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Im Kino: „Marina Abramović“ Diesseitiges Gesicht in jenseitigem Licht

Film und Performance sind zwei visuelle Kunstsorten, die einander gern gegenübersitzen - in „Marina Abramović: The Artist Is Present“ entsteht daraus ein forderndes und elektrisierendes Gespräch.

© NFP Vergrößern Hat diese Maske jemand in Stein gemeißelt? Marina Abramović atmet im Sitzen sehr langsam

Wer schon einmal einen spirituellen Selbstfindungskurs mitgemacht hat, der kennt diese Übung: Zwei Menschen sitzen einander gegenüber, meist auf Kissen gebettet, in Meditationshaltung, und schließen die Augen. Einige Minuten verrinnen, dann heben beide langsam die Lider und schauen einander in die Augen. Die Ansage zu diesem Seelenblick lautet: Spüre, dass dein Gegenüber „zu dir gehört“. Es geht darum, für völlig Fremde Liebe zu empfinden. Der eine grinst, der Nächste stiert, doch nach einer Weile entspannen sich die Gesichtsmuskeln und man taucht ein in diese mehr als räumliche Nähe zwischen Geistern - eine vom Aushalten der angehaltenen Zeit gestiftete Verbindung des Seins im Sehen.

Auch Kunsterleben im emphatischen Wortsinn heißt für die Neuzeit: Sehen (auch wenn man von Tonkunst, Sprachkunst und Ähnlichem reden kann). Die von Kunst angesprochene Liebe zum Sehen ist jetzt einige Jahrhunderte lang von dem Wunsch genährt worden, das gegebene Leben durch die Wirkungen der Repräsentation zu übertreffen. Die Performancekünstlerin Marina Abramović widmet ihre Zeit seit den siebziger Jahren dem umgekehrten Ziel, Repräsentation durch Leben zu überflügeln, und glaubt sich damit näher an dem, was Kunst ausmachen sollte, nahe an dem, was „ins Museum gehört“.

Märtyrerkörper mit empfänglichem Geist

Sie benutzt dafür beispielsweise die Worte: „Eins sein mit der Umgebung“. Abramović ist jedoch kein esoterisches Leichtgewicht. Sie ist radikal, diszipliniert, pointiert unmenschlich, selbstzerstörerisch und zugleich verletzlich; eine ungewöhnlich kraftvolle Frau mit markantem Gesicht und kräftigen dunklen Haaren. Ihre Kindheit sei schrecklich gewesen, erzählt sie, frei von Liebe und Zärtlichkeit. Ihre Mutter, die sie später einmal fragte, warum sie eigentlich nie von ihr geküsst wurde, antwortet: „Ich wollte Dich nicht verwöhnen.“

Das Kunstpublikum wird nie Besitz von solchen schmerzhaften Erfahrungen nehmen können, obwohl die Künstlerin sich uns permanent in ihrer Kunst offenbart. Klaus Biesenbach, Kurator im New Yorker Museum für Moderne Kunst, erzählt im Dokumentarfilm „Marina Abramović - The Artist Is Present“ von Matthew Akers, der heute in die Kinos kommt: „Zuerst dachte ich, sie sei in mich verliebt. Aber dann merkte ich, sie ist es nicht. Sie liebt die Welt, nicht in die Individuen.“

22332591 © Marco Anelli Vergrößern Ergriffenes Gegenüber: Ein Teilnehmer bei Abramovićs MoMa-Aktion

Akers hat sich ans schwierige Fach „Porträt einer Selbstporträtistin“ gewagt. Kann das gutgehen? Genutzt wurde eine einmalige Gelegenheit: Von März bis Mai 2010 fand im Museum of Modern Art in New York eine Abramović-Retrospektive statt. Für die Performance „The Artist Is Present“ setzte die Künstlerin sich in die berühmte Haupthalle des MoMA, auf einen Stuhl; an jedem einzelnen Eröffnungstag, also mehr als siebenhundert Stunden, wartete sie dort. Ihr gegenüber stand ein zweiter Stuhl.

Immer eine Person wurde vorgelassen zur Audienz oder Séance mit dem Nichtgespenst. 700 000 Menschen strömten herbei. Marina Abramović saß dort in blauer, dann in weißer und schließlich in roter Robe. „Es sieht einfach aus. Ich sitze einfach da, aber ich erleide höllische Schmerzen“, sagt sie im Film. Die Stuhlbesetzer warteten darauf, dass die Künstlerin ihre Augen öffnete und sie ansah. Wir nehmen im Film ihre Perspektive ein: Abramović ist keine Schönheit, nicht entspannt, sondern zeigt sich als Märtyrerkörper mit rotgeränderten Augen, aber empfänglichem Geist.

Religiöse Assoziationen

Menschen beginnen in ihrer Gegenwart zu weinen wie Pilger in Lourdes, die sich danach sehnen, geheilt zu werden. Frauen halten die Hand auf ihr Herz. Was berührt die Besucher? Es wird nicht geredet, kein Rat gegeben, es wird nur tief in die Augen geschaut. Dann wieder bricht eine Frau zusammen - als hätte sie eine tiefe Wahrheit erfahren, hält sie die Hand ihre Sohnes, der sie bang fragt, was los sei. Abramović sagt, die Vergötterung ihrer Person sei nicht das Ziel ihrer Kunst, aber sie „hätte auch nichts dagegen“. Sie fühlt sich sichtlich wohl, während die Menschen Schlange stehen für sie, auf der Straße übernachten, um am Morgen Einlass zu finden und ihr in die Augen zu sehen.

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