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Im Kino: „Operation Walküre“ Komm in das totgesagte Land

19.01.2009 ·  Bryan Singers vieldiskutierter Film „Operation Walküre“ ist als Thriller nahezu perfekt - und als Erzählung von Stauffenbergs Attentat und Staatsstreich eine Provokation. Tom Cruise gibt der Figur Stauffenbergs eine Präsenz, die in Geschichtsbüchern nicht zu haben ist.

Von Claudius Seidl
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In diesem Film, dessen deutsche Synchronfassung, anders als bei fast allen anderen Filmen, dem englischsprachigen Original überlegen ist, weil sie genauer, schlüssiger und eben deutscher klingt, zumal im Original die britischen Schauspieler mit britischem, die amerikanischen mit amerikanischem und die deutschen mit deutschem Akzent sprechen, was, naturgemäß, die Frage aufwirft, ob dieses Durcheinander der Akzente etwas zu bedeuten habe (und die Antwort: „nein, gar nichts, das ist bloß eine Unschärfe“ ist furchtbar unbefriedigend) - in diesem Film gibt es nur eine Szene, in der die englische Fassung besser ist.

Es ist die letzte Szene, die Nacht im Bendlerblock, es ist der Moment, da die Gewehre des Exekutionskommandos schon auf Tom Cruise, den Oberst Stauffenberg, gerichtet sind, und der brüllt ihnen entgegen: „Long live the sacred Germany.“ Das jedenfalls glaubt man zu hören in diesem Moment. Und fragt sich dann: hat er vielleicht doch „secret Germany“ gesagt? „Sacred“? „Secret“? Zur Hölle, man hört da, was man hören will!

Hat Stauffenberg im Angesicht seines Todes das „geheime Deutschland“ beschworen oder das „heilige“? Ruft Stauffenberg mit seinem letzten Satz die Geister Stefan Georges herbei, oder beruft er, der in seiner Jugend überzeugt war, von den Staufern abzustammen, sich auf sich selbst, seinen Namen, seinen Uraltadel und jenes Reich, das eben nicht das Dritte, sondern das erste war?

Lieber das heilige als das geheime Deutschland

Die Stauffenberg-Experten sind sich in dieser Frage bis heute nicht einig (und werden sich wohl niemals einig werden), und die Pointe des Films wäre es, beide Lesarten zuzulassen - nicht, weil es so egal ist, sondern weil, von einem Kinosessel des Jahres 2009 aus betrachtet, eigentlich beide Sätze gleichermaßen unverständlich sind. Die deutsche Fassung hat sich für das „heilige Deutschland“ entschieden, weil das „geheime Deutschland“ den Film mit Zentnerlasten von Kontext und Vorgeschichte beschwert hätte (und am Ende hätte erst recht keiner verstanden, was so geheim an Deutschland sei).

Dass hingegen einem Mann wie Stauffenberg sein Vaterland heilig sein könne, das haben die Schöpfer des Films, der Regisseur Bryan Singer, der Drehbuchautor Christopher McQuarrie und nicht zuletzt Tom Cruise, der Hauptdarsteller, wohl für plausibler und verständlicher gehalten - und dass das bloß ein Trugschluss war, konnte Cruise deutlich sehen, auf jener Preisverleihung, auf der er Stauffenbergs heiliges Deutschland anrief und in die pikierten Gesichter eines Publikums schaute, dem nichts heilig ist außer der eigenen grundsätzlichen Profanität.

Ein neues Bild des Stars

Dass Cruise damals geehrt wurde für seinen Mut, wo er doch froh sein konnte, dass er unseren deutschen Helden Stauffenberg überhaupt spielen durfte, das hat das deutsche Publikum erst recht nicht verstanden - und wenn man aber jetzt die Kritiken aus Amerika studiert (sie stehen alle im Internet), dann sieht man genau, was so ein Hollywoodstar riskiert, wenn er eine Wehrmachtsuniform anzieht und gelegentlich, wenn auch mit Widerwillen, den Arm hebt und „Heil Hitler“ sagt. Offiziell anerkannte Schauspielkünstler wie Kenneth Branagh (der den Tresckow spielt) oder Bill Nighy (als General Olbricht) dürfen das; sie spielen ja auch den Mörder Macbeth, das Monster Richard Gloucester und bleiben doch Branagh oder Nighy dabei.

Ein Star ist aber dadurch ein Star, dass in dem Bild, welches das Publikum sich von ihm macht, die Person und ihre Rollen bis zur Ununterscheidbarkeit verschmelzen - und zum Bild des Tom Cruise gehören jetzt die Uniform und der Habitus des perfekten „kriegerischen Teutonen“ (wie der „New Yorker“ spottete). Und entsprechend hämisch lasen sich die Artikel jener Kritiker, welche Tom Cruise, nicht ganz zu Unrecht, seit einigen bizarren Auftritten voller Skepsis betrachten - es war, als hätte Bryan Singer (der berühmt wurde mit den „Üblichen Verdächtigen“ und extrem erfolgreich war mit den „X-Men“-Filmen) einen weiteren Mutantenfilm gedreht: mit Monstern, Nazis, Superschurken. Und ist nicht Adolf Hitler der üblichste der üblichen Verdächtigen?

Kein Actionfilm

Richtig daran ist, dass „Operation Walküre“ ein Film ist, ein teures, aufwendig hergestelltes Produkt der Fiktionsindustrie und nicht etwa ein Aufsatz in einer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte - und bevor einer sich abschließend äußert übers Gelingen oder Scheitern dieses Projekts, sollte er sich vielleicht klar darüber werden, zu welchem Genre dieser Film gehört. Nein, liebe Freunde des Aktenstudiums und der Quellenkritik, die ihr euch gelegentlich ins dunkle Kino verirrt: ein Actionfilm ist das ganz bestimmt nicht.

Im Actionfilm explodieren die Bomben und die Menschen, und was das Genre in Bewegung hält, sind Masse und Energie. Im Thriller dagegen geht es eher darum, dass man die Bomben und die Menschen ticken hört; was das Genre in Bewegung bringt, sind Pläne, Gedanken und Informationen, und was das Publikum auf den Kinositz fesselt, das ist die Hoffnung, dass die Bombe unter dem Tisch (über deren kinematographische Energie Alfred Hitchcock stundenlang dozieren konnte) genau im richtigen Moment explodieren möge.

Tom Cruise überzeugt als Stauffenberg

Und als Thriller ist „Operation Walküre“ nahezu perfekt - was auch daran liegt, dass dieser Film, anders als sein Untertitel verspricht, nicht bloß von Stauffenbergs Attentat erzählt, sondern, vor allem, von der Verschwörung davor und dem Staatsstreich danach; auch wer die Geschichte vom Coup der Offiziere, von der redigierten Fassung jenes „Walküre“-Plans, der eigentlich zur Abwehr eines Putsches gedacht war und zum Instrument des Putsches wurde, in der Schule durchgenommen, im Fernsehen als Dokumentation betrachtet oder in Büchern nachgelesen hat, wird die Spannung spüren, die sich schon daraus speist, dass Singers extrem präzise Inszenierung diesem Geschehen erst die Dimensionen des Raumes und der Zeit erschließt.

Und Tom Cruise gibt der Figur Stauffenbergs eine Präsenz, die in Geschichtsbüchern und Lehrfilmen (und auch im deutschen Fernsehfilm) nicht zu haben ist - man muss eben gesehen haben, wie dieser Mann, dem eine ganze Hand und zwei Finger der anderen fehlen, sein Hemd zu wechseln und seine Uniform zuzuknöpfen versucht; und welche unendliche Mühe es ihn kostet, dann die entschärfte Bombe in seiner Aktentasche zu verstauen.

Blicke, die kein Geschichtsbuch bieten kann

Und wenn der Oberst Stauffenberg nach Berchtesgaden fährt, auf den Berghof, wo Hitler mit seiner ganzen Bande (Himmler, Göring, Goebbels, Speer: alle dabei) herumhängt und Tee trinkt und den redigierten „Walküre“-Befehl unterschreiben soll: Dann mag es schon sein, dass diese Szene sich von dem, was wirklich geschah, in einigen Details unterscheidet. Was einem den Atem raubt, sind die Dimensionen der Halle, das riesige Fenster mit dem Blick auf riesige Berge, diese ganze aus den Fugen geratene Selbstinszenierung der Macht, welche auch ihre Urheber zu Zwergen schrumpfen lässt, zu den schmierigen, pompösen Kriminellen, die sie ja auch waren. Solche Blicke kann kein Geschichtsbuch bieten.

Und wer trotzdem meint, die Kritik dieses Films bestehe darin, dem Drehbuch den einen oder anderen angeblichen Fehler im historischen Detail nachzuweisen, der zeigt nur, dass er vom Kino so wenig versteht wie von dem Umstand, dass, nur zum Beispiel, Leopold von Ranke auch ein Fall für die Literaturgeschichte ist: Wer zu erzählen beginnt, steht schon mittendrin im Reich der Fiktion, und das Missverständnis der Historiker besteht immer wieder darin, dass sie in der Literatur oder im Inszenieren bewegter Bilder nur die Hilfswissenschaften sehen.

Putsch gegen die bekannten Bilder

„Operation Walküre“ ist aber ein Film aus eigenem Recht - und es ist die Stärke (und nicht etwa der Mangel) dieser Inszenierung, dass, typisch amerikanisch, aus Stauffenberg, dem Deutschen, durch dessen Kopf so manches Wirre und Geheime und so viel Stefan George spukte, ein Kinoheld wird, den man allein an seinen Taten messen muss. In seinen Kopf hineinschauen und dort die Schatten und die dunklen Seiten entdecken: das sollen andere tun; zum Zeichen dafür, dass der Mann kein Unschuldsengel war, reicht die Uniform der deutschen Wehrmacht. Wovon der Film erzählt, ist, dass und wie die Tat, die unwiderrufliche, nicht relativierbare und niemals rückgängig zu machende Tat erst den Täter macht, völlig unabhängig vom Gelingen oder Scheitern - was zugleich eine sehr amerikanische und eine fast schon existentialistische Interpretation dieser Figur ist, dieses Claus Graf Schenk von Stauffenberg, in dessen Möglichkeiten es wohl auch gelegen hätte, an seinen deutschen Empfindungen und Gedanken zu ersticken.

Dass diese Interpretation nicht ganz falsch ist, zeigt ein Brief des jungen Stauffenbergs an George, aus dem Thomas Karlauf in seiner George-Biographie zitiert: „. . . und je klarer das Lebendige vor mir steht, je höher das Menschliche sich offenbart und je eindringlicher die tat sich zeigt, umso dunkler wird das eigene blut, umso ferner wird der klang eigener worte . . .“

So putscht auch dieser Film gegen die bewährten und bekannten Bilder. Und schaut auf unser totgesagtes Land und staunt.

Von Donnerstag an in deutschen Kinos

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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