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Im Kino: „Solang ich lebe“ Der Heiratskandidat für alle Fälle

 ·  Drei Stunden Bollywood vom kürzlich verstorbenen Meister Yash Chopra über einen schönen Bombenentschärfer zwischen zwei Frauen: Das kann nur der neue Film mit Sha Rukh Khan sein.

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© Rapid Eye Vergrößern Wer wird denn gleich in die Luft gehen: Sha Rukh Khan kann singen, tanzen und Explosionen verhindern, jedenfalls solche, die Bombenleger verursachen

Die Idee der großen und ewiglichen Liebe hat im Westen zuletzt doch deutlich an Kredit verloren. Zu stark sind die konkurrierenden Motive: Flexibilität, Selbstverwirklichung, Ungeduld. Und jetzt tauchen auch im Bollywood-Kino, einer der letzten Bastionen des Lebensmenschenoptimismus, schon Figuren auf wie die junge Journalistin Akira, die sich nach drei Monaten von jedem Mann trennt, weil sie das Risiko nicht eingehen will, verlassen zu werden.

In der dünnen Luft der nordindischen Gebirgslandschaft Ladakh sucht Akira in Yash Chopras Film „Solang ich lebe“ nach extremen Erfahrungen. Doch das, was ihr tatsächlich widerfährt, verschlägt ihr buchstäblich den Atem. Sie trifft einen extremen Mann und verliebt sich extrem in ihn: Samar Anand ist der beste Bombenentschärfer der indischen Armee. Mit Todesverachtung nähert er sich den gefährlichen Apparaten, entwirrt Kabel, durchtrennt Leitungen, legt Zündkapseln frei und verhindert ein ums andere Mal eine Detonation, die zuerst einmal ihn selbst zerreißen würde. Dass er Schutzanzüge ablehnt, versteht sich von selbst (und lässt den Kollegen dumm aussehen, der dick verpackt, doch mit tumben Fingern neben ihm steht).

Angeschlagene Autorität

Wenn die Heldentat getan ist, setzt Samar Anand sich gern an einen klaren Gebirgsbach und besingt sein Schicksal: Er sieht sich nämlich als „verrückten Wanderer“ und weiß selbst nicht genau, wohin es ihn noch treiben wird. Auf jeden Fall nicht in die Arme von Akira, die gerade dies heiß ersehnt. Doch Samar ist schon vergeben. Zehn Jahre zuvor hat er nämlich in London die Frau gefunden, mit der allein er glücklich werden kann. Gleich darauf lief er in ein Auto, und kam nur knapp mit dem Leben davon.

Seine Rettung verdankt sich vielleicht einem Gelübde, das seine große Liebe Meera in dem Moment abgelegt hat, in dem er bewusstlos auf der Straße lag und mit einem Defibrillator behandelt wurde. Meera versprach ihrem Gott (dem christlichen) nämlich, von Samar ein für allemal abzulassen, wenn er dafür nur am Leben bleibt.

Im Hintergrund dieser paradoxen Intervention steht in „Solang ich lebe“ väterliche Autorität. Angeschlagene väterliche Autorität, denn Meeras Mutter hat die Familie verlassen, als das Mädchen zwölf Jahre alt war. Hier beginnt also jenes Patchwork, gegen das die Liebe konzipiert ist, auf die Yash Chopra, der kürzlich im Alter von achtzig Jahren verstorbene Großmeister des indischen Mainstreamkinos, hinauswill.

Indische Livestyle-Avantgarde

Das Happy End bemisst sich hier mehr denn je an den Hindernissen, die ihm vorangehen. Und diese Hindernisse ergeben in ihrer Summe eine so interessante Kombination aus Traditionsargumenten und widerwillig eingeräumten Konzessionen an die Zeitlichkeit der Liebe, dass Samar Anand schließlich geradezu nach einer Reinkarnation verlangt. Nur mit einem weiteren Leben ließe sich das Dilemma lösen, vor dem er in „Solang ich lebe“ gestellt wird.

Das ist immerhin eine kleine Spitze gegen die Gnadentheologie seiner Freundin, deren Gott er zuvor bei 108 Bombenentschärfungen herausgefordert hatte und dem er sich dann doch unterwirft.

Drei Stunden dauert dieses Spektakel, in dessen Verlauf nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch der große Komponist A.R. Rahman weitere große Schritte hin zu einem globalen Idiom machen, mit London als der eigentlichen Hauptstadt, in der indische Diaspora mit indischer Lifestyle-Avantgarde zusammenfällt. Der einschlägige Superstar Shah Rukh Khan hält dabei den Komödianten in sich gerade so weit im Zaum, dass er als seriöser Heiratskandidat sowohl für die latent melancholische Frömmlerin Meera wie für das nach Domestizierung verlangende Energiebündel Akira in Frage kommt.

Zehn Jahre liegen zwischen den beiden Frauen, zehn Jahre, die im entscheidenden Augenblick einer Amnesie zum Opfer fallen, aus der nur das Ticken einer Bombe den „heart locker“ Samar Anand herausreißen kann. In diesem Kräftespiel zwischen Terrorismus und Theologie entscheidet sich das Glück in „Solang ich lebe“, und letztlich ist es tatsächlich nur dem verrückten Wanderer Shah Rukh Khan zu verdanken, dass die Hohe Minne, die da gelegentlich am Horizont als entropisches Motiv auftaucht, am Ende doch ein halbwegs menschliches Maß hat.

Es ist das Maß einer Leidenschaft, die gewissermaßen im Vorbeigehen im globalen Konkurrenzkampf reüssiert und die es dabei schafft, so zu tun, als käme wirklich alles (das neu gegründete Spitzenrestaurant, die abgewendete Terrorgefahr, das Happy End) aus ein und demselben Gefühl, der Liebe.

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