31.07.2010 · Wie ein Projekt unter Freunden: Dietrich Brüggemanns lässiger Debütfilm „Renn, wenn du kannst“ über die Gehversuche eines jugendlichen Trios zeigt, dass in der Talentschmiede des deutschen Films noch Kraft steckt.
Von Andreas KilbBen sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Annika traut sich nicht, das Cello-Solo, an dem sie seit Monaten übt, vor Publikum zu spielen. Und Christian reißt seinen Zivildienst herunter und wartet darauf, dass ihm das Leben ein Zeichen gibt. Und als sie zusammenkommen, erst zu zweit, dann zu dritt, klappt auch erst einmal nicht viel, es gibt Verletzungen, seelische und körperliche, blaue Flecken, kaputte Scheiben, geplatzte Illusionen, die ganze Skala jugendlicher Leiden. Aber die Geschichte rennt, kriecht und stolpert weiter, genau wie das Trio, von dem sie erzählt, und findet so zu einem Rhythmus, der den dreien entspricht und die Welt da draußen dennoch nicht aussperrt.
Ein Stück von Duisburg ist zu sehen und ein bisschen Bottrop, Stadtränder, Plattenbauten, ein aus der Zechenlandschaft ragender Aussichtsturm, Autobahnen, Ruhrgebiets-Milieu, aufgepumpt mit nervöser Energie. Am Ende werden Ben und Annika beinahe ein Paar, Christian bekommt eine Abreibung, und das Meer brandet um die Grundmauern der Hochhäuser. Fast ist es wie im klassischen Weltende-Gedicht: „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, / ... und an den Küsten, liest man, steigt die Flut.“
Charmante Unordnung
Dietrich Brüggemann, Jahrgang 1976, hat diesen Spielfilm - seinen ersten nach der Abschlussarbeit an der Babelsberger Filmhochschule - inszeniert, Anna, seine Schwester und die Koautorin des Drehbuchs, spielt die weibliche Hauptrolle, und auch sonst sieht „Renn, wenn du kannst“ wie ein Projekt von Freunden aus. Deshalb nimmt man dem Film vieles ab, was anderswo gezwungen und ausgedacht wirken würde, den selbstzerstörerischen Zynismus etwa, mit dem Robert Gwisdek als Ben die knappe Ration Spaß, die ihm geblieben ist, auch noch zerschlägt, oder die schlurfende Hingabe, mit der Christian (Jacob Matschenz) an dem gelähmten Miesmacher hängt.
Ein ordentlicher Film über Behinderte und Zivildienstler sieht anders aus, weshalb man die Unordnung dieser Geschichte in vollen, manchmal auch nur halben Zügen genießt, die ungelenken Bett-, die überkandidelten Traumszenen, die Prügelei im Krankenhaus, den weißen Amischlitten in der Hochhausgarage, das Brahmskonzert vom Band.
Der deutsche Film hat also noch Kraft, Kräfte für ein solches Debüt, auch wenn es natürlich nicht Filme wie „Renn, wenn du kannst“ sind, die das System am Laufen halten, sondern „Männerherzen“ und „Zweiohrküken“ und was es sonst an Leinwand-Popcorn gibt. Dennoch tut es gut zu sehen, dass immer wieder etwas nachwächst aus den Talentschmieden, dass die Ideen noch nicht ganz abgeschliffen und die Formate noch nicht ganz fernsehgerecht sind. Wenn man dem Film der Brüggemanns etwas vorwerfen kann, dann ist es, dass er sich auf seinen coolen Sprüchen und cleveren Dialogen zu sehr ausruht: „Renn, wenn du kannst“ ist gut eine Viertelstunde zu lang. Aber gerade das sei ihm verziehen, denn an Geschichten, die zu schnell auf den toten Punkt kommen, gibt es in Deutschland keinen Mangel. Diese hier aber plappert nicht bloß, sie spricht.