10.12.2009 · Disney kehrt nach allerlei Computerexperimenten zur klassisch gezeichneten Animation zurück. „Küss den Frosch“ ist ein Triumph geworden. Dieser Film rührt zu Tränen, und er lässt Tränen lachen.
Von Andreas PlatthausHeute startet in Deutschland der neue Disneyfilm. Es ist der neunundvierzigste, den das Studio seit „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ aus dem Jahr 1937 herausbringt, und als Vorlage hat auch er ein Märchen: den „Froschkönig“ der Brüder Grimm. Was soll daran Besonderes sein?
Alles – beginnend mit der Kleinigkeit eines einzigen Tages. In Deutschland läuft der Film „Küss den Frosch“ um diesen einen Tag früher an als in den Vereinigten Staaten. Das gab es noch nie, und es zeigt die Bedeutung, die der europäische Markt im Allgemeinen und der deutsche im Speziellen mittlerweile für Disney hat. Es zeigt auch die generalstabsmäßige Planung, mit der heute solche global ausgewerteten und dennoch immer noch länderspezifisch synchronisierten Werke angegangen werden. Auch dabei verschieben sich die Gewichte: Während in Amerika allein Oprah Winfrey als wirklich prominente Sprecherin in einer Nebenrolle zu hören ist – als Mutter der Prinzessin, die gar keine Prinzessin ist, sondern das im Gastronomiegewerbe hart arbeitende farbige Mädchen Tiana –, klotzt die deutsche Synchronfassung mit Prominenz aus der Musikwelt.
Die Soulsängerin Cassandra Steen leiht Tiana ihre Stimmen, ihr Kollege Roger Cicero lässt gleiches dem Frosch angedeihen, die Jazzlegende Bill Ramsey sorgt für einen authentisch amerikanischen Zungenschlag beim Alligator Louis, der für die überdreht-komischen Momente des Films zuständig ist, und besonders gelungen agiert die Schlagersängerin Marianne Rosenberg als Stimme der greisen Voodoozauberin Mama Odie, die mit Rat und Tat dafür sorgt, dass alles auch gut ausgeht.
Farben- und Formenwirbel
Das war für Disney besonders wichtig, denn „Küss den Frosch“ ist aus zwei Gründen ein politisch höchst brisanter Film. Der eine war, als man 2005 die Arbeit daran begann, nicht absehbar: Barack Obamas Wahl zum ersten farbigen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Tiana wiederum ist nun pünktlich im ersten Amtsjahr die erste schwarze Hauptfigur in einem Disneyfilm. Die andere politische Implikation dagegen ist bewusst gewählt: Konzipiert wurde „Küss den Frosch“ unmittelbar nach der Flutkatastrophe von New Orleans vom August 2005.
Das deutsche Märchen vom Froschkönig, das Disney schon seit Jahrzehnten im Auge hatte, wurde kurzerhand in die Glanzzeit der geschundenen Stadt verpflanzt: in die zwanziger Jahre, als der Jazz aus dem Mississippi-Delta die ganze Welt eroberte. Der gibt denn auch dem Film den Rhythmus vor, wird von dem grandiosen Komponisten Randy Newman mit Cajun und Soul verbunden, und natürlich ist der Alligator Louis, der so fabelhaft Trompete bläst, eine Hommage an Louis Armstrong.
Der Film glänzt in einem Farben- und Formenwirbel, den man seit den fünfziger Jahren in Disneyfilmen nicht mehr gesehen hat; er bietet Witz, Tempo, und wäre die nach dem Kuss selbst in einen Frosch verwandelte Tiana (denn sie ist ja keine Prinzessin) als Amphibie nicht so aseptisch gezeichnet, wäre auch das Figurenarsenal maßstabsetzend. Besonders hervorzuheben ist das Glühwürmchen Raymond, das sich unsterblich in den Abendstern verliebt hat, den er für ein weit entfernt fliegendes anderes Glühwürmchen hält. Aus diesem Gefühlsdrama entstehen die schönsten Szenen.
Triumphales Comeback
Die wildesten liefert der unvermeidliche Schurke, den ein kreolischer Voodoomeister namens Dr. Facilier darstellt. Die Unheimlichkeit seiner Geisterbeschwörungen hat seit der Mussorgski-Episode in „Fantasia“ aus dem Jahr 1940 nicht mehr seinesgleichen gehabt, und es sei auch verraten, dass in diesem Disneyfilm erstmals seit 1942, seit „Bambi“ nämlich, prominent gestorben wird. Wenn auch im Endeffekt sehr heroisch und tröstlich.
Ist „Küss den Frosch“ also etwas für Kinder? Nicht für die Allerkleinsten, aber für alle anderen und für Erwachsene. Disney hätte kein besseres Comeback im klassischen Zeichentrick feiern können. Dieser Film rührt zu Tränen, und er lässt Tränen lachen. Walt Disney wäre stolz auf ihn gewesen.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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