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Im Kino: „Killing them Softly“ Die Angst vor dem flehenden Opfer

 ·  Andrew Dominiks „Killing them softly“ zeigt den amerikanischen Gangster in der Rezession. Auf die Komik schäbiger Verbrecherkarikaturen folgt das reale Gemetzel.

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Amerikas Gangster und Kleinganoven sind in einem miserablen Zustand. Amerikas Politiker sind Gangster und Kleinganoven. Amerika ist in einem miserablen Zustand. Dieser diagnostische Dreisatz lässt sich Andrew Dominiks neuem Film „Killing Them Softly“ entnehmen.

Schon immer waren die Verbrecher des amerikanischen Films eine in Schieflage geratene Verkörperung des amerikanischen Traums - self-made men, deren Durchsetzungswille dafür stand, dass der Weg nach oben allen offensteht. Selten aber kamen sie so unglamourös daher wie hier. Wenn die „Pate“-Trilogie die Rettung eines Familienunternehmens über Generationen- und Zeitenwechsel hinweg beschrieb, wenn „Es war einmal in Amerika“ die Möglichkeiten von Freundschaft in der Welt des organisierten Verbrechens auslotete, dann ist in „Killing Them Softly“ zu sehen, was passiert, wenn sich einige besonders unfähige Vertreter der Branche gegenseitig zu übertrumpfen suchen.

Obama spiegelt die Logik des Verbrechens

Der Film ist eine Adaption des Romans „Cogan’s Trade“, eines die Bostoner Unterwelt porträtierenden Dialogspiels von George V. Higgins. Die „New York Times“ gab 1974 in ihrer Rezension zu bedenken, das erste Drittel des Romans sei ohne ein gutes Slang-Wörterbuch gar nicht lesbar. Higgins’ Sprache, dieses rohe, aus Flüchen und Halbsätzen zusammengesetzte Gangster-Argot, wurde zumindest in die englischsprachige Originalversion des Films hinübergerettet. So ist die Dialogszene in der Wäscherei ein fast wörtliches Zitat des Romananfangs. In der deutschen Synchronisierung allerdings ist das nur schwer umsetzbar.

Wir schreiben das Jahr 2008, in den Vereinigten Staaten herrscht Wahlkampf: Obama gegen McCain. Aus dem Off sind TV-Ansprachen und Wahlkampfreden zu hören, sogar aus vorbeifahrenden Autos wirft das Radio die geschliffenen Formeln des amerikanischen Versprechens. Dabei handelt es sich um mehr als nur die ironische Kontrastierung der leerstehenden Holzhäuser und grasüberwachsenen Parkplätze im New Orleans nach Hurrikan Katrina. Auch Obama wurde synchronisiert. Die Tonspur entwickelt eine eigene Bedeutungsebene, deren Logik sich den vor ihr agierenden Individuen nicht entgegenstellen, sondern sie spiegeln soll.

Pitt als Realpolitiker der Unterwelt

Vor diesem Hintergrund überfallen Russell (Ben Mendelsohn) und Frankie (Scoot McNairy), ein abgerissener Junkie und ein Amateur in Geldnot, mit gelben Spülhandschuhen an den Händen und Strumpfhosen über dem Kopf eine illegale Pokerrunde. Weil diese von ihrem Organisator Trattman (Ray Liotta) selbst schon einmal ausgeraubt worden war, der das aber nicht für sich behalten konnte, glauben die beiden, man werde ihn und nicht sie für den Raub belangen. Doch sie wissen nicht, was sie tun. Fast niemand hier tut das. Nicht einmal das genaue Prozedere ihres Überfalls haben die beiden vorher durchdacht, und so stehen sie zunächst etwas ratlos mit abgesägter Schrotflinte vor ihren Opfern.

Die Mafia reagiert und setzt ihren eigenen Ermittler ein. Brad Pitts Jackie ist eine neue Spezies unter den Auftragsmördern: eine Symbiose aus Mitgefühl und Machiavelli, ein sensibler Realpolitiker der Unterwelt. Er weiß, dass die Ordnung nur wiederhergestellt werden kann, wenn Trattman stirbt - selbst wenn dieser mit der Sache nichts zu tun hat. Die Schmerzen eines handgreiflichen Vorgeplänkels will er seinem Opfer ersparen. Seine Auftraggeber jedoch, zimperliche Entscheidungsträger aus der politischen Sphäre, fordern zunächst dezentes Vorgehen. Es ist ihre Denkweise des schrittweisen Stillstands, die in einer blutigen und realistischen Prügelszene resultiert, wie sie lange nicht mehr über deutsche Leinwände lief.

Kein Pulp-Epos à la Tarantino

Der Film lohnt sich, allein schon wegen James Gandolfinis brillanter Darstellung eines Auftragskillers in der persönlichen Rezession. Bereits in den „Sopranos“ verkörperte er einen angeschlagenen Mafiaboss. Sein weinerlicher, nach Alkohol und käuflichen Frauen süchtiger Mickey aber ist eine derartige Ausgeburt an Niedertracht, dass ein Identifikationsangebot von vornherein ausgeschlossen scheint.

„Killing Them Softly“ ist kein selbstironisches Pulp-Epos à la Tarantino, auch wenn die etwas überengagiert wirkende Darstellung eines Kopfschusses in Zeitlupe vor dem Sound von Ketty Lesters „Love Letters“ das vermuten lässt. Dazu fehlt die genretypische Coolness. „Haben Sie mal einen umgebracht? Die heulen, die flehen, die rufen nach ihrer Mutter. Ich töte sie gerne sanft. Aus der Ferne“, sagt Jackie einmal. Die größte Angst des Mörders ist ein Opfer, das emotional wird - pointierter als in dieser titelgebenden Sequenz lassen sich der Dreck und die Dummheit des Tötungsgeschäfts kaum darstellen. Der Film wirkt, weil er auf die tragische Komik schäbiger Verbrecherkarikaturen das reale Gemetzel folgen lässt, das diese anzurichten imstande sind.

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