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Im Kino: „Savages“ : Abschiebeknastkino für smarte weiße Jungs

Und dann qualmen sie auch noch unseren blonden Frauen was vor: Blake Lively, links, zum Passivrauchen gedemütigt von Benicio Del Toro Bild: dpa

Mexikaner, sagt die Kamera, sind Wilde: Oliver Stone choreographiert in „Savages“ rassistische Action-Pirouetten auf unfruchtbarem Bilderboden.

          In einer der aufgeräumteren Szenen dieser intermittierend recht unterhaltsamen, mit aufgetauten Stilresten aus Oliver Stones großer schöpferischer Dekade von 1987 bis 1997 bis zur bauchigen Unwucht vollgepfropften Produktion wird Benicio Del Toro auf John Travolta losgelassen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Travolta, als korrupter Cop, dem das Leben den Kurzhaarkopf zur starren Mackermaske kaputtgeschnitzt hat, muss die lauernde Jagdhundpräsenz des mexikanischen Mafiagangsters, den Del Toro spielt, mit Rabulistik in Schach halten: Du brauchst mich und solltest mich deshalb nicht umlegen. Ach ja? Del Toro zuckt dezent mit seinen attraktiven Augenbrauen. Die beiden Schauspieler feiern, was sie können, indem sie einander simultan überbieten und unterlaufen: Dean Martin trifft Jerry Lewis, aber auf Leben und Tod.

          Ein Fest männerbündlerischer Ausgekochtheit

          Amüsante Minuten sind das, aber ihr Humor wird schal, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ihr Kontext ein zu weitschweifiger Western-Breite ausgewalztes Fest männerbündlerischer Ausgekochtheit ist, dessen militarisierte, verklemmt angedeutete statt riskant ausgespielte Homoerotik samt streberhafter Hippie-Liberalität die schreckliche Frage aufwirft: Stellt sich Oliver Stone so etwa sein Verhältnis zu Quentin Tarantino vor?

          Hart genug, in wirren Peckinpah-Zitaten die Kugeln durch die Luft pfeifen und die Köpfe rollen zu lassen, erotisch transgressiv genug, in putzigen Vögelszenen auch mal einen männlichen, nicht immer nur einen weiblichen Hintern dank Baby-Öl aus dem Schminkkoffer glänzen zu lassen, und pfiffig genug, das Gelärme mit Witz, Ironie und tieferer Schaumschlägerei abzuschmecken: Wahrlich, wir beide, der Knabe Quentin und ich, sind wir nicht zwei verdammte Teufelskerle? So wird hier geredet, so wird hier inszeniert - man kommt sich vor, als würde jede Behauptung, die diese Bilder wagen, mit der kumpelhaften Anrede „Alter“ beginnen oder enden.

          Der sensible Philanthrop Ben (Aaron Johnson) und der treue Soldat Chon (Taylor Kitsch) sind zwei junge, stattliche Männer, coole weiße Kalifornier und Herrscher eines Kifferkönigreichs. Ben kennt sich mit Agrarchemie und Betriebswirtschaft aus, während Chon, der dem Imperialismus in islamischen Gegenden gedient hat, viel von Sicherheit und Mord versteht. Niemand verkauft besseres Marihuana als diese beiden.

          Die straffe Romanvorlage hierzu stammt von Don Winslow und hält ihre Coolness einigermaßen gefasst aus. Wer Oliver Stone unbedingt seine Selbstverkennung als gesellschaftskritischer Sittenchronist abkaufen möchte, mag in „Savages“ manchmal etwas wie eine Kritik des sogenannten „kognitiven Kapitalismus“, der dummen Gleichung „Ideen sind das neue Geld“, vorüberhuschen sehen: Dass die beiden smarten Jungs ihren Laden und ihren Lebensstil nur retten können, weil das Netzwerk aus kosmopolitischen Hackern, kooperativen Vertriebsspezialisten und anderen Neunmalklugen, auf das sie sich verlassen, im Zweifelsfall von Mordkommandos Feuerschutz erhält, die ihr Handwerk beim Niedermetzeln Aufständischer in Afghanistan oder im Irak gelernt haben, könnte als Gleichnis auf die gewaltförmige Wahrheit hinter der Bildschirmschonerfassade des Nerdismus gelesen werden.

          Doppelter Boden ohne Tiefenwirkung

          Zerschellen aber muss diese wohlmeinende Lesart an der kindisch aufgekratzten Freude, mit der hier Leute von südlich der Grenze der Vereinigten Staaten als fratzenhaft dämonische, jedem zivilisatorischen Impuls unzugängliche Schießbudenfiguren vorgeführt werden. Eine grenzdebile Karikatur aus Höhere-Töchter-Sentimentalität und naivem Valley-Girl-Gequatsche darf die weibliche Erzählstimme abgeben; der doppelte Boden, den die Story hat, soll dazu eine Tiefe suggerieren, die von keinem einzigen ästhetischen Gedanken gedeckt ist, der mehr wäre als aalglattes Stilgetue, so naseweis dämlich wie die Lounge-MusicCoverversion von David Byrnes „Psycho Killer“, die in einer besonders abgeschmackten Sequenz dem Ohr der Bescheidwisser schmeicheln soll.

          Mexikaner, sagt die Kamera und will sich zugleich mit Hardboiled-Augenzwinkern auf Überzeichnung herausreden, sind „Savages“, Wilde. Mit dem Wort spielt der Film zwar Leitmotivlego: Auch ein Kartellkiller darf die Weißen einmal damit beschimpfen. Aber nur, weil sie eine wilde Ehe zu dritt führen - der Untermensch als Spießer, ein Zuckerchen fürs gute liberale Gewissen des kritischen Kinopublikums. Widerlich, Alter.

          Quelle: F.A.Z.

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