde. Meera versprach ihrem Gott (dem christlichen) nämlich, von Samar ein für allemal abzulassen, wenn er dafür nur am Leben bleibt.

Solange ich lebe © Rapid Eye Vergrößern Getanzt wird natürlich auch: Shah Rukh Khan und Katrina Kaif

Im Hintergrund dieser paradoxen Intervention steht in „Solang ich lebe“ väterliche Autorität. Angeschlagene väterliche Autorität, denn Meeras Mutter hat die Familie verlassen, als das Mädchen zwölf Jahre alt war. Hier beginnt also jenes Patchwork, gegen das die Liebe konzipiert ist, auf die Yash Chopra, der kürzlich im Alter von achtzig Jahren verstorbene Großmeister des indischen Mainstreamkinos, hinauswill.

Indische Livestyle-Avantgarde

Das Happy End bemisst sich hier mehr denn je an den Hindernissen, die ihm vorangehen. Und diese Hindernisse ergeben in ihrer Summe eine so interessante Kombination aus Traditionsargumenten und widerwillig eingeräumten Konzessionen an die Zeitlichkeit der Liebe, dass Samar Anand schließlich geradezu nach einer Reinkarnation verlangt. Nur mit einem weiteren Leben ließe sich das Dilemma lösen, vor dem er in „Solang ich lebe“ gestellt wird.

Das ist immerhin eine kleine Spitze gegen die Gnadentheologie seiner Freundin, deren Gott er zuvor bei 108 Bombenentschärfungen herausgefordert hatte und dem er sich dann doch unterwirft.

Drei Stunden dauert dieses Spektakel, in dessen Verlauf nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch der große Komponist A.R. Rahman weitere große Schritte hin zu einem globalen Idiom machen, mit London als der eigentlichen Hauptstadt, in der indische Diaspora mit indischer Lifestyle-Avantgarde zusammenfällt. Der einschlägige Superstar Shah Rukh Khan hält dabei den Komödianten in sich gerade so weit im Zaum, dass er als seriöser Heiratskandidat sowohl für die latent melancholische Frömmlerin Meera wie für das nach Domestizierung verlangende Energiebündel Akira in Frage kommt.

Solange ich lebe © Rapid Eye Vergrößern Große Liebe oder purer Kitsch? Die beiden Hauptdarsteller bei einem romantischen Spaziergang

Zehn Jahre liegen zwischen den beiden Frauen, zehn Jahre, die im entscheidenden Augenblick einer Amnesie zum Opfer fallen, aus der nur das Ticken einer Bombe den „heart locker“ Samar Anand herausreißen kann. In diesem Kräftespiel zwischen Terrorismus und Theologie entscheidet sich das Glück in „Solang ich lebe“, und letztlich ist es tatsächlich nur dem verrückten Wanderer Shah Rukh Khan zu verdanken, dass die Hohe Minne, die da gelegentlich am Horizont als entropisches Motiv auftaucht, am Ende doch ein halbwegs menschliches Maß hat.

Mehr zum Thema

Es ist das Maß einer Leidenschaft, die gewissermaßen im Vorbeigehen im globalen Konkurrenzkampf reüssiert und die es dabei schafft, so zu tun, als käme wirklich alles (das neu gegründete Spitzenrestaurant, die abgewendete Terrorgefahr, das Happy End) aus ein und demselben Gefühl, der Liebe.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bankräuber Das ist ein Überfall!

Das Kino und seine Zuschauer lieben Banküberfälle. Und auch im Leben spricht vieles dafür, Bankräuber zu werden: Cash, Sonnenbrillen, Schusswaffen, Entertainment. Warum ich trotzdem kein Bankräuber wurde. Mehr Von Antonia Baum

10.05.2015, 22:16 Uhr | Feuilleton
Exotische Filme Bollywood-Filme spielen jetzt in Polen

Die indische Filmindustrie hat Polen für sich entdeckt. Fünf Filme wurden in den vergangenen Jahren dort gedreht, weitere sollen folgen. Mehr

12.12.2014, 16:30 Uhr | Gesellschaft
Ocean Race Ein Skipper muss kein Diktator sein

Mehr als ein extremes Rennen zwischen den weltbesten Seglern: Das Ocean Race ist auch ein Testlabor der Psychologie. Zum ersten Mal werden die Führungskräfte an Bord geschult – dabei kann der Sport von der Wirtschaft lernen. Mehr Von Michael Ashelm

18.05.2015, 10:57 Uhr | Sport
Indien Deutscher Botschafter mimt den Bollywood-Star

Michael Steiner, deutscher Botschafter in Indien, hat sich eine besondere Art der Völkerverständigung ausgedacht: Er drehte ein kitschiges Bollywood-Musikvideo. Mehr

25.04.2015, 14:50 Uhr | Gesellschaft
Designer Stuart Weitzman Ich brauchte einen Schuh, der unbezahlbar war

Die Schuhe von Stuart Weitzman laufen über jeden roten Teppich – bei der jüngsten Oscarnacht gleich 16 mal das gleiche Modell. Im Gespräch verrät er, warum er seinen Erfolg einer unbekannten Schauspielerin und Joan Rivers verdankt. Mehr Von Florian Siebeck, München

21.05.2015, 12:33 Uhr | Stil
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 16.11.2012, 17:36 Uhr

Irlands Zeitsprung

Von Gina Thomas

In Irland soll die Heirat von Gleichgeschlechtlichen durch einen Volksentscheid in der Verfassung verankert werden. Persönliche Loyalitäten sind stärker geworden als die Autorität von Kirche und Staat. Mehr 19 2