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Veröffentlicht: 25.01.2013, 14:59 Uhr

Im Kino: „Flight“ Aus allen Wolken fallen

Der Katastrophenfilm „Flight“ bietet mit Denzel Washington in der Hauptrolle oscarwürdiges Kino und zeigt einen von Alkohol und Drogen zerfressenen tragischen Helden.

von Daniel Haas
© Studiocanal Trinker, Kokser, Kiffer – und dummerweise auch Pilot: Denzel Washington als Whip Whitaker

Aufbrausend, flatterhaft, abgehoben. Was das Bildfeld des Luftigen hergibt, auf diesen Mann trifft es zu. Whip Whitaker, Flugzeugpilot, Trinker, Kokser, Kiffer. Zum Frühstück gibt’s ein Telefongespräch mit der Exfrau über Unterhaltsklagen, dazu einen Schluck Whiskey und eine Prise Pulver. Währenddessen klettert eine Stewardess in ihren Schlüpfer. Auch zu den Kolleginnen unterhält man ein windiges Verhältnis.

Kurz vor dem Abflug dann schnell noch zwei Wodkafläschchen aus der Bordbar und im Cockpit ein paar belebende Luftstöße aus der Sauerstoffmaske. Schon kann’s losgehen. Routineflug aus Orlando, Florida. Sechs Crewmitglieder, 96 Passagiere.

Fliegen und Selbstmedikamentierung, so legt es der Film nahe, sind verwandte Verfahren. Man braucht ein Gespür für die Balance, muss widerstreitende Energien ausgleichen, Turbulenzen in den Griff kriegen. Deshalb ist Whip ein exzellenter Pilot. Und vielleicht kann er deshalb Unglaubliches vollbringen. Als die Maschine in einen schweren Sturm gerät und die Hydraulik ausfällt, dreht er das Flugzeug auf den Rücken. Der fünfzig Tonnen schwere Koloss kann so eine Zeitlang ohne Antrieb segeln und stürzt nicht in ein Wohngebiet. Stattdessen: Bruchlandung auf einem Acker. Von den einhundertzwei Reisenden überleben 96, ein Wunderwerk. Als die Gewerkschaft später den Flug im Simulator nachstellt, gelingt das Manöver von zehn Testpiloten keinem einzigen.

Gepäppelt mit Kokain

Ist er ein Held, dieser Mann, der, wie der toxikologische Bericht später ergibt, 2,4 Promille und alle möglichen illegalen Substanzen im Blut hatte? Oder muss man ihn bestrafen, wie es die Versicherungsgesellschaften fordern? Gegen Whip wird ein Verfahren eingeleitet, in Aussicht steht lebenslange Haft. Also: Retter oder Verbrecher? Oder beides?

Robert Zemeckis’ Regie bezieht zu diesem Dilemma sehr eindeutig Stellung, aber bevor es zu endgültigen Klärung kommt, gibt es eine ausführliche Leidens- und Gewissenprüfung. Whip verschanzt sich auf einer Farm, im Schlepptau eine ehemalige Prostituierte (Kelly Reilly), die er im Krankenhaus aufgelesen hat. Clean werden für jemand anderes- kein schlüssiges Konzept. Die Frau macht sich aus dem Staub, der Mann rutscht weiter ab. Gespräche mit Anwälten und Gewerkschaftsvertretern, Vorwürfe, noch mehr Untersuchungen. Der Bluttest lässt sich widerlegen, aber wer hat den Wodka getrunken?

Das Finale ist eine Anhörung vor der nationalen Luftfahrtbehörde, und da sitzt er dann, noch betrunken vom Vorabend, mit Kokain hochgepäppelt, letztlich aber am Boden. Ein Mann am Tiefpunkt.

Zwischen Hybris und Buße

Ist das Ergebnis einer Handlung ausschlaggebend für ihre Bewertung, dann bleibt Whip ein Held, egal wie sittlich verdorben er am Ende ist. Das wäre die utilitaristische Lesart des Problems. Andererseits: Infiziert die Depraviertheit des Lügners nicht das Ergebnis seiner Taten? Wie sich das Dilemma löst, ganz konkret in der Spielhandlung dieses packenden Dramas, das darf man nicht verraten. In der Läuterung jedenfalls bewährt sich eine christliche Idee: Dass gute Werke auch mit dem rechten Glauben einhergehen müssen. Ohne Bezug zu einer höheren Instanz gerät die Existenz ins Wanken. Wenn Whip dem Tower meldet, „wir haben die vertikale Kontrolle verloren!“, dann ist damit auch die moralische Haltlosigkeit gemeint.

Eine kaum verklausulierte Heilserzählung also, die ein sehr weltliches Gegenwartsproblem anspricht. Auf politischer Ebene werden meist nur Ergebnisse verhandelt, sittliche Fragen sind nachgeordnet. Von den Repräsentanten der Wirtschaft hingegen erwarten wir die Verkörperung moralischer Ideale, obwohl wir wissen, dass der von Egoismus und Profitgier bestimmte Wettbewerb sich schwer auf christliche Werte einstimmen läst. Politiker werden also nach utilitaristischen Prinzipien eingestuft, was eher für Wirtschaftsakteure gelten müsste. Und auf Ökonomen wird eine Pflichtethik angewandt, die bei der Politik besser aufgehoben wäre.

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Der Pilot ist kein Staatschef oder Wirtschaftsboss, aber auch er dirigiert eine Gemeinschaft durch die turbulente Welt. Deshalb ist er die ideale Figur, um die Fährnisse einer aufgeklärten Moral zu zeigen. Und wenn er dargestellt wird von Denzel Washington, als sich von Szene zu Szene verdunkelnder Leidensmensch, zwischen Hybris und Buße, Kaputtsein und Auferstehung aus dem Reich der Lügen, dann ist das faszinierendes, oscarwürdiges Kino.

Quelle: F.A.Z.

 

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