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Im Kino: „Imagine“ : Immer dem Echo nach!

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Hinter den Brillen die Welt: Alexandra Maria Lara als Eva und Edward Hogg als Ian in „Imagine“ Bild: dpa

Was die Augen nicht sehen, davon kann die Phantasie ein Bild geben: In „Imagine“ kommen sich Alexandra Maria Lara und Edward Hogg näher.

          Den Weg mit dem weißen Stock ertasten oder sich nach dem Klang und dem Echo der Dinge richten, über diese Frage könnte ein Kolloquium eines Blindenvereins streiten. Der polnische Regisseur Andrzej Jakimowski („Kleine Tricks“, 2007) formt daraus jedoch ein parabolisches Kinostück, das in einer deutlich ausgedachten Geschichte die Probe aufs Exempel macht. Hauptspielort sind ein ehemaliges Kloster und die fotogene Altstadt von Lissabon, als Verkehrssprache dient - in der Originalfassung der französischen Produktion (mit britischer, polnischer und portugiesischer Beteiligung) - das Englische.

          In der Blindenschule des Klosters hat Ian (Edward Hogg) eine Anstellung als Lehrer für Orientierung gefunden, nachdem ein Krankenhaus ihn gefeuert hat. Wie viele Blinde schützt er den Anblick seiner toten Augen meistens mit einer dunklen Brille.

          Auffälliger sind die Nagelschuhe, mit denen der junge Mann kräftig auftritt, damit ihm die Dauer und Stärke des davon erzeugten Echos die Hindernisse auf dem Weg und sogar weit entfernte Objekte anzeigen. Einmal behauptet er sogar, im weit entfernten Hafen liege ein haushohes Kreuzfahrtschiff. Niemand außer ihm hört, geschweige sieht es, auch nicht die gut sehenden Schachspieler am Kaffeehaustisch nebenan. Bildet es sich der Mann nur ein? Lotst er die ihm anvertrauten Blinden in tödliche Gefahren, wenn sie lernen sollen, ohne Stock eine dichtbefahrene Uferstraße zu überqueren?

          Das eigene Zimmer ist ihr liebster Ort: Eva (Alexandra Maria Lara) Bilderstrecke
          Das eigene Zimmer ist ihr liebster Ort: Eva (Alexandra Maria Lara) :

          Es fällt nicht schwer, hinter Jakimowskis Konstruktion die alte existentialistische Frage nach der Wahlfreiheit des Menschen zu sehen, die im polnischen Denken seit der Romantik tief verankert ist. „Sicherheit oder Freiheit“ würde das aktuelle, mehr pragmatische deutsche Pendant dazu lauten. Der Blindenstock wäre so das Eingeständnis der persönlichen Hilfsbedürftigkeit, das freie Schreiten des Blinden dagegen das Signum der Selbstbestimmung, die sich auf die eigenen Sinne verlässt und Gefahren mutig riskiert. Was die Augen nicht sehen, davon kann die Phantasie trotzdem ein Bild erzeugen, vorausgesetzt, man schult Ohren, Nase und den Tastsinn der Füße und der Hände. Ein bisschen Glück gehört freilich auch dazu. Ian hat es nicht, als er in eine Kohlengrube fällt, zum Gespött der Zweifler.

          Evas Erwachen aus dem Schattendasein

          Zum Bild der Freiheit gehört im Film naturgemäß der einsame Held, der keine feste Bindungen eingeht, weshalb dann auch Ians Beziehung zu seiner Zellennachbarin Eva (Alexandra Maria Lara) von Begehren frei bleibt. Womöglich gerade deshalb wird Eva, deren Schönheit ihr Lehrer nur ahnen kann, seine beste Schülerin, die dann ohne Stock in der Stadt nach ihm sucht und das Café wiederfindet, in dem sie mit Ian gesessen hat. Freiheitsgefühle stecken an, und der Duft der frischen Meeresbrise macht süchtig.

          Doch genauso, wie man in einem Western nicht nach der Biographie des Helden fragt, so dürfen auch Jakimowskis Personen keine Vorgeschichte haben. Sowohl Ian als auch sein Kontrahent, der um die Sicherheit der Patienten besorgte Anstaltsarzt (Francis Frappat), sind bloße Ideenträger, von denen aber nur der eine die Sympathie auf seiner Seite hat.

          Mit gepflegtem Fünftagebart, dunkler Brille und tastend aufrechtem Gang agiert Edward Hogg, derzeit einer der besten Darsteller im englischen Kino, als Leitfigur, an dem die Augen des Zuschauers hängen, während Alexandra Maria Lara das Erwachen Evas aus ihrem - hier wortwörtlich zu verstehenden - Schattendasein ebenso deutlich wie behutsam vor unsere Augen stellt.

          Gut im Takt mit der präzise rhythmisierten Musik von Tomasz Gossowski erschafft Adam Bajerskis Kamera ein suggestives Bild-Ton-Erlebnis, das den Zuschauer dicht an der - von Lissabons Straßen mitsamt der unabkömmlichen Straßenbahn mit der Patina der Echtheit überzogenen - Handlung hält. Jakimowskis „Imagine“ ist ein gelungenes, kühl kalkuliertes Kinoexempel.

          Quelle: F.A.Z.

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