Home
http://www.faz.net/-gs6-73wn1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Kino: „Skyfall“ Die Kälte, die aus dem Spion kam

Dieses Mal wird’s persönlich: James Bond, langlebiger Weltretter Ihrer Majestät, bekommt nach all den Aufträgen den schwersten. Er soll das Letzte aus sich herausholen - sein Leben.

© Sony Vergrößern Manches Beweisstück geht unter die Haut: Daniel Craig als James Bond bei der Morgentoilette. Der Film „Skyfall“ startet am 1. November in den deutschen Kinos

Bond rettet die Welt nicht mehr. Er räumt nur noch zu Hause auf. MI6, der Geheimdienst Ihrer Majestät, für den er seit fünfzig Jahren im Kino die Kartoffeln aus dem Feuer holt, mit M. an der Spitze und einer kleinen Armee von Spionen, die fremde Mächte infiltrieren, um tickende Zeitbomben zu entschärfen, bevor uns allen der Globus um die Ohren fliegt, ist heute eine altmodische Institution.

Verena Lueken Folgen:    

„Ich kann im Pyjama an meinem Laptop noch vor der ersten Tasse Tee mehr Unheil anrichten, als Sie je verhindert haben“, sagt Q., der Quartiermeister des Dienstes (in „Skyfall“ gespielt von Ben Wishaw, der hier aussieht, als wäre er höchstens zwanzig), als er Bond zum ersten Mal trifft. Wenn er recht hat, und einiges spricht dafür, wohin gehört dann Bond? „Skyfall“ gibt darauf keine präzise, eher eine verträumte Antwort, die für einige weitere Filme reichen wird. Daniel Craig hat, heißt es, noch mindestens zwei in der Rolle von James Bond vor sich.

21891365 © Sony Vergrößern „Ich kann im Pyjama an meinem Laptop noch vor der ersten Tasse Tee mehr Unheil anrichten, als Sie je verhindert haben“: Q. (Ben Wishaw), so jung wie noch nie

Hier jedenfalls ist er am Anfang einfach da, unscharf, aber gefährlich, ohne Getöse, und dann doch zu spät. Ein Agent ist übel angeschossen worden; vielleicht könnte er ihn noch retten, aber M. entscheidet anders. Bond soll den Täter verfolgen, für Samariterdienst ist keine Zeit. Jeder Agent weiß, darauf läuft es hinaus, und jeder hofft, M. möge in seinem Fall anders entscheiden. Aber Judi Dench, die in „Skyfall“ zum siebten Mal die Rolle von M. spielt, ist allen Gerüchten zum Trotz dann doch nicht die Mutter der Kompanie. Sie hat ein Herz, natürlich, und wahrscheinlich schlägt es für England.

Spektakulär, witzig und brutal

Vor allem aber schlägt es für diesen altmodischen Verein, dem sie vorsteht und der nach dem Tod des Agenten, den Bond nicht verhindern konnte, und einigen weiteren Pannen bei den Ministern in London schwer in Verruf geraten ist. „Zur Hölle mit der Würde“, sagt M. einmal. „Ich habe einen Job zu erledigen.“ Auch darum geht es: dass es für den MI6 in Zukunft noch Jobs zu erledigen geben wird.

Die Verfolgungsjagd, die Bond mit dem Täter aus der ersten Szene aufnimmt, dauert fast eine Viertelstunde - durch Istanbul, den Markt und den großen Basar, im Auto und auf dem Motorrad und schließlich auf dem Dach eines fahrenden Zuges, der einen Bagger und viele Kleinwagen geladen hat und durch einige sehr niedrige Tunnel rast. Es sind spektakuläre Szenen, wie könnte es anders sein, witzig im Detail, brutal im Umgang mit organischem und anorganischem Material, und mit einem Bond-Girl (Naomi Harris), nach dessen Auftritt diese abgeschmackte Gattungsbezeichnung endgültig auf dem Müll landen müsste. Umso mehr, als sie es ist, die Bond schließlich erschießt.

21891354 © Sony Vergrößern Morgentoilette, die Zweite: Naomi Harris, das hoffentlich letzte „Bond-Girl“, wird James irgendwann nach der Rasur erschießen

Man kann das verraten, weil der Trailer es zeigt. Der Titelsong, den Adele erfunden hat, heißt „This Is the End“, und wie er klingt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Bond wird wiederkehren, sonst gäbe es keinen Film, aber in welcher Verfassung? Der Bond, den wir nach seinem vermeintlichen Ableben dann im Vorspann sehen, findet keine Orientierung mehr. Er schießt nach rechts, nach vorne, hinten und nach links, er hat vier Schatten, sein Spiegelbild vervielfacht sich, sein ruheloser Blick findet keinen Halt. Nach Prolog und Titeln verschwindet er erst mal für eine Weile. Und als er wieder auftaucht, offenbar nach einer Zeit voller Sex and Drugs und ein wenig Rock’n’Roll, müssen wir feststellen, der Tod geht selbst an Bond nicht spurlos vorbei.

„Last rat standing“

Was folgt, ist eine Geschichte von Rache, Vertrauen und Verrat. Eine Geschichte, die den gesamten MI6 auslöschen könnte - aber eben nicht Nationen oder die ganze Welt. In „Quantum of Solace“, dem letzten Bond-Film, ging es immerhin noch um die Trinkwasserreserven in Brasilien. In „Skyfall“ geht es um Persönliches. Büroknatsch, aber mit Glamour und den beteiligten Angestellten Daniel Craig, Judi Dench und Javier Bardem in der Rolle des Drahtziehers allen Übels.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Im Labyrinth des Schweigens Wie ein junger Staatsanwalt den Schrecken von Auschwitz erkennt

Der junge Staatsanwalt Johann Radmann hat im Frankfurter Auschwitz-Prozess Täter und Opfer vernommen. Der Film Im Labyrinth des Schweigens zeigt eindringlich, wie sich ihm und dem deutschen Volk die Augen öffnen für die Monstrosität der nationalsozialistischen Verbrechen. Mehr Von Hans Riebsamen

31.10.2014, 14:00 Uhr | Rhein-Main
Boyhood

Zwölf Jahre lang hat Richard Linklater an seinem Film Boyhood gedreht - die Chronik einer Jugend, wie es noch keine gab. Und ein Triumph des amerikanischen Kinos aus europäischer Tradition. Mehr

04.06.2014, 13:41 Uhr | Feuilleton
Frankfurter Kino Mal seh’n Licht aus, wir sind im Kino

Oft totgesagt, immer noch da: Auch die Macher des Frankfurter Kinos Mal seh’n vermelden seit Jahren sachte steigende Besucherzahlen. Seit 30 Jahren macht der Lichtspielverein Programm - trotz mancher Krise. Mehr Von Eva-Maria Magel

26.10.2014, 17:59 Uhr | Rhein-Main
Bond-Bösewicht Richard Kiel gestorben

Als Der Beißer wurde er berühmt, nun ist der einstmalige Kontrahent von James Bond gestorben. Im Alter von 74 Jahren starb der amerikanische Schauspieler Richard Kiel am Mittwoch (Ortszeit) im Saint Agnes-Krankenhaus im kalifornischen Fresno. Mehr

11.09.2014, 08:56 Uhr | Feuilleton
Gastbeitrag Warum Deutschland die Türken ausspionieren muss

Wenn es ein Nato-Land gibt, das es verdient hat, von den anderen Mitgliedern der Allianz ausspioniert zu werden, dann ist es die Türkei. Ankaras Zaudern im Kampf gegen den Islamischen Staat ist ein weiterer Beleg dafür. Mehr Von James Kirchick

20.10.2014, 18:39 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 26.10.2012, 15:39 Uhr

Warhol mit Zeitungsbeilage

Von Patrick Bahners

Wie kann man Leser noch schockieren, die man an optische Sensationen gewöhnt hat? Mit der Mittwochsausgabe dieser Woche gelang der „New York Times“ das Kunststück: Die Zeitung wurde in eine Anzeige verpackt. Mehr 2