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Im Kino: „Cold Blood“ Abschied von den Vätern der Provinz

Der Österreicher Stefan Ruzowitzky hat mit „Cold Blood“ einen klassischen amerikanischen Thriller gedreht. So kommt ein vergessenes Filmgenre zu neuer Blüte.

© Jonathan WENK Hier sind gleich mehrere Dinge schief gegangen: Addison (Eric Bana) und Liza (Olivia Wilde) auf der Flucht zur kanadischen Grenze

Ein Haus, eine offene Tür, ein gedeckter Tisch - an Thanksgiving erfahren die Menschen in Amerika, wo sie hingehören. Und diejenigen, auf die niemand wartet und für die kein Truthahn geschlachtet wurde, wissen dann, dass bei ihnen etwas nicht geklappt hat mit dem amerikanischen Traum (vielleicht sind sie auch einfach nur Vegetarier). Wer an Thanksgiving nirgends einkehrt, hat allerdings häufig die interessantere Geschichte.

So ist es auch in Stefan Ruzowitzkys Film „Cold Blood“, der damit beginnt, dass ein Mann aus dem Off von einem Haus im Tal träumt, in das er gern fahren würde. Die Landschaft ist winterlich, drei Leute sitzen in einem Auto, das kurz darauf von der Fahrbahn abkommt, und schon sind es nur noch zwei, die die Beute aus einem Überfall auf ein Casino unter sich aufteilen müssen. Addison (Eric Bana) und seine Schwester Liza (Olivia Wilde) sind nun zu Fuß, die kanadische Grenze ist noch ein Stück entfernt. Der Bruder, der gerade einen Polizisten erschossen hat, hat deutlich weniger zu verlieren als seine Schwester. Er schlägt sich auf eigene Faust in die Büsche, per Telefon wollen sie einander den nächsten Treffpunkt mitteilen.

Damit bekommt dieser elegant und ökonomisch erzählte Thriller im doppelten Sinn seinen Fluchtpunkt: Addison und Liza werden sich an einem gedeckten Tisch wiedertreffen, unter Umständen, die erst richtig deutlich machen, was in ihrem eigenen Familienleben alles schiefgegangen sein muss.

KIN Production Still © Jonathan WENK Vergrößern Kris Kristoffersen in väterlichem Grimm

Bis zu diesem Finale erzählt Ruzowitzky auf Grundlage eines Drehbuchs von Zach Dean eine Reihe von Geschichten nebeneinanderher und aufeinander zu. Ein junger Mann namens Jay (Charlie Hunnam) ist eben aus dem Gefängnis entlassen worden und nun unterwegs zu den Eltern. Der Gedanke an seinen grimmigen Vater Chet (Kris Kristofferson) wird durch die Erinnerung an die warmherzige Mutter June (Sissy Spacek) kaum leichter erträglich. Die junge Polizistin Hanna hat derweil mit frauenfeindlichen Kollegen zu kämpfen, unter denen sich vor allem der Leiter der lokalen Dienststelle hervortut, der zufällig auch ihr Vater ist. Ein indigener Jäger trifft zu einem ungünstigen Zeitpunkt auf Addison, und eine Mutter von zwei Töchtern wird von einem rabiaten Alkoholiker mitten in der Nacht nach draußen geschickt.

Kein zweites „Fargo“, keine Ironie

Allen diesen Szenen liegen Klischees vom Leben in der amerikanischen Provinz zugrunde, aber zusammen ergeben sie beinahe so etwas wie eine erzählerische Soziologie des winterlichen Michigan, einer Welt, in der ein „Stag Saloon“ mit dem dazugehörigen Motel die einzige Alternative zur dräuenden Konfrontation mit dem Patriarchen darstellt. Väterliche Gewalt in allen ihren Registern ist das verbindende Motiv in „Cold Blood“, und die Qualität des Films liegt nicht zuletzt darin, wie er die Traumata allmählich freilegt, ohne daraus allzu simple Motivationen abzuleiten. Eric Bana hält die Figur des Addison in einer guten Spannung zwischen Schurkenrolle und Identifikationsfigur. Und Sissy Spacek, die hier noch einmal eine schöne, nuancierte Nebenrolle hat, versteht Addison in allen Facetten seiner Traumatisierung, ohne große Worte mit ihm wechseln zu müssen.

Ein guter Teil dieses impliziten Verständnisses verdankt sich natürlich dem Genre, zu dem „Cold Blood“ gehört. Das filmische Erzählen wird hier nicht neu erfunden, stattdessen werden Motive aufgerufen, die allen, die ein wenig über Nordamerika und seine Mythologien wissen, vertraut sind. Der Österreicher Stefan Ruzowitzky, der nach dem Oscar-Erfolg seiner „Fälscher“ die Chance wahrnahm, einen amerikanischen Film zu machen, hat zu diesen Motiven genau die richtige Beziehung: Er nimmt sie ernst, ohne sie zu überhöhen; er zielt aber auch nicht auf ein zweites „Fargo“, sondern erzählt ohne Ironie. Seine Figuren werden gerade so differenziert gezeichnet, dass sie mehr sind als Platzhalter in einem Genre-Experiment, ohne dass deswegen gleich alles auspsychologisiert werden muss.

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So passt „Cold Blood“ auch noch in einer anderen Hinsicht zu Thanksgiving. Er verweist auf ein traditionelles Kino, dem in Hollywood zunehmend die Produktionsbedingungen wegbrechen, während es früher das Rückgrat der Filmindustrie gebildet hat - Genrefilme aus dem zweiten Glied, mit denen sich die eigentlichen Könner diskret bewähren konnten. Stefan Ruzowitzky zeigt mit „Cold Blood“, dass diese Tradition noch nicht vergessen ist.

Quelle: F.A.Z.

 
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