Sunshine und Noir, das ist einer der stabilen Gegensätze, der zu Kalifornien gehört wie die Gesundheitsapostel und der Smog, wie Beverly Hills und South Central, und aus Filmen wie „Chinatown“ und „L. A. Confidential“, aus den blutdurstigen Romanen von James Ellroy weiß man längst, dass Glamour und Grauen, Reichtum und Verbrechen nicht nur im Hollywoodkino Geschwister sind.
Eine „Horror-Story für Erwachsene, nicht für Kids auf der Suche nach Thrill“ hat Clint Eastwood seinen Film genannt, der im Los Angeles der späten zwanziger Jahre beginnt, und weil Eastwood meint, was er sagt, hat er sich auch weniger für eine stromlinienförmige Plotline interessiert als für die eigentümlichen Mäander seiner Geschichte, die ganz selbstverständlich im Vorspann als „true story“ angekündigt wird, ohne den Zusatz „based on“ oder „inspired by“. Im Gegensatz zum Mordfall „Schwarze Dahlie“, über den Ellroy seinen (von Brian de Palma verfilmten) Roman geschrieben hat, sind die „Wineville Chicken Murders“ von Hollywood unbeachtet geblieben, obwohl in dem Fall alles steckt, was sich ein Produzent wünscht: Entführung, Tragik, ein Serienmörder und eine korrupte Polizei, das LAPD, das der damals populäre Radioprediger Gustav Briegleb als die „gewalttätigste, korrupteste, inkompetenteste Polizeitruppe diesseits der Rocky Mountains“ bezeichnete.
Filme im Akkord
Wer sonst als Clint Eastwood sollte das in die Hand nehmen? Es ist unglaublich, wie der 78-Jährige Jahr für Jahr einen Film dreht - manchmal auch zwei, Rücken an Rücken wie „Flags of Our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“ -, denn während „Der fremde Sohn“ (im Original „The Changeling“, das untergeschobene Kind) jetzt ins Kino kommt, steht in sechs Wochen schon der nächste Eastwood an, „Gran Torino“. Und man ließe vermutlich auch niemanden unbehelligt, der eben nicht fünf Mal Drehbücher umschreiben lässt und bei Schauspielern dafür beliebt ist, dass er sie nicht zehn Mal Szenen wiederholen lässt. So arbeitet er preiswert und effizient, mit einem Kassenerfolg, der dem Budget entspricht, und man denkt manchmal schon mit leichter Sorge daran, wer eigentlich diese Stoffe durchsetzen soll, wenn Eastwood sich einmal zurückzieht.
Die Geschichte vom „Fremden Sohn“ beginnt 1928, in Lincoln Heights, in den eigenartig entsättigten Farben eines Sommertages, und diese leicht gedämpfte Stimmung wirkt wie eine Ahnung des Verhängnisses - mal abgesehen davon, dass die im Computer erzeugten historischen Panoramen von Los Angeles einfach großartig aussehen. Eine alleinerziehende Mutter bringt ihren Sohn zur Schule, mit der Straßenbahn, die es damals noch gab in Los Angeles, dann fährt sie zur Arbeit als Schichtleiterin in einer Telefonzentrale, wo sie die Telefonistinnen auf Rollschuhen beaufsichtigt. Die Alltagsroutine, die in diesen ersten Szenen liegt, hat ebenso etwas Beruhigendes, wie sie signalisiert, dass Gefahr droht. Und als die Mutter am Wochenende mit schlechtem Gewissen eine Extraschicht übernimmt, ist ihr Sohn bei ihrer Rückkehr verschwunden.
Jolies Oscar-Ambitionen
Angelina Jolie spielt diese Christine Collins, und es ist Eastwoods Überraschungscoup, dass er sie gewinnen konnte. In Amerika hat der eine oder andere darin eine durchsichtige Spekulation gesehen: auf den Oscar als beste Darstellerin. Mag ja sein, dass das auch eine Rolle gespielt hat. Entscheidend ist aber, wie sie spielt, und da Eastwood kein Hasardeur ist, musste man auch nicht mit einem Scheitern rechnen. Es gab stärkere, berührendere weibliche Hauptrollen im vergangenen Kinojahr, aber da ist kein Klassenunterschied, auch wenn man Angelina Jolie etwas hämisch vorgehalten hat, sie agiere zu puppenhaft und grimassiere zu viel, mit dem roten Lippenstift im bleichen, von kalifornischer Sonne unberührten Gesicht, sie sei zu hilflos und dann wieder zu kämpferisch.
Eastwood duldet jedoch keine Heroisierung - das ist nicht sein Stil. Sie schlüpft ins Kostüm und damit in eine andere Zeit, sie tut nicht, was Angelina Jolie tun würde oder Mariane Pearl, die sie zuletzt gespielt hat; sie verhält sich wie eine Frau von damals, die gelernt hat, nicht aufzubegehren, sondern sich dem Schicksal zu fügen und ihre Arbeit zu machen, weil das soziale Stigma der Alleinerziehenden sie zur Unauffälligkeit nötigt. Sie überzieht nicht und ist der Rolle jederzeit gewachsen, was nicht heißt, dass nicht noch mehr Intensität, mehr Nuancierungen herauszuholen gewesen wären. Dass das Unrecht, das ihrem Charakter widerfährt, auch die zeittypischen Muster weiblichen Verhaltens perforiert, ist nun nicht verwunderlich, und dass sie dadurch zur Frau, die niemals aufgibt, wird, sollte man nicht bloß dem auf solche Rollen spezialisierten Clint Eastwood zuschreiben.
Die Handlungsverläufe klaffen auseinander
Diese Christine Collins weiß nicht, wie ihr geschieht. Fünf Monate, nachdem ihr Sohn spurlos verschwunden ist und die Polizei sie immer wieder abgewimmelt hat, will das LAPD den Jungen wiedergefunden haben. Mit großer Geste inszeniert der Polizeichef die Wiedervereinigung von Mutter und Sohn, um den desolaten Ruf seiner Truppe aufzupolieren - doch es ist nicht ihr Sohn, und wenn sie im erstem Schock auch mitspielt, so lässt sie anschließend doch nicht locker. Der Prediger Briegleb (ein sehr zurückgenommener John Malkovich) unterstützt sie, weil es seinem Kampf gegen das LAPD nützt, doch er kann nicht verhindern, dass man sie erst für verantwortungslos, dann für verrückt erklärt und in eine psychiatrische Anstalt einweist.
Diese zentrale Handlungslinie wird von Eastwood nicht kunstvoll verbunden mit dem parallelen Geschehen, in dem ein halbwegs anständiger Polizist auf die Spur eines Serienmörders stößt, der auf einer Hühnerfarm zahlreiche Kinder bestialisch umgebracht hat. Die Dinge fallen auf einmal zusammen, und als Christine aus der Anstalt befreit ist, wird der Polizei der Prozess gemacht für wiederholten Missbrauch der Amtsgewalt und dem Mörder für seine Taten. Eastwood zeigt die beiden Verfahren in einer langen Parallelmontage, die manchmal etwas behäbig und arg gedehnt wird, und selbst danach zögert er das Ende noch hinaus, obwohl auch ohne DNA-Vergleich hochgradig wahrscheinlich ist, dass Christines Sohn Walter zu den Opfern des Wineville-Killers gehört.
So entsteht ein wenig Gerechtigkeit, aber kein Happy End, am Ende einer Story, welche nicht die Grautöne und die moralischen Ambivalenzen haben kann, die sich sonst in Eastwood-Filmen finden. Es gibt keine Zweifel, außer jenen der Mutter, die den Tod ihres Sohnes nicht wahrhaben will. Man schaut einer Horrorgeschichte aus der Vergangenheit zu, in der Gut und Böse zu keiner Sekunde changieren. Eastwood hat diesen Effekt zwar gedämpft durch die eigensinnige Dramaturgie, die sich eher ans reale Verfahren hält als an die üblichen Drehbuchstandards, aber es ist dann doch, wenn man seine Arbeiten der letzten zehn Jahre betrachtet, nicht seine stärkste. Gut genug ist sie immer noch.