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Im Kino: „Oh Boy“ Aus dem Leben eines Taugenichts

Von der Schwierigkeit, in der Hauptstadt einen schwarzen Filterkaffee zu bekommen: Jan Ole Gersters erstaunliches Kinodebüt „Oh Boy“ zeigt Berlin als Ort der Melancholie.

© dpa Vergrößern Eigentlich will er nur in Ruhe vor sich hin träumen: Tim Schilling als Berlin-Bewohner Niko in „Oh Boy“

Das Oh ist kursiv, die Namen im Vorspann kleingeschrieben und das Ganze flimmert in Schwarzweiß über die Leinwand. „Oh Boy“ will anders sein. Eine Handlung existiert nicht, der einzige rote Faden ist die verzweifelte Suche nach einem Kaffee. Tom Schilling als Niko Fischer bleibt der Genuss einer morgendlichen Tasse Kaffee verwehrt, immer ist irgendetwas. Das nötige Kleingeld fehlt, der Automat ist außer Betrieb oder die Kaffeemaschine kaputt. Bis sein Vater ihn nachmittags schließlich ermahnt, jetzt sei es zu spät für Kaffee und stattdessen Schnaps vorschlägt, wofür es Nikos Meinung nach noch zu früh ist.

Gedankenverloren in Prenzlauer Berg

Niko Fischer, der Mann mit dem austauschbaren Namen, ist zwischen zwanzig und dreißig. Er gehört zu jener Sorte Mensch, die einfach nur in Ruhe gelassen werden will, während ihm ständig bizarre Begegnungen zufliegen. Niko redet nur soviel wie nötig und meistens nur, wenn er direkt angesprochen wird. Schüchtern ist er trotzdem nicht. In „Oh boy“ spielt ihm das Leben einen Streich und lässt durch eine Kette von Zufällen alles zusammenbrechen.

Tom Schilling scheint die Rolle des verwirrten Orientierungslosen auf den Leib geschnitten. Es macht Spaß, ihm dabei zuzusehen, wie er gedankenverloren durch die Straßen von Prenzlauer Berg schleicht und man Angst haben muss, dass er vor lauter Teilnahmslosigkeit von einem Auto überfahren wird.

In Berlin will man sich nicht festlegen

Der Film zeichnet ein genaues Porträt der Stadt Berlin. Niko bricht sein Jurastudium ab, weil er nachdenken will, sein bester Freund Matze ist ein arbeitsloser Schauspieler auf der Suche nach einem Projekt, das zu ihm passt, und die ehemalige Mitschülerin Julika lädt zu „so ’ner Theater-Kunst-Performance“ ein - alles, was man in Berlin so macht, wenn die Hauptbeschäftigung In-Berlin-leben heißt.

Einmal wird Niko von einem gehässigen Beamten, der seine Berufsautorität gegenüber Menschen wie Niko gern besonders deutlich macht, nach seinem aktuellen Beziehungsstatus gefragt. Für den Zuschauer ist klar, dass er eine Freundin hat, sah man ihn am Anfang des Films doch aus ihrem Bett steigen. Niko aber bringt keine Antwort zustande, in Berlin will man sich nicht festlegen. Trotzdem erscheint das alles nicht nur als eine Anhäufung von Klischees, der eindringlichen Schwarzweiß-Ästhetik und der eigens für den Film komponierten Jazzmusik sei Dank.

Du bist wie deine Mutter!

Auf wunderbare Weise stellt der Film dar, was den Mittzwanzigern heute von ihren Eltern und Großeltern vorgeworfen wird: keine ernst zu nehmenden Probleme zu haben, weil sie in einer Zeit leben, in der so gute Lebensverhältnisse herrschen wie noch nie. Als Niko seinem Vater, charmant gespielt von Ulrich Noethen, erklärt, er habe in den letzten beiden Jahren anstatt zu studieren lieber nachgedacht, „über mich, über dich, über alles halt“, bekommt er von ihm den berüchtigten Schwall von indirekten Vorwürfen ab, zu seiner Zeit hätte man keine Zeit gehabt nachzudenken, da musste man stark sein und arbeiten und sich seine Zukunft sichern. Dann die härteste Anschuldigung, die aus dem Mund eines geschiedenen Vaters kommen kann: „Du bist wie deine Mutter!“

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Jan Ole Gerster legt mit „Oh boy“ ein erstaunliches Regiedebüt hin, das auf Festivals bereits einigen Erfolg hatte. Einfühlsam dokumentiert er einen Tag aus dem Leben eines Taugenichts, folgt dessen Spuren und schafft so ein langsames, leises Porträt einer Stadt. Es ist kein Film, der Lust auf die Stadt macht, kein Abenteuer in ihren berühmtesten Clubs, keine patriotische Hymne auf den aufregendsten Ort Deutschlands. Gerster zeigt Berlins Bewohner so, wie sie sind, ganz ohne Übertreibung und auch ohne Berliner Dialekt. Ist der Film komisch? Ist er traurig? Vielleicht nicht zum Weinen komisch, aber zum Lachen auf jeden Fall zu traurig.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 02.11.2012, 16:10 Uhr

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