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Im Kino: „So finster die Nacht“ : Die unergründliche Poesie des Blutes

  • -Aktualisiert am

Das Grauen verfolgt sie: Eli (Lina Leandersson) erkennt, dass sie ein Vampir ist Bild: MFA

„So finster die Nacht“, ein grandioser schwedischer Vampirfilm, bringt pubertäres Erwachen und schlummernde Ängste zusammen. Er ist verstörend wie kaum ein anderer Film dieses Genres, aber auf so verblüffend poetische Art, dass er zugleich einer der aufregendsten europäischen Filme des Jahres ist.

          Am Anfang fallen Flocken lautlos durch die Dunkelheit, und tatsächlich ist dies, falls es so etwas überhaupt gibt, ein sanfter Vampirfilm, dessen Schrecken sich fast lautlos vollziehen. Trotzdem ist „So finster die Nacht“ verstörend wie kaum ein anderer Film dieses Genres, aber auf so verblüffende poetische Art, dass er zugleich einer der aufregendsten europäischen Filme des Jahres ist, ein Beweis für die Lebendigkeit, die sich in den ausgelaugtesten Formeln finden lässt.

          Krimileser haben ja schon seit langem Blut geleckt, wenn es um jenes besondere Gespür für Schnee geht, das skandinavische Romane verbreiten. Es steckt offenbar eine besondere Anziehungskraft im Aufeinandertreffen von roher Gewalt und nordischer Kühle, von Sündenfall und unberührter Natur. Und so ist natürlich der bezwingendste Schachzug von Regisseur Tomas Alfredson und seinem Autor John Ajvide Lindqvist, der die Vorlage „Lät den rätte komma in“ (Lass den Richtigen eintreten) geschrieben hat, das blutigste aller Genres in Blackeberg, einer Stockholmer Vorortsiedlung der fünfziger Jahre, zum Leben zu erwecken, wo alles, was mal städteplanerische Utopie war, zum alltäglichen Sozialbauelend verkommen ist.

          Vollendung seiner blutigen Tat

          Der Film spielt Ende der Ära Breschnew im Jahr 1982, aber das spielt keine Rolle, sondern trägt vor dem Hintergrund der vorstädtischen Architektur, die ihre beste Zeit lange hinter sich hat, zu jener Alterslosigkeit bei, die dem Vampirgenre ohnehin innewohnt. Einmal sagt die Heldin: „Ich bin zwölf. Aber schon seit sehr langer Zeit.“

          Die Nachbarin (Ika Nord) verbrennt, als Licht in ihr Zimmer fällt

          Das ist dann auch schon der zweite Trick des Films, dass seine Helden noch kaum Teenager sind und die natürlichen erotischen Energien des Genres umgemünzt werden auf das sexuelle Erwachen in der Pubertät. Das sind schon einmal zwei sehr gute Ideen, wie dem Vampirstoff neue Aspekte abzugewinnen wären, und dazu kommt die Disziplin des Regisseurs, nicht in den üblichen Exzessen zu schwelgen, mit denen heutzutage im Horrorfilm alle naslang die Latte höher gelegt wird, sondern auf einen leisen Schrecken zu setzen, der schockweise umso nachhaltiger wirkt.

          Wenn zum ersten Mal ein unscheinbarer alter Mann loszieht und in einem verschneiten Waldstück einen Jungen überwältigt, ihn mit den Füßen an einem Baum aufhängt und ihm die Kehle durchschneidet, um mit einem Trichter sein Blut in einem Kanister aufzufangen, dann wird das zwar nur aus der Distanz gezeigt, verliert dadurch aber nichts von seinem Horror. Dass dann ein weißer Pudel den Mann bei der Vollendung seiner blutigen Tat stört, gehört zu den seltsamen poetischen Einfällen, die der Film immer wieder aufbietet, ohne dass sie affektiert wirken würden.

          Blässliche Realität dieser Betonsiedlung

          Der eigentliche Held ist ein hellblonder Sonderling namens Oskar mit dauernd laufender Nase, der bei seiner Mutter in Blackeberg lebt, gelegentlich den Vater auf dem Land besucht, ansonsten hartnäckig von seinen Mitschülern gequält wird und dann nächtens auf dem verschneiten Klettergerüst inmitten der Neubausiedlung ein seltsames Mädchen namens Eli trifft, das gegen die Kälte unempfindlich ist und auch sonst einige Rätsel aufgibt.

          Natürlich ist sie die Vampirin, ein in ewiger Pubertät gefangenes Mädchen, dessen Vater Mühen hat, den Bedarf an Frischblut zu gewährleisten. In der Not muss sie dann über die örtlichen Trinker herfallen, die in der nahen Eckkneipe ihr Schicksal bejammern. Aber all dies vollzieht sich mit einer verzweifelten Zwangsläufigkeit, in der die Not des Mädchens in fiebrigen Nahaufnahmen und ihre Linderung in ungerührten Totalen gezeigt wird. Die Taten ahnt man mehr, als dass man sie sieht, aber ihre Konsequenzen zeichnen sich quasi kalligraphisch auf der blässlichen Realität dieser Betonsiedlung ab.

          Blutdurstige Jägerin

          Oskar und Eli, der Schwächling und die Vampirin, knüpfen zarte Bande, ohne dass der Junge recht verstehen würde, was seine neue Freundin umtreibt. Ob er auch mit ihr gehen wolle, wenn sie kein Mädchen sei, fragt sie ihn, und er bejaht das, obwohl er keine Ahnung hat, was das bedeutet - weil er so froh ist, irgendjemanden an seiner Seite zu haben. Nur als er mit ihr Blutsbrüderschaft schließen will, ist er etwas befremdet, als sie auf das herabtropfende Blut so heftig reagiert und es gierig vom Boden aufschleckt. Ihr blutverschmierter Mund ähnelt im Grunde den ungeschickten Versuchen junger Mädchen, mit dem Lippenstift umzugehen.

          Regisseur Alfredson hat gesagt, er habe sich nicht an Vorbildern aus dem Horrorfilm orientiert, sondern an den Gemälden von Hans Holbein, deren Augen ihn in ihrer verwirrenden Wirkung immer schwer beschäftigt hätten. Natürlich lebt „So finster die Nacht“ vom weißblonden, blauäugigen Kare Hedebrant und der unergründlich alterslosen Lina Leandersson, die mit unendlich traurigen Augen wie ein Zigeunerkind barfuß durch den Schnee wandelt und es schafft, dass man ihr die unschuldige erste Liebe genauso abnimmt wie die blutdurstige Jägerin, die sich seit Jahrhunderten an ihren Opfern labt.

          Weihnachtsgeschenk aus Schweden

          Wie der Film in ihr diese Gratwanderung zwischen Blutrunst und Unschuld hinbekommt, ist schon ein Wunder. Oder eben vielleicht auch nur wieder ein einfacher Trick, weil jedes Mal, wenn das Mädchen Hunger verspürt, ein tierisches Knurren zu hören ist, jenes reißende Tier, das irgendwo hinter ihrem unverdächtigen Äußeren schlummert.

          „So finster die Nacht“ ist ein Weihnachtsgeschenk aus Schweden, das es in sich hat. Denn Tomas Alfredson zeigt, wie viel Freiheit und Zärtlichkeit in einem Genre noch möglich sind, das nur noch aus Regeln und Gewalt zu bestehen schien.

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