Im März 1862, im zwölften Monat des Bürgerkriegs, besuchte der Schriftsteller Nathaniel Hawthorne die Hauptstadt Washington. Er sprach im Weißen Haus vor, sah den Präsidenten und schrieb darüber für die Zeitschrift „Atlantic Monthly“. Die Gestalt Abraham Lincolns machte in Hawthornes Augen sinnfällig, dass die demokratische Wahl eine Zufallsauslese ist. Lincoln war seinen Wählern unbekannt gewesen. Die Führungsqualitäten, die er als Oberkommandierender offenbarte, hatten im alltäglichen politischen Wettbewerb nicht getestet werden können.
So war es eine Art Wunder, unwahrscheinlich und passend zugleich, dass sich für diesen Mann, „einen unter so vielen Millionen“, die Möglichkeit ergab, „seine hagere Persönlichkeit in den Sessel des Staatslenkers sinken zu lassen - wo er dann, wie ich vermuten möchte, sogleich der Neigung nachgab, seine Beine auf den Beratungstisch zu legen und den Mitgliedern seines Kabinetts eine Geschichte zu erzählen.“
Längliche Befangenheit
Dieses Gedankenbild ist so etwas wie die Urszene von Steven Spielbergs jüngstem Spielfilm „Lincoln“, der in dieser Woche in die amerikanischen Kinos kommt. Lincoln wird von Daniel Day-Lewis verkörpert, und der unheimliche Effekt der Ähnlichkeit zwischen dem Lincoln auf der Leinwand und dem Lincoln in unseren Köpfen ist nicht bloß ein Triumph der Maskenbildner. Natürlich haben Day-Lewis und Spielberg die etwa 130 erhaltenen Fotografien Lincolns studiert.
Aber das Zitieren macht Lincoln noch nicht wieder lebendig. Die Kunst der Anverwandlung, die wir an Day-Lewis bewundern, entfaltet sich im erzählerischen Zusammenhang. Alle äußeren Haltungen und Handlungen des Lincoln-Darstellers nehmen wir als Entsprechung innerer Zustände und Ereignisse wahr. Wir sehen wirklich, mit Hawthornes Formel, eine hagere Persönlichkeit: einen großgewachsenen Mann, der seine Zeitgenossen überragt und sich zu ihnen hinunterbeugen muss.
Man könne Lincolns „längliche Befangenheit“ nicht beschreiben, stellte Hawthorne fest, obwohl es ihm so gegangen sei, als hätte er mit dem Präsidenten seit Jahren täglichen Umgang gehabt. Ein Gefühl der Vertrautheit ging von Lincolns Erscheinung aus, das damit zu tun hatte, dass Lincoln mit sich selbst vertraut war: Er eckte an mit seinen linkischen Bewegungen und kam um die Bekanntschaft mit sich selbst nicht herum.
Katastrophe für das Menschengeschlecht
Den schwarzen Gehrock trug er laut Hawthorne „mit einer solchen Treue, dass der Anzug sich den Kurven und Ecken seiner Figur angepasst hatte und zu einer äußeren Haut geworden war“. A. O. Scott, der Filmkritiker der „New York Times“, scheint mit seinem Lob für Day-Lewis auf diese Stelle anzuspielen: Der Schauspieler „schlüpft in eine Rolle von epischem Schwierigkeitsgrad, als wäre es ein Mantel, den er jahrelang getragen hat“.
Man sieht Lincoln immer im schwarzen Rock vor sich. Das gilt auch für die Beschreibung, die Anthony Lane im „New Yorker“ vom Gang von Day-Lewis gibt: „Halb komisch, halb sorgenbeladen, wie der eines Mannes, der sich beeilt, mit einem Leichenzug Schritt zu halten und in jedem Augenblick Gefahr läuft, zu stolpern und auf die Nase zu fallen.“ Vor die Erinnerungen an die Idiosynkrasien des lebenden Lincoln hat sich das Wissen um die Art seines Todes geschoben. Ralph Waldo Emerson bot der erschütterten Nation in seiner Leichenrede den Trost der kühnen Spekulation an, womöglich sei Lincolns Arbeit mit dem Sieg im Krieg, der Abschaffung der Sklaverei und der Eroberung der Weltmeinung getan gewesen.
Diese makabre Heilsökonomie, die fast auf eine Rechtfertigung des Mörders hinauslief, sollte einen Verlust ausgleichen, den der Redner als unvergleichlich groß hinstellte: „So alt die Weltgeschichte auch ist und so vielfältig ihre Tragödien - ich bezweifle, dass je ein Tod der Menschheit so viel Schmerz zugefügt hat wie dieser.“ In einem Interview hat Tony Kushner, der Dramatiker, der für „Lincoln“ (wie schon für „Munich“) das Drehbuch geschrieben hat, Emersons Satz paraphrasiert und Lincolns Ermordung „eine große Katastrophe für das Menschengeschlecht“ genannt. Den Film speist demnach eine Trauer, die anderthalb nach dem Mord vergangene Jahrhunderte nicht haben lindern können. Der Leichenzug, dem Lincoln folgt, ist sein eigener.
“Lincoln“ ist keine Biographie, die das Leben von der Wiege bis zur Bahre abschreitet. Der Film konzentriert sich auf einen Monat im letzten Lebensjahr Lincolns, den Januar 1865. Am letzten Tag dieses Monats nahm das Repräsentantenhaus den dreizehnten Zusatz zur Verfassung der Vereinigten Staaten an, der die Sklaverei für illegal erklärt. Elementare biographische Informationen lässt der Film fort, als sollte Hawthornes radikaldemokratischer Gedanke bekräftigt werden, dass die Vorgeschichte des Präsidenten nichts zur Sache tut.
Kushners Drehbuch stützt sich auf das Buch „Team of Rivals“ der Historikerin Doris Kearns Goodwin, das vor vier Jahren berühmt wurde, als der neugewählte Präsident Obama sich als Leser zu erkennen gab. Lincoln hatte William Seward, der ihm im Wettkampf um die republikanische Präsidentschaftskandidatur unterlegen war, zum Außenminister ernannt. Obama folgte diesem Muster, indem er Hillary Clinton dasselbe Amt übertrug. Schon 1999 nahm Spielberg mit Doris Kearns Goodwin Verbindung auf, 2001 erwarb seine Firma die Filmrechte an ihrem Buch, das 2005 erschien. 2003 sprach er Day-Lewis an.
Seward (David Strathairn) ist im Film Lincolns enger Vertrauter. Er rät ihm zunächst entschieden davon ab, das durch die Wiederwahl erworbene politische Kapital in das unpopuläre Projekt der förmlichen Abschaffung des Unrechtsinstituts zu investieren, dem der unmittelbar bevorstehende militärische Sieg schon den Boden entzogen hat. Als Lincoln auf seinem Willen beharrt, ist es dann aber wiederum Seward, der die Maßnahmen zur Umstimmung einer hinreichenden Anzahl demokratischer Abgeordneter organisiert. In Kenntnis des Späteren möchte man sagen, dass sich Lincolns Argumente in den Kabinettsberatungen über den richtigen Zeitpunkt des Kampfes für den Verfassungszusatz von den Erwägungen seiner Kollegen durch eine letzte Dringlichkeit unterscheiden.
Alleine machtlos
Er kommt seinem Tod zuvor. Freilich wird er nicht von ausdrücklichen Todesahnungen heimgesucht. Im Sinne von Emersons Nachruf kommt hier eher die moralische Folgerichtigkeit eines zum Abschluss drängenden politischen Werks zum Ausdruck. Mit Recht sagt Spielberg, „Lincoln“ sei einer seiner am wenigsten melodramatischen Filme.
Die amerikanische Filmkritik hat sich überwiegend positiv geäußert, teilweise euphorisch. Man rühmt Spielbergs Entscheidung, statt aller Schlachten des Bürgerkriegs den Geschäftsordnungsstreit im Repräsentantenhaus zu schildern, und empfiehlt den Film als Pflichtstoff für den Staatsbürgerkundeunterricht. Der Filmtitel bereitet den Zuschauer nicht auf die hohe Zahl von Bartträgern vor, die über lange Strecken das große Wort führen. Er ist deshalb nicht, wie vereinzelt geäußert wurde, irreführend, bringt aber eine höhere Ironie zum Ausdruck.
Auch wenn Lincoln im eigenen Kabinett fast der einzige Befürworter der Abschaffung der Sklaverei rechtzeitig vor Kriegsende war und sich gegenüber den Ministern sogar fast im Stil von George W. Bush auf seine unbeschränkten Vollmachten als Haupt der Exekutive berufen musste, war er allein machtlos. In einem erweiterten Sinne des Gedankens von Doris Kearns Goodwin gehören sogar die fanatischen Widersacher in der anderen Partei zu den Rivalen, die gemeinsam mit dem Präsidenten ein Team bilden.
Das ist aber kein Plädoyer für blauäugige Zweiparteienwirtschaft, sondern für die befriedende Wirkung von Redeschlachten und Kampfabstimmungen. A. O. Scott merkt an: „Unsere Übung des Argumentierens, hat unlängst jemand gesagt, ist ein Erkennungszeichen der Freiheit.“ Der wiedergewählte Präsident, den der Kritiker der „New York Times“ hier zitiert, soll sich nach Meinung liberaler Spielberg-Fans Lincoln wieder zum Vorbild nehmen und beispielsweise eine große Reform des Einbürgerungsrechts erzwingen. Kushners Desiderat ist die Homosexuellenehe, deren Legalisierung für ihn auf der Linie der Aufhebung der Gesetze gegen die Rassenmischung liegt. Schützenhilfe hat Kushner soeben von Cass Sunstein erhalten, dem Obama-Berater, der auf seinen juristischen Lehrstuhl in Harvard zurückgekehrt ist.
Was kann ein Präsident mit der Macht der Rede bewegen? Schwerlich mehr als Lincoln. Es gehört zum subtilen Realismus von Spielbergs Film, dass er uns die Überzeugungskraft von Lincolns Reden nicht zeigt. Als das Repräsentantenhaus die Debatte über den Verfassungszusatz aufnahm, waren alle Argumente ausgetauscht. Der Präsident, dessen hagere Persönlichkeit am Kabinettstisch in ausgesprochen drolliger Stellung Gelassenheit demonstriert, erzählt Geschichten, weil er in der Sache nicht weiterkommt. Unser Vergnügen ist, dass die Kollegen die Geschichten überhaupt nicht vergnüglich finden. Vor Daniel Day-Lewis spielte Lincoln Lincoln.