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Im Kino: „Pink“ Der Archipel Thome

16.08.2009 ·  Eine junge Punkdichterin zwischen drei Verehrern, da kann nur der Taschenrechner die Entscheidung bringen: Rudolf Thome hat um die brillante Hannah Herzsprung das leuchtend-naives Alltagsmärchen „Pink“ gedreht.

Von Peter Körte
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Als die meisten „Blog“ noch nicht mal buchstabieren konnten, hatte er schon einen, ohne ihn so zu nennen. Er führt seit 2003 sein Arbeitstagebuch im Netz, stellt Bilder dazu, veröffentlicht seine Drehbücher – und macht kein großes Aufhebens davon. Rudolf Thome, der im November siebzig wird, der seit mehr als vierzig Jahren Filme dreht, ist der große Einzelgänger im deutschen Kino, der, je nach Blickwinkel, seiner Zeit mal voraus schien und mal wie aus der Zeit gefallen. Er hat keine Schüler, keine Lobby, er hat sich nie angebiedert und nie darum gekümmert, was der jeweilige Mainstream gerade verlangte. Er dreht und schreibt und dreht, obwohl es immer schwieriger wird, so zu arbeiten. Wenn jetzt „Pink“ anläuft, kann man auf Thomes Homepage (www.moana.de) schon die Drehbücher zu den beiden nächsten Filmen nachlesen. Und ausgerechnet die Degeto, die große deutsche Fernsehschmonzettenfabrik, finanziert seit Jahren Thomes Filme mit, was man ruhig als eine Art Abbitte betrachten darf.

„Pink“ ist der Film von Hannah Herzsprung, einem neuen Mitglied der weitverzweigten Thome-Großfamilie, aus der auch diesmal viele vertraute Gesichter zu sehen sind. Hannah Herzsprung spielt nicht einfach die Titelfigur, eine junge Punkdichterin, sie trägt den Film mit einer atemberaubenden Selbstverständlichkeit. So schön, so geheimnisvoll, so kindlich und zugleich erwachsen wie Thome und seine Kamerafrau Ute Freund hat sie noch keiner aussehen lassen. Pink hat drei Verehrer, sie kalkuliert mit dem Taschenrechner, wen sie heiraten soll, und verrechnet sich natürlich. Mit dem Geschäftsmann (Guntram Brattia) ist sie einsam, verlässt ihn, und er erhängt sich. Der Verleger (Florian Panzner) ist untreu, beschert ihr einen Tripper und wird mit vorgehaltener Pistole aus der Wohnung gejagt. Was in der Ehe mit dem freundlichen Landidyllbewohner (Cornelius Schwalm) geschieht, sollte man nicht verraten. Es reicht zu sagen, dass „Pink“ ein Märchen ist, so wie es auch reicht, anzudeuten, mit welchen Gedichten Pink so erfolgreich ist.

Im Alltagsmärchenton

Und nach all den Thomefilmen, die immer einfach, klar und einleuchtend fotografiert waren, die nie malerisch sein wollten und auch nicht dokumentarisch, ist „Pink“ der Film, dessen Farben intensiver leuchten, dessen Lichtsetzung schöner ist als sonst, weil die Bilder „durchkomponierter“ wirken, ohne mit dieser geleckten Hochglanzoptik zu prahlen. Natürlich muss man sie mögen, diese scheinbare Naivität, diesen unbekümmerten Alltagsmärchenton von Thome. Es sieht so simpel aus, so anstrengungslos, es ist auf eine so diskrete wie charmante Weise ein wenig durchgedreht, wie das nur Thome kann.

Vor dreißig Jahren hat er (mit Cynthia Beatt) mal einen ethnographischen Spielfilm gedreht, „Beschreibung einer Insel“. Mittlerweile bilden seine Filme selbst den noch zu entdeckenden Archipel Thome: eine Welt, die ihre eigene Währung hat und in der die Konventionen des Erzählens einem rapiden Kursverfall unterliegen – von dem der Zuschauer profitiert.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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