http://www.faz.net/-gqz-11z46

Im Kino: „Der Knochenmann“ : Nachrichten aus dem Kühlraum

  • -Aktualisiert am

Vorsicht, Brathähnchen: Josef Hader als Privatdetektiv Brenner Bild: dpa

Sein dritter Fall führt den sonderlichen Privatdetektiv Brenner in die Abgründe eines Dorfwirtshauses. Wolfgang Murnberger macht aus der Romanvorlage des österreichischen Schriftstellers Wolf Haas einen skurrilen Anti-Heimatfilm, der immer wieder ins Surreale kippt.

          Es gibt Gegenden, in denen unterscheiden die Leute zwischen einem Wirtshaus und einem Gasthaus. Im Gasthaus ist, zumindest der Parole nach, der Gast König. Im Wirtshaus ist es der Wirt. Wie weit die unumschränkte Wirtsmacht allerdings gehen kann, davon macht man sich in der Regel lieber keine Vorstellung. Der österreichische Film „Der Knochenmann“ nach dem gleichnamigen Kriminalroman von Wolf Haas tut aber genau das. Er zeigt einen österreichischen Wirt namens Löschenköhl als Dorfpotentaten, der für alles, womit er nicht ganz zurechtkommt, einen besonderen Verwahrungsort hat – den Kühlraum, das Allerheiligste jeder Gastwirtschaft, das Arkanum, in dem es schon fröstelt, ohne dass man noch genau weiß, was hier alles eingelagert wurde.

          Wie in allen Krimis von Wolf Haas wird eine breitere Öffentlichkeit auch hier nur deswegen darauf aufmerksam, weil „schon wieder was passiert“ ist. Ein gelber Beetle steht vor dem Gasthaus Löschenkohl. Die Leasingraten sind seit einiger Zeit nicht bezahlt worden, der Besitzer namens Horvath ist verschwunden. Der „repo man“, der diesen Fall widerwillig übernommen hat, heißt Brenner (Josef Hader). Er ist der Held in den Krimis von Haas, die sich durch mehrmaliges Auftreten desselben Helden zu einer kleinen Brenner-Serie gefügt haben, die längst auch im Kino ein großer Erfolg geworden ist. „Der Knochenmann“ ist der dritte Film in der Reihe (nach „Komm, süßer Tod“ und „Silentium“), er beruht auf dem in der Reihenfolge der Krimis zweiten (und für viele Leser besten) Buch mit Simon Brenner als Privatdetektiv ohne entsprechende Lizenz.

          Im Hähnchen-Imperium

          Immerhin war er neunzehn Jahre bei der Polizei, bevor er dort wegen zu vieler „negativer Energien“ aufhörte. Nun ist er hauptberuflich ein Verlierer, der sich von dem Yuppie Berti (Simon Schwarz) immer wieder kleine, informelle Jobs aufdrängen lässt. So kommt er in die Steiermark, zum Wirtshaus Löschenkohl, das für seine Backhendln berühmt ist. Der Brenner mag keine Hähnchen, er lässt sich nicht mit einer warmen Mahlzeit abspeisen, er sucht aber auch nicht intensiv nach dem Horvwath. Er bleibt einfach hängen, weil es für einen wie ihn im Grunde egal ist, wo er seine Tage zubringt.

          Ivan Shvedoff als Igor ahnt, dass an diesem Ort keine großen Unteschiede zwischen Mensch und Geflügel gemacht werden

          Die Feindseligkeit, die ihm entgegenschlägt, ist dabei nur eine Fassade, hinter der sich schnell unterschiedliche Interessen im Imperium Löschenkohl ausmachen lassen. Der Patriarch (gespielt von Josef Bierbichler, eine naheliegende Wahl für das ungeheuerliche Format dieses Mannes, vom Dialekt her allerdings ein grober Schnitzer) hält seinen Sohn Pauli (Christoph Luser) sehr kurz. Dessen Ehefrau Birgit (Birgit Minichmayr) zerlegt täglich Hunderte Hähnchen und ist darüber zu einem blassen Geschöpf geworden, dessen Attraktivität am ehesten einer wie Brenner zu erkennen vermag. Kellnerinnen, Zuhälter, Prostituierte bilden das weitere Personal dieser Geschichte, die immer wieder auf diesen unwirtlichen Raum im Keller der Löschenkohls zurückkommt.

          Bitte eine Salatplatte!

          Im Film von Wolfgang Murnberger wird das kannibalische Element in der Massenhühnerzucht natürlich noch anschaulicher als im Roman, und es verwundert nicht, dass die Brutalisierung, die dem Gewerbe innewohnt, irgendwann auf den Menschen überschlägt. Der steirische Ort Bad Gleichenberg verliert durch eine Schmiererei auf dem Bahnhof einen Buchstaben und wird zu Bad Leichenberg.

          Das Landleben hat in „Der Knochenmann“ nichts Idyllisches, man müsste von einem Anti-Heimatfilm sprechen, der allerdings immer wieder ins leicht Surreale kippt. Schon in den Krimis von Wolf Haas ermitteln sich die Fälle mehr oder weniger von selbst. Brenner ist kein Detektiv, sondern ein Psychoanalytiker ohne Theorie, der allen Dingen die gleiche (gering anmutende) Aufmerksamkeit entgegenbringt und so all das zutage fördert, was beim Löschenkohl im Kühlraum und andernorts unter dem Teppich oder sonstwo versteckt wird. Es ist die Fülle der seltsamen Details, mit denen „Der Knochenmann“ nicht nur sehr unterhält, sondern tatsächlich das Bewusstsein und das Unbewusste gut beschäftigt. Es gibt aber auch einen konventionellen Erzählstrang, der die alte Geschichte vom einsamen „private eye“ sehr schön auf Vordermann bringt: Wie Josef Hader in manchen Momenten auf Birgit Minichmayr blickt, das transzendiert sogar den Fragehorizont, ob man in einem Wirtshaus getrost ein Hendl essen kann oder besser doch in einem Gasthaus eine Salatplatte bestellt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Merkel in Sachsen : Die Liebe und Zuneigung der Kanzlerin

          Meckern und Miesepeterei: Die Beziehung zwischen Angela Merkel und Sachsen ist schon länger eine schwierige – dennoch kann die Bundeskanzlerin bei ihrem Besuch im Protest-Freistaat punkten.
          Donald Trump beim Besuch eines Militärstützpunkts im Bundesstaat New York vergangene Woche.

          Frühestens 2019 : Trump muss auf seine Militärparade warten

          Eine Militärparade mitten in der Hauptstadt wollte Trump, wie er es in Paris gesehen hatte. Das Pentagon macht seinen Plänen nun einen Strich durch die Rechnung – zumindest für dieses Jahr. Das liegt wohl auch am Geld.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.