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Im Kino: „Camp 14“ Ein nordkoreanischer Kaspar Hauser erzählt

 ·  Wer eine Meinung hat, wird erschossen: Der Dokumentarfilm „Camp 14“ schaut in Kim Jong-Uns Straflager. Hinter dem Zaun liegt eine Welt ohne Moral, Schuldgefühl oder Empathie.

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© Engstfeld Film Vergrößern Wachtürme im Kopf: Shin Dong-hyuk wurde hinter einem Elektrozaun geboren. In der Freiheit ist er trotz seiner Flucht nach Südkorea nicht angekommen.

In Lager 14 gibt es zehn Gesetze. Fast alle enden auf den Halbsatz, wer gegen sie verstoße, werde „auf der Stelle erschossen“. Zum Tatbestand genügt es, eine eigene Meinung erkennen zu lassen oder sich in Gruppen von mehr als zwei Menschen zu versammeln.

Lager 14 ist ein Sträflingscamp für politische Gefangene in Nordkorea, in dem die Haft stets bis zum Lebensende reicht, weil Entlassungen im Protokoll nicht vorkommen. Viele der Inhaftierten wissen nicht, warum sie hier sind. Sie wurden deportiert, weil sie mit einem Straffälligen bekannt oder verwandt sind, gemäß dem 1958 von Kim Il-sung ausgegebenen Diktum, Klassenfeinde müssten „ohne Ansehung der Person bis ins dritte Glied ausgemerzt werden“. Die Sträflinge arbeiten in Landwirtschaft, Minen oder Textilproduktion, zwölf bis fünfzehn Stunden am Tag, und leiden unter chronischer Unterernährung. Soziale Kontakte sind untersagt, Mord, Folter und Vergewaltigung an der Tagesordnung. Kaum jemand wird älter als fünfzig. Es herrscht der Überlebenskampf eines jeden gegen jeden.

Die Welt als Arbeitslager

In seinem Dokumentarfilm „Camp 14 Total Control Zone“ erzählt Marc Wiese die Geschichte von Shin Dong-hyuk, der in dem Lager geboren wurde und 2005 über den toten Körper seines vielleicht einzigen Freundes hinweg durch den Elektrozaun in die Freiheit entkam. Heute lebt er in Seoul, arbeitet für NGOs und hält Vorträge über sein Schicksal. Der Film, zu dem er sich entgegen anfänglichen Bedenken bereit erklärte, geht indes weit darüber hinaus, einfach ein Panoptikum des Schreckens zu drapieren: Ohne es explizit zu postulieren, hinterfragt er, so abgegriffen das zunächst klingen mag, jegliche dem Menschen natürlich eingepflanzte Fähigkeit zu Moral, Schuldgefühl oder Empathie.

Shin wird im Lager sozialisiert. Eine Außenwelt hinter dem Zaun kennt er nicht. Er akzeptiert die vorherrschende Norm von Unterwerfung, gegenseitiger Bespitzelung und Bestrafung. Seine Familie bleibt ihm fremd, jeder kämpft für sich allein ums Überleben. Der Vergleich mit Kaspar Hauser drängt sich auf: Shin sagt, er habe zwar geahnt, dass es noch eine andere Welt da draußen geben müsse, ein Land Nordkorea, „aber ich dachte, diese Welt wäre genauso wie das Arbeitslager“. Als sein Lehrer ein Mädchen totschlägt, weil sie fünf Weizenkörner gestohlen hat, glauben Shin und seine Mitschüler, „dass daran nichts falsch sei“. Das seien eben die Regeln des Camps.

Einmal belauscht Shin seine Mutter und seinen Bruder dabei, wie sie den Ausbruch planen. Er verrät sie beim Aufseher - teils aus Neid, teils aus Pflichtbewusstsein. Und wegen des Hungers. Er feilscht darum, sich als Belohnung für seinen Verrat einmal richtig satt essen zu dürfen, und landet selbst im Gefängnis. Dort bleibt er sieben Monate, wird gefoltert und muss anschließend mitansehen, wie seine Angehörigen erschossen werden. Er habe dabei nichts empfunden, erzählt Shin, er habe geglaubt, sie hätten es wohl so verdient. Die Möglichkeit von Trauer und Zuneigung, den Menschen als soziales Wesen, hatte er nie erlebt.

Schrankenlose Macht über Leben und Tod

Warum aber ein Film, ließe sich fragen, aus den Lagern existiert ja kein Bildmaterial. Doch die Interviews entschlüsseln mehr als den gesprochenen Text allein: Sie zeigen unaufgeregt und unter Verzicht auf musikalische Untermalung einen scheuen, entfremdeten Menschen, dem die Bewältigung seiner Erinnerung in einer unerklärbaren Jetztzeit sichtbare körperliche Anstrengung bereitet. Zudem wird die Interviewsituation immer wieder durchbrochen durch die Übersetzung einzelner Lagerszenen in comichafte Zeichnungen: stillstehende Bilder, ursprünglich als Tableaus konzipiert und erst nachträglich mit einigen sparsamen Animationen versehen. Das Unfassbare, es gerät so etwas fassbarer.

Wieses größtes Verdienst ist es vielleicht, dass er es geschafft hat, zwei Täter vor die Kamera zu holen. Ein ehemaliger Wärter und ein Offizier des Sicherheitsministeriums, die mittlerweile in Südkorea leben, erzählen von ihrer schrankenlosen Macht über Leben und Tod. Hier gelingt „Camp 14“ eine außergewöhnliche Gratwanderung. Ohne die Grenze zwischen Opfer und Täter verwischen zu wollen, weisen die Aufnahmen der beiden Schergen eine ähnliche Pathologie totalitärer Gehirnwäsche auf wie die Shins. Auch sie hielten die selbstgemachte Hölle hinter dem Zaun für unausweichlich.

200.000 Inhaftierte

Zwar bereue er heute, sagt einer der beiden, doch habe er im Lager nie Schuldgefühle gehabt, wenn er einen Menschen getötet habe. Er sei manchmal mit Fleisch und Alkohol dafür belohnt worden. Und als er später erzählt, wie er schwangere Frauen, die er vergewaltigt hatte und die sein Kind in sich trugen, unter nichtigem Vorwand tötete, wird es gänzlich unergründlich. Was geht vor hinter der Fassade dieses unbewegten Mienenspiels? Ist das leise Auflachen der Hilferuf eines Verzweifelten, oder empfindet der Mann tatsächlich Begeisterung ob seines trickreichen Vorgehens? Der Film gibt darauf keine Antwort.

Was sich in Nordkoreas Lagern wirklich abspielt, ist von unabhängiger Seite nicht zu überprüfen. Laut Angaben der südkoreanischen Regierung sind dort derzeit rund 200 000 Menschen inhaftiert. Mindestens sechsundzwanzig weitere Augenzeugen leben auf freiem Fuß, ihre Aussagen decken sich mit denen Shins. Doch sind die meisten keine Flüchtlinge, sondern wurden aus Lagern mit niedriger Sicherheitsstufe entlassen.

Shin ist der Einzige von ihnen, der im Camp geboren wurde. Heute, sagt er, lerne er langsam, eine Gefühlswelt zu entwickeln, „langsam menschlich zu werden“. Doch dann, am Ende des Films, sagt er diesen einen unglaublichen Satz, bei dem man zuerst einen Übersetzungsfehler vermuten möchte: „Ich möchte wieder zurückkehren nach Nordkorea. In meine Heimat. In ein Arbeitslager für Gefangene. Ich möchte dort in meiner Heimat leben, wo ich geboren wurde.“ In der Freiheit ist Shin Dong-hyuk noch nicht angekommen.

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10.11.2012, 18:43 Uhr

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