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Im Kino: „Quartett“ Vier Senioren mit roten Ohren

 ·  Eine Geschichte von Oma, Oper und Opa: Das Regiedebüt „Quartett“ des Schauspielers Dustin Hoffman fasst das Wort „Altstimme“ buchstäblich auf.

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Die Fotos vom roten Teppich der Deutschland-Premiere des neuen Films „Quartett“ von Dustin Hoffman sind ziemlich uncharmant. Zwei alte Männer küssen eine alte Frau. Regisseur und Hauptdarsteller Tom Courtenay sind fünfundsiebzig, Nebendarstellerin Dame Gwyneth Jones ist sechsundsiebzig Jahre alt. Zwar steht man damit heute immer noch mitten im Leben, doch das Blitzlicht der Fotografen zeigt etwas anderes. Man sieht Pigmentflecken, Falten, Pergamentpapierhaut, die Farben sind fahl, kalt, Weiß, Grau. Es sind die wahren Farben des Alters. In Hoffmans Film kommen diese Farben selbstverständlich nicht vor.

Ein rosiger Filter liegt über all diesen Bildern. Ein ewiges, goldenes Herbstlicht. Die Seniorenresidenz Beecham House - benannt nach dem britischen Dirigenten Sir Thomas Beecham, im wahren Leben heißt der pompöse alte Landsitz Hedsor House und wird für Hochzeiten vermietet - wirkt wie von der Abendsonne geküsst. Sie liegt irgendwo in Buckinghamshire, dort, wo England am grünsten und hügeligsten ist, märchengrünes Auenland. „Quartett“ spielt once upon a time, der Film erzählt von lustigen alten Leuten, von Erinnerungen, Läuterungen, vom Sieg der Liebe.

Die Hackordnung des Altersheims

“Alt werden ist nichts für Sissis“, behauptet eine der vier Hauptfiguren, Bette Davis habe das auch immer gesagt. Die ehemalige Mezzosopranistin Cecily (Pauline Collins), die mit anderen alten Musikern in diesem Musikeraltersheim untergebracht ist, zitiert den Satz wieder und wieder, wie ein Mantra, sie wird nämlich von Demenz geplagt. Und trotzdem ist gerade diese verhuschte, in Auflösung befindliche Cecily, die witzigerweise von allen „Cissy“ gerufen wird, der blühenden Wunscherfüllungskaiserin Romy Schneider überraschend ähnlich. Ähnlich niedlich, ähnlich piepsig. Dauernd wundert sie sich, wie die Zeit vergeht. Man muss sie einfach mögen.

Cissy gehört zum Festkomitee in Beecham House. Sie bereitet gemeinsam mit dem cholerischen, aber fast ebenso vergesslichen Impresario Cedric Livingstone die große Benefizgala vor, die jedes Jahr zur Feier von Verdis Geburtstag stattfindet. Alle Heiminsassen wirken mit, im Chor proben sie das Brindisi aus „La Traviata“, die einen schleppen, die anderen streiten, so geht das los.

In Würde senil werden

Livingstone, grandios gekaspert von Michael Gambon, trägt gewiss nicht zufällig ganz ähnliche Klamotten, bodenlanger Seidenkaftan, ein besticktes Käppi, wie in seiner Rolle als Dumbledore in den „Harry Potter“-Filmen. Und auch die Sopranistin Jean Horton, die widerstrebend neu eingewiesen wird ins Altersheim, ist ein aus den Potter-Filmen wohlvertrautes Gesicht: Dame Maggie Smith. Eine der ganz Großen ihres Fachs war diese Jean Horton. Ihre Blicke könnten töten, sie steigt in der Hackordnung des Heims gleich ganz oben ein. Und doch geht es dieser bitteren alten Giftschlange wie allen anderen hier: Sie können plötzlich tief hineinfallen in das nächstbeste Erinnerungsloch.

Eine der lächerlichsten, zugleich rührendsten Szenen des Films ist die, als sich Jean, bei ihrer Ankunft vom Applaus der anderen überrascht, plötzlich verwandelt, ihr professionelles Diven-Leuchten anknipst und sich mit großer Geste nach allen Seiten verbeugt. Fortan geht es nur noch darum, ob sich die große Jean Horton dazu überreden lässt, an der Gala mitzuwirken, und ob sie sich mit ihrem Ex, dem lyrischen Tenor Reginald Paget, der ihretwegen seine Karriere knickte und jetzt nur noch „in Würde senil werden“ will, wieder aussöhnt.

Beides klappt. Wie in einem Märchen wird am Ende alles gut. Und aus dem Off tönt das Quartett aus „Rigoletto“ in einer glänzenden historischen Aufnahme, auf der kleinen Altersheimbühne verbeugen sich die Großen von einst, Hand in Hand, Cissy und Jean, Reginald (Reggie) und Wilfred (Wilf), alle Zuschauer in Beecham House haben Tränen des Glücks in den Augen, wir im Kino auch.

Oper und Rap im Strom der Gefühle

Dass dieser Film, mit dem Dustin Hoffman sein Regiedebüt gibt, nicht total im Weichzeichnerkitsch versinkt, dafür sorgt einerseits die pointenfunkelnde Dichte der Dialoge, andererseits die hohe Schauspielkunst der Protagonisten, die sämtlich vom Theater kommen. Nein, doch nicht ganz sämtlich: In Nebenrollen sind auch etliche echte Musiker unterwegs, eine Pianistin, ein Jazz-Duo, und die Soprandiva Anne Langley wird tatsächlich von Dame Gwyneth Jones gemimt, sie singt live die Arie „Vissi d’arte“ aus „Tosca“, und ihre beiläufig boshafte Bemerkung, die „arme Freni habe sich immer so geplagt“, ist ein herzlicher Lacher von vielen.

Auch die Wortgefechte, die sich der unverbesserliche Schürzenjäger Wilfred Bond (Billy Connolly) und der zynische Reginald Paget (Tom Courtenay) liefern, sind pures Theatervergnügen. Ronald Harwood ist der Autor des Skripts, er hatte „Quartett“ (inspiriert von Daniel Schmids Dokumentarfilm „Il Bacio di Tosca“ von 1984 über die Insassen des berühmten Mailänder Musikaltersheims „Casa di Riposo“) bereits 1999 mit Erfolg im Londoner Westend auf die Bühne gebracht. Harwood schrieb ein Boulevardstück, er hatte offenbar keinen Ehrgeiz, auch die Wahrheitswucht des Originals zu kopieren. Dem Film sieht man die Theaterherkunft immer noch an. Ein Kammerspiel. Fast alles spielt sich in Innenräumen ab, der Rest ist abfotografierte Landschaft.

Und die Musik? Sie hat in diesem Musikerfilm genau die gleiche Funktion wie Farbe und Licht. Sie verschönt und versöhnt. Einmal sehen wir Reggie zu, wie er Vorlesung hält. Einer, ein junger Rapper, fragt ihn: Was ist Oper? Die Antwort: Oper ist das Sichverströmen sämtlicher Gefühle. Beim Rap, so stellt sich’s heraus, ist es auch nicht viel anders.

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