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Im Kino: Shirin Neshats „Women wirthout Men“ Gleichnis vom verlorenen Paradies

01.07.2010 ·  Als Foto- und Videokünstlerin hat sich die Exil-Iranerin Shirin Neshat einen Namen gemacht. In ihrem Kinodebüt „Women without Men“ trauert sie um die persische Demokratie. Der Film spielt mit Bildern, statt sie auszudeuten.

Von Andreas Kilb
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Auf zwei Wegen gelangt man in den verborgenen Garten. Der eine führt durch eine Öffnung in der Mauer, wo ein Bach, der die Bäume und Blumen des Gartens tränkt, sich zwischen den Steinen hindurchschlängelt. Diesen Weg gehen Zarin, die aus dem Bordell entflohene Prostituierte, Faezeh, die unglücklich Liebende, und Munis, die Kämpferin für Freiheit und Demokratie, die ihren Schleier wie eine Fahne trägt. Fakhri, die Frau des Generals, wählt dagegen den Zugang durch das Haupttor.

Sie hat das Anwesen gekauft, um es in ein Refugium für sich und ihre großbürgerlichen Freunde zu verwandeln. Deshalb spazieren bald Herren im Smoking und Damen in Abendkleidern durch das Tor in den Garten und die Villa, die er umschließt - die iranische Hautevolee der fünfziger Jahre. Und mit ihnen Musiker und Sänger. Und hinter ihnen Soldaten.

Der Garten in der Steppe ist das zentrale Bild von Shirin Neshats Film „Women without Men“ und sein wichtigster Schauplatz. Wie alle großen Bilder des Kinos ist er Metapher und Wirklichkeit in einem: Zuflucht für verzweifelte Frauen, Lustort für die gelangweilte Bourgeoisie, Symbol des Exils, das vielen seiner Figuren bevorsteht und in dem auch die Regisseurin lebt (siehe auch: Magierin der Gegensätze). Und er ist eine Falle. Man kann sich in ihm verlieren und dabei übersehen, dass der Film nicht von Bäumen, Blumen und Teichen handelt, sondern von ganz anderen Dingen. Wer begreifen will, worum es in „Women without Men“ eigentlich geht, muss den Garten verlassen. Das fällt nicht nur den Heldinnen des Films schwer. Auch der Zuschauer ist wie betäubt von der Schönheit des Refugiums, das an die pairidaeza-Gärten der persischen Großkönige erinnert, jene Orte, von denen unser Wort für das himmlische Jenseits abstammt: Paradies.

Gleichnis statt Gleichung

Shirin Neshat, die als Foto- und Videokünstlerin bekannt ist, hat für „Women without Men“ einen Roman der iranischen Schriftstellerin Shahrnush Parsipur adaptiert. Dasselbe Buch liegt auch Neshats gleichnamigem, parallel zu ihrem Kinodebüt entstandenen Videoprojekt zugrunde. Eine der Romanfiguren, die sich in einen Baum verwandelt, wurde für den Film jedoch gestrichen. Zudem verwandelte sich eine andere Figur von einer passiv Leidenden in eine politische Aktivistin. Diese Änderung ist entscheidend. Sie verbindet den magischen Realismus der Vorlage mit der Realität der iranischen Geschichte. Die vier Frauen, von denen der Film erzählt, sind nun nicht mehr Opfer eines privaten Verhängnisses, sondern Zeitzeuginnen der Tragödie, die im Sommer 1953 über ihr Land hereinbricht.

Dennoch ist „Women without Men“ keine Geschichtsstunde. Der Film hätte es der iranischen Zensur leichtmachen können, indem er die historische Linie von den Kämpfen des Jahres 1953 bis zur Oppositionsbewegung von 2009, auf die die Regisseurin in Interviews hingewiesen hat, auch auf der Leinwand gezogen hätte. Stattdessen hält er die vielen Welten, die er zeigt, in der Schwebe. Die Welt des Gartens und die Welt der Großstadt. Die Männerwelt der Moschee, die Frauenwelt des Badehauses. Er deutet die Bilder nicht aus, er spielt mit ihnen. Statt einer Gleichung präsentiert er ein Gleichnis.

Wie eine persische Pietà

Es schadet nicht, ein paar Daten zu kennen, bevor man Shirin Neshats Film sieht. Im Frühjahr 1951 beschließt die iranische Regierung unter Mohammed Mossadegh, die von den Briten kontrollierte Ölindustrie des Landes zu verstaatlichen. England reagiert mit einer Seeblockade, die eine Wirtschaftskrise in Iran auslöst. Der Schah beruft einen neuen Premierminister, doch eine Volksbewegung bringt Mossadegh zurück an die Macht. Im August 1953 inszeniert schließlich die CIA einen Armeeputsch, der Mossadegh stürzt und die iranische Ölförderung wieder unter westliche Aufsicht bringt. Fortan regiert der Schah das Land mit Hilfe politischer Marionetten und des Geheimdienstes, bis er 1979 von Chomeini gestürzt wird.

In „Women without Men“ bildet Mossadeghs Sturz den Wendepunkt des Geschehens. Am Anfang sieht man Munis (Shabnam Tolouei) vor einem Radio knien und den patriotischen Aufrufen der Regierung lauschen. Ihr Bruder, ein frommer Eiferer, zerstört das Gerät und sperrt Munis im Haus ein. Sie stürzt sich vom Dach, in einer Sequenz, die zu den schönsten und traurigsten im Kino der vergangenen Jahre gehört. Aber Munis ist nicht tot. Von ihrem Bruder hastig verscharrt, von ihrer Freundin Faezeh (Pegah Ferydoni, siehe auch: Pegah Ferydoni im Gespräch: Wo ist die Aufklärung?) ausgegraben und reanimiert, beginnt sie ein zweites Leben im kommunistischen Untergrund, marschiert in Demonstrationszügen, verteilt Flugblätter mit Streikaufrufen. Am Ende wird sie, die auferstandene Tote, den einzigen Toten des Films in ihren Armen halten, einen jungen Soldaten, der von Munis' Parteifreunden erstochen wurde. Sie weint über dem Leichnam wie eine persische Pietà.

Alles, was geschieht, ist zugleich real und symbolisch

Während Munis vergeblich für Mossadegh kämpft, flieht die zierliche Zarin (Orsi Tóth) aus dem Bordell, in dem sie ihre Tage fristet, und die Generalsgattin Fakhri (Arita Shahrzad) verlässt ihren Mann. Aber während Zarin einen Reinigungsprozess durchläuft - in einem Badehaus schrubbt sie sich den Schmutz ihres früheren Lebens ab, bis ihre Haut zu bluten beginnt -, kauft sich Fakhri bloß ein neues Haus. Genauso verschieden reagieren sie auch auf das Schicksal des Landes: Zarin stirbt, als die Armee putscht, während sich Fakhri zu den Kollaborateuren schlägt, die die neuen Machthaber mit Gesang und Tanz unterhalten.

Bei seiner Premiere auf dem Festival in Venedig im letzten Herbst ist dem Film vorgehalten worden, er konturiere seine Figuren nicht scharf genug. Aber diese Unschärfe gehört zur Strategie einer Geschichte, in der alles, was geschieht, zugleich real und symbolisch ist. Wenn man die fließenden Bildkompositionen von „Women without Men“ sieht, denkt man an die Filme eines Luis Buñuel, der ebenfalls wenig auf Psychologie und viel auf Kinozauber gegeben hat. Und genau wie Buñuel hat auch Shirin Neshat das Land, aus dem sie stammt, im Exil wiedererschaffen - nicht als fotografisches Abbild, sondern als Phantasmagorie. Dass die Sprechweisen der Schauspieler und die persischen Schriftzeichen an den Mauern des Drehorts Casablanca nicht immer stimmen, dürfte dabei all jenen Zuschauern gleichgültig sein, die aus „Women without Men“ die Vorgeschichte des heutigen Iran herauslesen werden.

Zuletzt, nach dem Fest, dessen Überraschungsgäste in Jeeps und mit geladenen Maschinenpistolen erschienen, ist der Garten entweiht, das Paradies geschändet, die Stimme der Vögel verstummt. Die letzten Nachtschwärmer fahren den Weg zurück durch die Steppe, den sie gekommen sind. Zuvor aber hat das traurige Mädchen aus dem Bordell den ausgedörrten Boden vor den Mauern mit Blüten besteckt. Sie bilden ein Zeichen, das gelesen werden will. „Women without Men“ lädt uns dazu ein.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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