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Im Kino: „Merida“ : Kleine Frau ganz groß

Mit Pfeil und Bogen kommt sie gezogen: Szene aus „Merida“ Bild: dpa

Auch in „Merida“, der Geschichte einer schottischen Prinzessin, geizt das Pixar-Studio nicht mit digitaler Zauberei. Dafür fehlen dem Film Witz und Ironie seiner Vorgänger.

          Natürlich ist es bemerkenswert, dass die Trickfilmer von Pixar in der Lage sind, eine schottische Landschaft so im Computer zu modellieren, dass man sich in einem realen Hubschrauberflug glaubt. Aber warum soll ein Animationsfilm aussehen wie das richtige Leben? Natürlich staunt man darüber, wie der rote Haarschopf der Prinzessin Merida sich bewegt und wiegt und wogt. Aber würde man überhaupt so sehr auf dieses technische Raffinement achten, wenn die Handlung einen mehr in den Bann schlüge?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Natürlich ist es wunderbar, dass hier eine junge Frau im Mittelpunkt eines Kinoblockbusters steht, dass die zweite wichtige Rolle auch einer Frau, Meridas Mutter Elinor, gehört und dass die Männer einmal nur als Clowns taugen, von Meridas kleinen Drillingsbrüdern über die schottischen Clanchefs und deren Söhnen bis hinauf zu König Fergus, Meridas Vater. Aber was hat das amerikanische Trickfilmstudio nur geritten, alle seine seit einem Vierteljahrhundert erfolgreichen Veteranen aus der unmittelbaren Arbeit an diesem neuen Film herauszuhalten, so dass ihm Witz und Ironie, kurz: die Pixar-Essenzen der Vorgänger fehlen?

          Tiere gibt es auch, aber nur als Statisten

          Drei Beobachtungen, drei Fragen. Man könnte noch weitaus mehr stellen. Die nach dem deutschen Titel etwa, der „Merida“ lautet. Im amerikanischen Original heißt der Film „Brave“ (Tapfer). Und es ist auch viel mehr diese Eigenschaft der jungen Prinzessin, die sie zum Identifikationsmodell macht, als ihre bloße Weiblichkeit. Zumal in Gestalt der Mutter so munter mit alten habituellen und familiären Geschlechterklischees hantiert wird, dass der emanzipatorische Impetus der Drehbuchautorin Brenda Chapman (die gemeinsam mit Mark Andrews auch Regie führte) verpufft.

          Auch sie sind zwar täuschend echt, doch etwas fehlt: Königin Elinor und König Fergus Bilderstrecke

          Was fällt dem Film ein? Das wäre schon zu weit gedacht. Fragen wir lieber: Was fehlt ihm? Das Unmenschliche, hier wörtlich verstanden als Beschreibung des Pixar-Prinzips (und fast aller großen Trickfilme), Menschen nur in Nebenrollen auftreten und als Protagonisten Tiere, Spielzeugfiguren, ja selbst personifizierte Gegenstände - wie in den beiden „Cars“-Filmen - agieren zu lassen. Tiere gibt es hier auch, aber Meridas Hengst und der Rabe einer Zauberin sind gerade mal für ein, zwei Skurrilitäten gut. Dass man dagegen in der Hütte einer Hexe, die sich nebenberuflich als Schnitzerin engagiert, nichts vom Unbelebten beseelt, darf man wohl als Kardinalsünde eines Animators betrachten.

          Ein Kampf zwischen Jungfrau und Mutter

          Natürlich (da ist es wieder, das herablassende „natürlich“ des enttäuschten Liebhabers) gibt es großartige Szenen, wenn sich vier schottische Clans versammeln, um einen Bräutigam für Merida zu bestimmen. Aber diese wackeren Clansmänner werden keine große Liebe sein. Die rabiate Jungfrau trickst die Bewerber aus und hat schließlich nur noch die eigene Mutter als Barriere vor der persönlichen Freiheit zu überwinden.

          Wie sie das versucht und warum solch ein Ausbrechen aus dem familiären Zusammenhalt gefährlich sein kann, davon erzählt der Film für den Großteil seiner Dauer, und da ist es mit dem Spaß weitgehend aus. Natürlich ist es auch einmal schön, Horrorelemente in einem Pixar-Film zu sehen. Aber wen will das Studio damit locken? Ein älteres Publikum? Aber das lief doch eh in jeden Pixar-Film, weil dort kindliches Amüsement und erwachsener Humor zusammentrafen. Wurde Letzterer nun dem üblichen Klamauk geopfert, weil Subtiles in die dunklere Grundstimmung von „Merida“ nicht passt? Und wird die im kommenden Jahr anstehende Fortsetzung von „Monster AG“ (in Pixar-Bestbesetzung!) das wieder korrigieren? Natürlich...

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