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Im Kino: „Krieg der Knöpfe“ : Ziemlich beste Feinde

  • -Aktualisiert am

Nein, das ist nicht der militärpolitische Arbeitskreis der Piratenpartei bei der Ausarbeitung von Reformvorschlägen für die Bundeswehr - es handelt sich um die Kinder von Longeverne, die ihre Todfeinde in der Neufassung des Filmklassickers „Krieg der Knöpfe“ belauern Bild: dpa

Schade, Kinder: Christophe Barratiers Neuverfilmung des Filmklassikers „Krieg der Knöpfe“ jubelt den Jüngsten leider nur einen autoritären Mythos unter. Der Film ist ein Täuschungsmanöver gehüllt in schönen Bildern.

          „Es lebe die Freiheit!“ Mit diesem Ruf klettert in Yves Roberts Klassiker „Krieg der Knöpfe“ (1962) der kindliche Held Lebrac aus der Krone einer eben gefällten Eiche. Er ging mit dem Baum zu Boden, blieb dabei zwar unverletzt, aber mit seinem Exil in den Wäldern ist es nun vorbei. Er muss ins Internat, die großen Schlachten, die er mit den Buben von Longeverne gegen die „Arschlöcher“ aus Velrans geschlagen hat, sind aber immerhin in die Geschichte eingegangen.

          Zu Recht, denn „Krieg der Knöpfe“ erzählte eben von mehr als nur Kinderprügeleien. Ein filmisches Traktat über die „Pflichten der Bürger“ und über die Republik war das, vorgetragen zur Halbzeit der „dreißig glorreichen Jahre“, während deren Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg modern wurde und die Dörfer, Felder und Wälder zunehmend geringer achtete, in denen der „Krieg der Knöpfe“ stattfand. Der Fall der Eiche (aus der Möbel gemacht werden sollten) war ein starkes Epochensignal, wie auch der Freeze Frame, mit dem Yves Robert seinen Film damals beendete, drei Jahre nach François Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“, auf den hier selbstbewusst angespielt wurde. Doch die höheren Weihen der „Nouvelle Vague“ wurden Robert nie zuteil. Er machte später zum Beispiel „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ und begab sich so auf eigene Popularitätswege.

          „Der neue Krieg der Knöpfe“

          Fünfzig Jahre später entstanden in Frankreich nahezu zur gleichen Zeit zwei Remakes vom „Krieg der Knöpfe“, aber nur eines davon kommt in Deutschland jetzt ins Kino. Es ist nicht die traditionalistischere Variante von Yann Samuell, der vor allem den Zeitpunkt der Handlung beibehielt, sondern eine markante Überarbeitung von Christophe Barratier, die aus gutem Grund im Original den Titel „Der neue Krieg der Knöpfe“ trägt. Das wesentlich Neue an dieser Adaption ist, dass die Geschichte historisch vorverlegt wurde, und zwar in das Jahr 1944 im besetzten Frankreich, in eine Zeit, in der montags die Schule mit einer Ergebenheitadresse an den Maréchal Pétain beginnt. Dienstags aber schon nicht mehr, „man soll es nicht übertreiben“. Mit dieser beiläufigen Episode ist der Ton für dieses Remake gesetzt, denn der Nostalgiker Barratier („Die Kinder des Monsieur Mathieu“) nützt die Möglichkeiten der Vorlage (der zugrunde liegende Roman von Louis Pergaud erschien schon 1912) für einen neuen republikanischen Mythos, der im Frankreich des 21.Jahrhunderts nur anachronistisch erscheinen kann und wohl auch soll.

          Die Auseinandersetzungen zwischen den Kindern aus Longeverne und Velrans sind hier im Grunde nur Vorwand für einen Konflikt unter den Großen. Dass die Bewohner von Velrans „alles Kollaborateure“ seien, plappern zwar auch die Kleinen nach, gehört haben müssen sie das aber wohl von den Eltern. Was bei Robert noch als im besten Sinne naive Errichtung einer Republik durchgehen konnte („wir sind jetzt Eigentümer“, rufen die Kinder vor ihrer Hütte im Wald), wird bei Barratier zu einem Gründungsakt für eine Republik, mit der die Kinder gar nichts zu tun haben. Ihm geht es um ein Frankreich, das in seiner Gesamtheit gegen die Besatzer aus Deutschland war (nur ein Trottel namens Brochard hält es mit den Nazis) und das hier vor der idyllischen Landschaft der Auvergne eine neue „France profonde“ ergibt. Dazu gehört, dass Laetitia Casta (die Falbala aus „Asterix und Obelix gegen Cäsar“!) eine Bürgerin spielt, die ein jüdisches Mädchen versteckt; dazu gehört, dass der Vater des Helden Lebrac, bei Robert ein jähzorniger Schläger, ein wichtiges Mitglied der Résistance ist (und von Kad Merad gespielt wird - eine geschichtspolitisch opportunistischere Rollenbesetzung ist schwer denkbar).

          Schöne Bilder, autoritärer Staat

          Alles das, was bei Robert „von unten“ gedacht wurde (dass Kinder versuchsweise „Staaten“ spielen), wird bei Barratier „von oben“ in ideologische Dienste genommen. In beiden Filmen ist die Figur des dicklichen Jungen Bacaillé diejenige, an der sich die Politik des Films entscheidet. Auch Robert lässt hier einen offenen Rest an Ambivalenz bestehen, der sich in viele Richtungen auflösen lässt. Klassengegensätze spielen dabei ebenso eine Rolle wie Sündenbock-mechanismen, der „Monarchist“ Bacaillé wird auf jeden Fall Opfer eines Gewaltausbruchs, der sich nicht einfach in die Logik der allegorischen Auseinandersetzung integrieren lässt.

          Die ganze Unverschämtheit, mit der Barratier vorgeht, wird hingegen in der Szene deutlich, in der er Bacaillés Schicksal interpretiert: Die Kinder treiben ihn als „dreckigen Verräter“ durch das Dorf, sie nehmen damit unwissentlich Szenen vorweg, mit denen Frankreich nach dem Krieg Rache an den Kollaborateuren nahm. Kanonisch wurde eine Fotografie von Robert Capa aus Chartres 1944, die Barratier hier indirekt aufgreift, die er den Kindern gewissermaßen unterjubelt. Die Freiheit, auf die dieser „neue Krieg der Knöpfe“ hinausläuft, beruht auf einem Täuschungsmanöver: Die Kinder kämpfen nicht mehr für sich, sie kämpfen für einen Staat, von dem sie nichts wissen sollen. Es ist der alte, autoritäre Staat, der sich in schöne Bilder hüllt.

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