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Im Kino: „Once upon a Time in Anatolia“ : Aus dem Klagebuch eines Landarztes

Von Ceylan für die Weltkarte des Kinos vermessen: die weite und karge Kulisse Anatoliens Bild: Samir Hussein/Getty Images

Eine Fahrt durch die Nacht der Gefühle: Nuri Bilge Ceylans Film „Once upon a Time in Anatolia“ ist als türkischer Western Weltkino.

          Ein Haus an einer Fernstraße irgendwo in Anatolien. Drei Männer sitzen drinnen beim Tee, dann geht einer hinaus, um seinen Hund zu füttern. „Autowerkstatt“ steht auf einer Mauer. In der Ferne braut sich ein Gewitter zusammen. Ein Lastwagen donnert vorbei.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Eine andere, ungeteerte Straße in der Abenddämmerung. Drei Wagen mit eingeschalteten Scheinwerfern nähern sich, eine Handvoll Männer steigt aus und starrt ins Dunkel. „Ist das die Stelle?“ - „Kann sein. Da war ein Brunnen. Ich bin nicht sicher.“ Zwei der Männer tragen Handschellen, ein anderer eine Polizeiuniform. Sie sehen sich um, zucken die Achseln, kehren zu den Wagen zurück und fahren weiter durch die Nacht.

          Absichtslose Tiefe

          Ein verborgener Weg führt von der einen zur anderen Szene. Aber Nuri Bilge Ceylans Film „Once upon a Time in Anatolia“ geht ihn vorerst nicht. Dieser Regisseur, ein Türke von Geburt, ein Zeitgenosse von Tarkowski, Antonioni, Bresson und Angelopoulos durch sein Werk, lässt die Verbindungen zwischen seinen Geschichten gern offen, bis sie sich von selbst im Kopf des Zuschauers schließen. Dass der Mann mit dem Hund in der ersten Einstellung das Mordopfer ist, nach dem in der zweiten Einstellung gesucht wird, interessiert ihn weniger als die erzählerischen Möglichkeiten, die sich auf der nächtlichen Fahrt durch die leere, vom Wind zerzauste Landschaft ergeben. Ein Untersuchungsrichter, ein Arzt, drei Polizisten und die beiden Tatverdächtigen sind da unterwegs, dazu ihre Fahrer - ein verlorener Konvoi, eine Männergesellschaft im Kleinen, in der sich die Welt draußen vor den Autofenstern, das Leben der Städte und des weiten Landes spiegelt.

          Einmal stehen der Arzt und der Richter an einem Hügel, und der Richter erzählt von der Frau eines Freundes, die während ihrer Schwangerschaft auf den Tag genau ihren Tod voraussagte. Sie war wunderschön, sagt er, und sie starb ohne Grund; und erst viel später werden wir erfahren, dass sie die Frau des Untersuchungsrichters selbst war und dass sie sehr wohl einen Grund hatte, sterben zu wollen. Dazu sieht man, wie ein Apfel vom Baum fällt, den Hang hinabkullert, in einem Bach landet und mit dem Wasser davontreibt, bis er an einer Stelle hängen bleibt, an der sich schon anderes Fallobst staut. So geht es auch der Geschichte dieses Films, sie rollt über offenes Terrain, schlägt Haken, hält inne, lässt sich scheinbar willenlos treiben und folgt dabei doch konsequent ihrer inneren Schwerkraft, bis sie schließlich einen Ort erreicht, an dem man unverhofft in eine abgründige Tiefe blickt.

          Expeditionen in die Seele

          Es dauert eine Weile, bis man erkennt, dass der Arzt Cemal die Hauptfigur der Handlung ist. Man merkt es vor allem an der Art, wie er in die Kamera schaut, prüfend, als blickte er in einen Spiegel. Cemal ist der Bruder der landflüchtigen, heimwehkranken Intellektuellen aus „Uzak“, „Jahreszeiten“ und anderen Filmen, mit denen Nuri Bilge Ceylan die Türkei auf die Landkarte des Weltkinos gesetzt hat, und doch für Ceylan eine ganz neue Figur. Schon der Filmtitel deutet an, dass es diesmal um Dinge geht, die sich nicht einfach wiedergutmachen lassen, um archaische Schicksale und die ihnen entsprechenden Landschaften. Und so, wie die anatolische Steppe mit ihren kahlen Hügeln und Geröllpisten ein Bild des Unwiederbringlichen ist, malt sich in Cemals Zügen die Geschichte eines vom Leben Gezeichneten, der sich in die Provinz zurückgezogen hat wie ein krankes Tier in sein Nest. Am Ende fragt man sich, wer in diesem Film schlimmer dran ist, der Mörder, der ins Gefängnis kommt, oder die anderen, die draußen in der Freiheit bleiben müssen.

          In der Nacht macht der Konvoi in einem Dorf Rast. Der Mukhtar beklagt sich bei seinen Gästen über den Zustand des Friedhofs, der verfällt, weil die Jungen das Dorf verlassen und nur noch zum Begräbnis ihrer Angehörigen zurückkehren. Dann fällt der Strom aus. Die Tochter des Mukhtars bringt ein Windlicht und Tee. Sie ist eine engelhafte Schönheit, und Ceylan nimmt sich die Zeit, jeden einzelnen der Männer dabei zu beobachten, wie er in ihr Gesicht blickt, staunend, sehnsüchtig, zärtlich, verzweifelt, während er den Tee vom Tablett nimmt. Für diese Augenblicke muss man Ceylans Filme lieben: die Momente, in denen sich die Erzählung von ihrem Anlass löst und zur Expedition in eine Seelenlandschaft wird, in die nur die Größten des Kinos bisher vorgedrungen sind.

          Am Morgen wird das Mordopfer gefunden und in die nahe Kreisstadt gebracht. Dort offenbart sich, was sich auf der Fahrt bereits angedeutet hat: Der Täter hat mit der Frau des Ermordeten ein Kind; die Gaffer auf dem Hauptplatz wollen ihn lynchen, sein Sohn wirft selbst den ersten Stein. Der Arzt aber hat in der Frau die Spuren eines verlorenen Glücks wiedererkannt. Um ihrem Geliebten die Höchststrafe zu ersparen, wird er bei der Autopsie lügen und sich so noch tiefer an die Provinz ketten. In einem Fernsehkrimi wäre das alles eine Sache von Minuten; hier aber hat es einen sachten, schwebenden Gang, wie Bilder in einem Traum.

          Einmal, noch in der Nacht, sieht man den Arzt an der Straße stehen und in die Dunkelheit starren. Ein Zug fährt als lichtes Band am Horizont. „Später können Sie sagen: Es war einmal in Anatolien, in einer Nacht wie dieser . . .“, sagt ein Fahrer, der Cemal trösten will. So möchte man von diesem Film erzählen: als hätte man ihn erlebt.

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