27.08.2010 · Sieben Jahre nach dem Schocker „Irreversible“geht Gaspar Noé in seinem neuen Film „Enter the Void“ auf einen zweieinhalbstündigen psychedelischen Trip durch den Drogensumpf von Tokio. Was er zeigt, hat man so noch nicht gesehen.
Von Michael AlthenEs gibt ein paar gute Gründe, diesen Film zu hassen. Für seine grellen Effekte, für seine billige Symbolik, für den ganzen Gestus, bei dem man nicht weiß, ob der Regisseur mehr in seine Kamera oder in sich selbst verliebt ist. Oder ob er einfach nur ein Menschenfeind ist. Das wären dann dieselben Argumente, mit denen Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ gelegentlich konfrontiert wurde, der bei Gaspar Noés „Enter the Void“ sichtlich auch Pate gestanden hat.
Aber so wie selbst Kubricks Gegner zugeben mussten, dass „2001“ etwas zeigt, was so noch nicht zu sehen war, so kann kaum einer leugnen, dass Noé etwas Ähnliches gelungen ist. Sein Film ist ein hypnotischer Horrortrip durchs nächtliche Tokio, bei dem einem die Augen übergehen. Und das nicht nur, weil er die Drogenerfahrungen des Crack-Rauchers in psychedelische Bilder umsetzt wie einst Kubrick den minutenlangen Flug des Astronauten Bowman durch die Lichterkorridore des Sternentors, sondern weil er praktisch die ganzen zweieinhalb Stunden in einen einzigen Höllensturz durch ein kaltes Neonfeuer verwandelt.
Wer zu Schwindelgefühlen neigt, ist bei Noé verloren
Man versteht schnell, warum es sieben Jahre gedauert hat, bis Noé nach der Vergewaltigungs-Rache-Phantasie „Irreversible“ diese Vision umsetzen konnte. In Interviews sagt der gebürtige Argentinier, er habe in seinem Leben sicher fünfzig Mal „2001“ gesehen, dreißig Mal David Lynchs „Eraserhead“ und mindestens ebenso oft Kenneth Angers Experimentalfilm „Inauguration of the Pleasure Dome“ – und ohne sich mit diesen Regisseuren vergleichen zu wollen, sei „Enter the Void“ eben auch Ausdruck seiner Begeisterung für diese Filme. Vor diesem Hintergrund wird auch klar, warum sein Film nicht an einem Ort spielt, an dem man festen Boden unter den Füßen hätte, sondern in einer Art Hyperraum des filmischen Erzählens, wo einem im Nu Hören und Sehen vergeht.
Wer zu Schwindelgefühlen neigt, ist bei Noé verloren. Von Anfang an blickt man durch die Augen des Helden auf die Welt, die erst einmal nur aus einem zugemüllten Apartment in Tokio besteht, von dessen Balkon man auf eine blinkende Lichterreklame schaut, auf der „Enter“ steht. Bevor man wie in Videospielen diese Welt betritt, hat man allerdings bereits das Trommelfeuer des Vorspanns hinter sich, bei dem einen die Namen mit einer solchen Geschwindigkeit um die Ohren fliegen, dass man nur Fetzen erfassen kann. Aber mit dieser grafischen Tour de force zum Techno-Beat ist schon mal der Ton vorgegeben und angedeutet, dass die Wahrnehmung auf eine harte Probe gestellt werden wird.
Der Schock des Aufpralls und seinen blutigen Folgen
Es dauert nicht lange, bis der Held, von dem man nur die Hände sieht, auf den ersten Trip geht. Als er wieder erwacht, sieht man im Spiegel zum ersten Mal sein Gesicht. Wenn man ihn das nächste Mal sieht, also seinen subjektiven Blick verlässt, liegt er tot auf dem Boden der Toilette einer Bar mit dem Namen „The Void“, durch die Türe hindurch erschossen von Drogenfahndern. Im Moment des Todes gibt die Kamera die subjektive Perspektive auf, so wie die Seele den Körper verlässt, und beobachtet noch eine Zeit lang den Abtransport der Leiche, ehe sie sich auf und davon macht, zu einem rasanten Flug über die Gassen des Rotlichtbezirks ansetzt, um dann herabzuschweben in einen Club, dessen Lichterfeuer über dem Eingang verkündet: „Sex Money Power“. Gaspar Noé ist eben kein Mann der leisen Töne, sondern der schweren Zeichen.
Wenn das Kameraauge in dem Strip-Club zur Ruhe kommt, sieht es der Schwester des Toten beim Geschlechtsverkehr zu – vom Tod des Bruders erfährt sie erst hinterher, als sie die Mailbox abhört. Im Schmerz wird sie bestürmt von Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit in Amerika, aus der sie durch einen Autounfall der Eltern herausgerissen wurden. Mit dem Schock des Aufpralls und seinen blutigen Folgen wird man noch mehrfach konfrontiert – und auch mit den Erinnerungsfetzen dieser kruden Geschwistergeschichte, in der Hänsel und Gretel irgendwann als Dealer und Prostituierte in Tokio enden.
Was er zeigt, hat man so noch nicht gesehen
Wenn man sich an dieser Geschichte festbeißt, die lachhaft schwere Geschütze auffährt, wird man mit dem Film so wenig froh werden wie mit dem Vorgänger „Irreversible“, dessen zehnminütige Vergewaltigungssequenz auch die Frage offenließ, ob die Moral wirklich darin bestehen kann, dass einer vor der widerlichen Realität nicht die Augen verschließt.
Auch nach „Enter the Void“ wird Noé wohl kaum als Frauenfreund durchgehen, eher schon als Menschenfeind, dessen Interesse an seinen Figuren sich weitgehend darauf beschränkt, mit der Kamera wie ein Raubvogel aufs Einschussloch in der Brust des toten Helden zuzustürzen. Aber trotzdem ist Kino eben doch immer mehr als Anstand, Verständnis und Wohlgefallen. Manchmal findet es seine Erfüllung darin, alle Mahnungen über Bord zu werfen, sich dem Rausch hinzugeben und einfach nur die Hölle in ihren schillerndsten Farben auszumalen. Und genau das macht Noé hier. Was er zeigt, hat man so noch nicht gesehen. Das muss man nicht mögen, aber man kann sich ihm verdammt schwer entziehen. „Enter the Void“ ist vielleicht der hassenswerteste Film der Saison – aber man möchte ihn sofort noch mal sehen.