26.06.2009 · Die „Blutgräfin“ Erzsébet Báthory soll vor vierhundert Jahren junge Mädchen getötet und in ihrem Blut gebadet haben. Julie Delpy hat ihr einen Film gewidmet, der die Legende einerseits zu entlarven versucht, sich andererseits aber in ihr suhlt.
Von Andreas KilbKostümfilme spielen mit einem optischen Trick. Der größte Teil des Geldes, das sie verschlingen, steckt in den Kulissen, Kleidern und kostbaren Schauplätzen, aber die Anstrengung der Geschichte besteht darin, das alles vergessen zu machen, die Figuren aus ihrer Maskerade in unsere Gegenwart zu reißen. Dass dieser Trick in Julie Delpys Film „Die Gräfin“ nicht funktioniert, liegt weniger am Budget, für das fünf Koproduzenten immerhin acht Millionen Euro springen ließen, als an der Unentschlossenheit der Regisseurin, das, was sie hinter der Kamera in Gang setzt, als Hauptdarstellerin konsequent zu Ende zu bringen.
Es geht um Erzsébet Báthory, eine ungarische Adlige, die um die Wende zum siebzehnten Jahrhundert angeblich Dutzende junge Mädchen in ihr Schloss gelockt, getötet und im Blut ihrer Opfer gebadet hat. Um eine Vampirin also; aber, so wie Delpy die Geschichte erzählt, auch um Frauenmacht in einer von Männern beherrschten Welt, um die Gier nach ewiger Jugend und die Sehnsucht nach Selbstbestimmtheit in Liebesdingen.
Eine Frage des Stils
Lauter Denkhilfen, die die Kräfte in einem historischen Stoff entfesseln oder auch lähmen können. In „Die Gräfin“ geschieht beides. Mal bemüht sich der Film, die Legende, die sich um Báthory rankt, feministisch zu entlarven, dann wieder bedient er sich ihrer, um selbst in Purpur zu malen. Er will seine Heldin reinwaschen mit Blut. Doch vor den grausigen Einzelheiten, die er heraufbeschwört, scheut er immer wieder zurück, wohl mit Blick auf die spätere Fernsehausstrahlung. „Die Gräfin“ durfte kein Schocker werden. So wurde es ein Schockerchen in Brokat.
Dass die Liebesgeschichte zwischen Erzsébet (Delpy) und dem jungen Istvan Thurzo (Daniel Brühl), die den Film zusammenhalten soll, nicht überzeugt, ist auch eine Frage des Stils. Er ist ein Stutzer der Spätrenaissance, sie eine entflammte Matrone der Romantik. Julie Delpy, die als Schauspielerin sonst so viele Zwischentöne beherrscht, hat für solche Nuancen kein Gespür, ihre Grausamkeit wirkt aufgesetzt, ihr Liebeswahn forciert. Einige glänzend besetzte Nebenrollen (Anamaria Marinca als Báthory-Vertraute, William Hurt als politischer Gegenspieler) sorgen dafür, dass der Film, obwohl schwankend, nie ganz aus der Kurve fliegt. Aber am Ende siegt doch das Kostüm. Nicht der Turm, in den man sie einsperrt, sondern der unausgegorene Stoff ist das Gefängnis, in dem „Die Gräfin“ erstickt.