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Im Kino: „Contagion“ : Virales Desaster

Schütteln Sie nie einem Fleischer die Hand: Steven Soderberghs Film „Contagion“ sieht aus wie ein Katastrophenfilm, ist aber keiner.

          Die Hand, beim Husten vor den Mund gehalten, greift zur Kreditkarte, legt diese auf den Tresen, dort wird sie von einer anderen Hand aufgenommen, ins Lesegerät gesteckt, zurückgegeben. Die andere Hand streicht die Haare aus dem Gesicht, nimmt eine Kaffeetasse, gibt Wechselgeld heraus, wobei die dritte Hand ins Spiel kommt, die das Wechselgeld einsteckt, eine vierte Hand schüttelt, zum Senftopf greift, den eine fünfte ihrerseits zum Teller zieht, und so weiter. Auch Erdnussschalen, Anzugsknöpfe, Spielwürfel, der Kuss zur Begrüßung und die Umarmung zum Abschied sind aus der Perspektive der Virenübertragung hochgefährliche Gegenstände und Handlungen. Ansteckung geschieht mit jedem kleinen Akt der Alltagsbewältigung, jeder kleinen Berührung aus Freundlichkeit. Kontrolle wäre vollkommener Stillstand. Ansteckung funktioniert auch durch Nachrichtenübertragung. Dann heißt sie Panik.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Steven Soderberghs Film „Contagion“ handelt von viralen Übertragungsmechanismen. Gwyneth Paltrow spielt eine Geschäftsfrau, die, aus Hongkong kommend, in Chicago Station macht, um mit einem alten Freund ins Bett zu gehen, bevor sie nach Minneapolis zu ihrer Familie nach Hause fliegt. Sie ist das erste Opfer, was zu verraten kein Verrat ist, sie ist nach acht Minuten Spielzeit tot. Auch in Chicago gibt es Todesfälle durch einen bis dahin unbekannten Grippevirus, in Tokio bricht ein Mann in der U-Bahn zusammen - nicht ohne sich vorher an die Stirn gefasst und dann an die Haltestange geklammert zu haben -, eine Pandemie ungekannten Ausmaßes ist im Gang, von der die Spanische Grippe, Sars, Ehec, Schweine- und Vogelgrippe, auch Aids in den Schatten gestellt werden. Nach einigen Monaten zählt man weltweit sechsundzwanzig Millionen Opfer. Die Dunkelziffer ist gewaltig.

          Er bedient das Genre nicht

          Dies ist das definitive Krisenszenario, aus dem das Kino Katastrophenfilme macht. Das Genre boomte in den Siebzigern: Schiffe brachen auseinander, Feuer fraßen sich durch Hochhäuser, Sterne fielen vom Himmel. Wenn Viren unter die Leute kamen, waren daran meistens dubiose Forscher in ebenso dubiosen, das heißt immer geheimen, oft militärischen Forschungslaboren schuld, wo Killerviren gezüchtet und zu Waffen wurden, tickende Zeitbomben in der Hand von in der Regel skrupellosen Männern, mit deren Fang sich das Problem erledigte. Katastrophe und Verschwörung gingen Hand in Hand.

          Soderbergh bezieht sich auf dieses Genre, aber er bedient es nicht. Er tickert Ort, Zeit und mögliche Opferzahlen ins Bild, wenn er den Schauplatz wechselt, der elektronische Soundtrack wummert zur Beschleunigung des Virenumschlags, der Film jagt um die Welt, damit die globalen Ausmaße der Krise klarwerden, und er zählt die Tage von Tag 2 an. Tag 1, der Ursprung der Infektion, kommt ganz zum Schluss - wobei die Spannung des Films nicht in der Frage liegt, woher die Pandemie eigentlich ihren Ausgang nahm.

          Die Gefahr schweißt nichts zusammen

          Wesentliche Motive des Genres übergeht Soderbergh. Er baut keinen Helden auf, der die Welt rettet. Er konstruiert keinen Bösen, der sie dem Untergang weiht. Er lässt Stoff für interne Dramen wie die Affäre von Gwyneth Paltrows Beth, von der ihr Mann nach ihrem Tod erfährt, links liegen, er verkumpelt und verkuppelt die Helfer nicht miteinander. Die Behörden in seinem Film arbeiten effizient und unkorrupt, die Ärzte, solange sie können, umsichtig, die Forscher verantwortungsvoll. Es gibt kein Ventil für unsere Angst. Keine Ablenkung von der Gefahr, der nur entgeht, wer einfach zu Hause bleibt. Sobald er ein Gerät anstellt allerdings, Radio, Fernsehen oder Computer, holt er sich die Panik ins Haus.

          Die Angst ist das einzige Gefühl, das Soderbergh interessiert. Und die einzige Bewegung ist die, wie sie sich verteilt und wie, obwohl ihre Institutionen offenbar funktionieren, die Gesellschaft auseinanderbricht. Bürger rennen einander über den Haufen, um an die letzten Waren der geplünderten Supermärkte zu kommen, und wenn einer hustet, muss er mit dem Schlimmsten rechnen. Die Gefahr schweißt nichts zusammen. Eine Figur gibt es in „Contagion“, die diese Angst instrumentalisiert, und zwar der Blogger Alan Krumwiede, den Jude Law mit einem absurden Gebiss und irgendwie australischem Akzent als zappelndes Beispiel von Selbstgerechtigkeit und Geltungssucht spielt. Krumwiede verbreitet die Nachricht, die die Regierung, um Panik zu vermeiden, zunächst noch zurückhalten will, in Verbindung mit einer angeblichen Medizin dagegen, die nicht das Tamiflu-Päckchen ist, das in unseren Kühlschränken liegt, seit bei uns einmal die Vogelgrippe ausbrechen sollte. Es handelt sich vielmehr um ein homöopathisches Mittel, an dem auch ein Hedgefonds schon Interesse angemeldet hat. Krumwiede glaubt an eine Verschwörung von Pharmaindustrie und Regierung.

          Tolstoische Exuberanz

          Soderbergh gibt uns also das volle Spektrum der Welt, über die das Virus herfällt. Und einen Sack voll Stars, die im Ensemble spielen: Matt Damon als Ehemann von Beth, der mit seiner Tochter Herr der Lage im Eigenheim werden muss; Kate Winslet als Ärztin im Krisenzentrum, die im Auftrag von Laurence Fishburn Bürgermeistern, Rotkreuz-Mitarbeitern und Feuerwehrleuten erklärt, wie man aus einer Turnhalle ein Krankenhaus macht; Marion Cotillard, die als Mitarbeiterin der WHO in Hongkong herausfinden soll, was dort eigentlich geschehen ist. Wie schon in „Traffic“, seiner Untersuchung der mexikanischen Drogenmafia mit filmischen Mitteln, scheut sich Soderbergh nicht vor der weitverzweigten topographischen Ausdehnung seiner Geschichte, ihrem Übermaß an Personal, ihren vielen Entwicklungssträngen, denen er schnell, ernst, unsentimental und realistisch zu folgen scheint. So wird es sein, wenn die Pandemie kommt, scheint er zu sagen. Es werden Geheimnisse ans Licht kommen und Kinder sterben. Und wir werden nicht gewappnet sein.

          Quelle: F.A.Z.

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