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Im Kino: „Schlafkrankheit“ : In einem dunklen Wald

In „Schlafkrankheit” werden Brücken gebaut - und abgebrochen: Der engagierte Arzt Ebbo (Pierre Bokma) wird Vera (Jenny Schily) vermissen. Bild: dpa

Viele starke Bilder, aber kein wirklich großer Film: In Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit“ führen die Wege nach Afrika und auf den Spuren Joseph Conrads nicht immer wieder zurück.

          Der Film fängt zweimal an, mit zwei Männern, zuerst nachts, dann im Tageslicht. Der erste Mann, der zu Beginn mit seiner Familie durch die Dunkelheit Kameruns fährt, ist ein deutscher Entwicklungshelfer mit seiner Familie. Der zweite Mann, der nach vierzig Minuten in einem Pariser Unesco-Tagungszentrum sitzt, ist ein französischer Arzt mit afrikanischen Wurzeln. Die beiden gehören zusammen wie Schwarz und Weiß, Tage und Nächte, Klischee und Wirklichkeit Afrikas. Aber ihre Perspektive ist nicht dieselbe. Zwischen den zwei Anfängen liegt ein langes Stück Schwarzfilm, ein Atemholen, aber auch eine Art Sekundenschlaf, aus dem die Geschichte verwandelt auftaucht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dieses Dazwischen ist Ulrich Köhlers Terrain. In seinem Kinodebüt „Bungalow“ erzählte er von einem Bundeswehrrekruten, der auf dem Weg zur Kaserne abhaut, aber nicht mehr in die Welt seiner Kindheit zurückfindet. Sein zweiter Film „Montags kommen die Fenster“ handelte von einer jungen Frau, die sich nicht entschließen kann, wie sie leben will, allein oder zu zweit, wild oder behütet. In „Schlafkrankheit“ ist es der Arzt Ebbo (Pierre Bokma), der vor der Entscheidung steht, mit Frau und Tochter zurück nach Deutschland zu gehen oder in einer Krankenstation, die ihren Zweck, die Bekämpfung der Schlafkrankheit, erfüllt hat und deshalb überflüssig ist, den Rest seiner Tage zu verdämmern. Eigentlich ist alles klar. Aber dann sieht man Ebbo, der die Familie nach Hause vorgeschickt hat, allein in seiner leergeräumten Arztvilla stehen und weinen. Afrika hat ihn tiefer gepackt, als er wahrhaben will.

          Das Märchen vom Einswerden mit der Natur

          Im zweiten Teil des Films hat er sich dann entschieden, und es gibt kein Zurück mehr. Natürlich ist das auch die Geschichte von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, und weil Köhler das weiß, wechselt er die Blickrichtung. Der Arzt Alex (Jean-Christophe Folly), den er Ebbo gegenüberstellt, hat dunkle Haut, aber er bewegt sich durch das Gelände der Krankenstation, die er für die Unesco evaluieren soll, wie ein verunsicherter Weißer, und in der erstbesten Krisensituation versagen ihm die Nerven. Dass Ebbo die Brücken hinter sich abgebrochen hat, sieht man dagegen schon am Zustand der Straße, die zur Station führt. Die Subventionen aus Paris braucht er, um den Clan seiner afrikanischen Geliebten durchzufüttern, und als seine Lage unhaltbar wird, macht er Ernst mit dem Märchen vom Einswerden mit der Natur.

          Das alles hat eine große innere Logik, aber auf der Leinwand wirkt es dennoch fahrig, fragmentarisch, gehemmt. Dieselbe erzählerische Zurückhaltung, die in Köhlers Geschichten aus Deutschland die Figuren zwanglos konturiert, lässt sie hier verschwimmen, und das Spiel mit Naturmythen, welches sich der Regisseur bei dem Thailänder Apichatpong Weerasethakul abgeschaut hat, hat etwas Aufgesetztes, das der nüchternen Geduld von Patrick Orths Kamera widerspricht. Es ist, als hätte Köhler, der selbst seine frühe Kindheit als Sohn eines Entwicklungshelfers in Afrika verbracht hat, nicht gewusst, wie nah er die Geschichte an sich heranlassen soll, und deshalb ihre dramatischen Konflikte absichtlich unterdrückt. Es gibt viele starke Bilder in „Schlafkrankheit“, von der nächtlichen Ankunft bis zum Auftritt des Nilpferds am Schluss. Aber eine Folge großer Bilder ist noch kein großer Film.

          Quelle: F.A.Z.

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