22.08.2011 · Das Kaufhaus ist ihr Tempel, Sex gegen Ware ist ihr Tauschgeschäft: In „Shopping Girls“, dem ausgezeichneten Debütfilm der polnischen Regisseurin Katarzyna Roslaniec, zahlt ein Mädchenquartett einen hohen menschlichen Preis.
Von Hans-Jörg RotherDas Kaufhaus ist ihr Tempel, wo sie Tag für Tag den Konsumgütern des Wohlstands huldigen. Milena, Kaja und Julia haben heraus, wie es nicht beim bloßen Anschauen von modernen Mobiltelefonen, Kosmetika und tollen Jeans bleiben muss. Nun soll auch die Landpomeranze Alicja ins Tauschgeschäft Sex gegen Ware eingeführt werden – und es gelingt. Doch den menschlichen Preis, den die gerade erst Vierzehnjährige beim Rollenwechsel zu zahlen hat, kann ihr kein „Sponsor“ ersetzen.
Katarzyna Roslaniec, die junge Regisseurin des mit „Shopping Girls“ vergröbert übersetzten Debüts „Galerianki“, hat ihr Handwerkszeug an der Warschauer Filmhochschule und in einem von Andrzej Wajda geführten Masterkurs erworben. Wie der Großmeister des polnischen Films fühlt auch sie sich, in Polen kann es kaum anders sein, dem „Kino der moralischen Unruhe“ verbunden, das seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dem Filmemachen an der Weichsel die oppositionelle Rolle vorgibt. Vor moralischen Abgründen zu warnen, die Strauchelnden aufzurichten, diese fast seelsorgerische Aufgabe ist bis heute aktuell geblieben und prägt nun auch den hervorragend fotografierten Preisträger des Cottbusser Festivals (Kamera: Witold Stock).
„Wer weiß, was uns im Leben erwartet“
Dem jungen Publikum, an das sich der Film zuvörderst richtet, dürfte es nicht schwerfallen, in dem aufgedrehten, daheim wie in der Schule durch Unlust und Übermut auffallenden Verhalten der weiblichen Viererbande ein Stück von sich selbst wiederzuerkennen. Auf der anderen Seite erlebt der Zuschauer die Ohnmacht der Eltern vor der pubertären Selbstherrlichkeit, allen voran die der vor Sorge die Fassung verlierenden Mütter.
Die einfachen Verhältnisse, in denen Alicjas Familie lebt, geben dem Gegensatz zwischen dem prinzessinnenhaften Stolz der Girls und ihrem beschränkten finanziellen Spielraum noch die besondere Würze. „Wer weiß, was uns im Leben erwartet“, mit dieser Frage kommt einem der Mädchen einmal die Ahnung, dass in Zukunft ihre Jugendlichkeit allein keine Erfolge mehr einfahren wird. An der Spitze der jungen Schauspieler erstreitet sich Anna Karcmarcyk als hervorragende Interpretin der Metamorphose Alicjas von der anlehnungsbedürftigen Naiven zur skrupulösen Draufgängerin verdientermaßen ihren ersten Darstellerpreis. Wie man wirkungsvolle Posen einstudiert und so eine neue Identität ausprobiert, die eigene Stimmung indes das Lügengespinst wieder zerreißt, wird von ihr in schöner Anschaulichkeit erkennbar gemacht. Die Regie achtet auf das erhellende Gran Abstand, das vor einem bloßen Mitleidserlebnis schützt.
Mit zündenden Songs zusätzlich in Schwung versetzt, passt „Shopping Girls“ trotzdem nicht ins Schubfach des Jugendfilms. Dazu ist dieses Modell zu sehr Spiegel einer Gesellschaft, in der viele Mittel recht sind, um die glitzernden Früchte des Wohlstands zu erlangen, und sei es nur ein supermodernes Handy. Mit deutschen Untertiteln kommt der bereits 2009 entstandene Film nun auch bei uns in ausgewählte Kinos.