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Im Kino: „Die Entdeckung der Currywurst“ : Glück in kleinen Schlückchen

Der Deserteur in ihrem Bett: Barbara Sukowa und Alexander Khuon in „Die Entdeckung der Currywurst” Bild: ddp

Der Film „Die Entdeckung der Currywurst“ nach der Novelle von Uwe Timm kommt ohne Patina-Pomp und feierliches Getue aus. Ulla Wagner bringt eine sehr deutsche Geschichte auf die Leinwand, ohne sie in neudeutschem Kinopathos zu ertränken. Das ist viel.

          Nein, zu Fanfarenstößen gibt es keinen Anlass, auch nicht zu Jubelgeschrei, wie es im deutschen Film routinemäßig nach jedem kleineren Erfolg ertönt. Aber ein Ereignis ist es schon, wenn eine Literaturverfilmung in Deutschland ohne allen Patina-Pomp auskommt, ohne das feierliche Getue, das noch die besseren Anstrengungen dieser Art (etwa Torsten C. Fischers „Liebeswunsch“ nach Dieter Wellershoff) entstellt und in Breloers „Buddenbrooks“ demnächst fröhliche Auferstehung feiern wird.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Andererseits - und da sind wir schon mitten im braven deutschen Kategoriendenken - ist Ulla Wagners „Entdeckung der Currywurst“, wie alle Kritiker bemerkt haben, eben doch ein „kleiner“ Film, der mit einem Budget gedreht wurde (knapp drei Millionen Euro), das bei Bernd Eichinger gerade mal für den Fuhrpark reichen würde. Und das sieht man ihm auch an. Wo andere das Historische breit und fett auf der Leinwand auftragen, ist bei Ulla Wagner Schmalhans Kulissenmeister: ein Trümmerhaus hier, ein alter Armeejeep dort, dazu manchmal ein Heulen und Krachen in der Luft - das muss reichen, um den Zweiten Weltkrieg darzustellen. Aber der Film braucht auch kein üppiges Dekor. Er hat ja Barbara Sukowa.

          Für Barbara Sukowa ein Stück nachgeholte Kinokarriere

          Uwe Timms Novelle, sein einziger Bestseller neben dem Kinderbuch „Rennschwein Rudi Rüssel“, spielt 1945 in Hamburg. Die Soldatenwitwe Lena Brücker (Sukowa) trifft den Marinesoldaten Hermann (Alexander Khuon) und nimmt ihn bei sich auf. Sie füttert ihn durch, holt ihn in ihr Bett, zieht ihm die Kleider ihres Mannes an und versteckt ihn vor dem neugierigen Blockwart, bis der Krieg vorüber ist. Nun könnte der Jüngling gehen. Aber Lena, die nicht von ihm lassen kann, verschweigt ihm die deutsche Kapitulation. Bis Hermann sich eines Tages doch davonmacht - und Lena vor lauter Liebesschmerz auf der Treppe eine Dose Curry und ein paar Gläser Tomaten fallen lässt und so ganz zufällig die Currywurst entdeckt.

          Das Budget ihres gesamten Films hätte bei Bernd Eichinger gerade mal für den Fuhrpark gereicht: Ulla Wagner bei den Dreharbeiten

          Ein Zweipersonenstück also, nah am Klischee: alte Frau und junger Mann, eine Liebe im Krieg, die deutsche Tragödie und die Wurst. Das hätte arg schiefgehen können. Aber es funktioniert, denn Barbara Sukowa, mit Mitte fünfzig schöner als je, hält alle großen Fragen auf Abstand. Außer der nach dem Glück. Das trinkt sie aus Alexander Khuons Hermann schlückchenweise und so gründlich, dass man förmlich sieht, wie der Jüngling sich leert und die Witwe vor lauter Seligkeit überzulaufen beginnt. Nur das rasche Kriegsende bewahrt sie vor einer tollkühnen Liebestat. Aber ein knalliger Schluss hätte zu dieser sanften, mit einfachsten Mitteln sättigenden Geschichte auch nicht gepasst.

          Wenn man Barbara Sukowa in den taillierten grauen Zweiteilern der Kriegs- und Nachkriegszeit sieht, denkt man, dass „Die Entdeckung der Currywurst“ für sie auch ein Stück nachgeholte Kinokarriere ist. Diese Lena Brücker ist ihre Maria Braun: eine Frau, die den Weltuntergängen der Männer ihre pragmatische Aufbauarbeit entgegenhält. Man mag sich kaum vorstellen, was Fassbinder aus dem Stoff gemacht hätte. Aber auch Ulla Wagners Film braucht sich nicht zu verstecken. Er bringt eine sehr deutsche Geschichte auf die Leinwand, ohne sie in neudeutschem Kinopathos zu ertränken. Das ist viel.

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