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Im Kino: „Cäsar muss sterben“ : Lasst dicke Dealer um mich sein

Schlag ein! Marc Anton (Antonio Frasca) und Brutus (Salvatore Striano, rechts) im Film der Tavianis Bild: dpa

Mit Strafgefangenen haben die Brüder Taviani Shakespeares Drama „Julius Cäsar“ fürs Kino inszeniert. Gutmenschenkunst? Keineswegs. Der Film steckt voller Übermut und ist deshalb so erschütternd.

          Es ist wahr: Sie haben getrickst. Die Tavianis haben nicht einfach Shakespeares „Julius Cäsar“ mit Insassen des römischen Zuchthauses Rebibbia geprobt und die Kamera draufgehalten. Sie haben ein Drehbuch geschrieben, mit Dialogen und Szenenanweisungen, und danach die Proben inszeniert.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Sie haben einen Häftling, der seit fünf Jahren entlassen war, ins Gefängnis zurückgeholt und ihm die Rolle des Brutus gegeben. Sie haben einen befreundeten Theaterregisseur engagiert, um das Stück mit den Gefangenen einzustudieren und vor der Kamera die Rolle des Theaterregisseurs zu spielen.

          Und sie haben den Film in Schwarzweiß gedreht, weil das, wie sie sagen, ein „unrealistisches“ Format ist, eines, mit dem sie den falschen Naturalismus des Fernsehens vermeiden können. Ein Kunstfilm also.

          Die Haftstrafen werden eingeblendet

          Und überhaupt: Was ist das schon, eine Shakespeare-Tragödie, besetzt mit Strafgefangenen? Das reinste Klischee. Gutmenschenkunst. Sozialkitsch. Deutsches Stadttheater der siebziger Jahre. Keins der jungen Regietalente, die alljährlich in Scharen aus den Theater- und Filmhochschulen ins Leben entlassen werden, käme auf eine derart vorgestrige Idee.

          Man muss wohl jenseits der achtzig sein, wie Paolo Taviani und sein Bruder Vittorio, um sich auf ein solches Projekt einzulassen. Der Auslöser, erzählen die Tavianis, war ein Telefonat mit einer Freundin, die in Rebibbia eine Dante-Aufführung gesehen hatte. Sie habe geweint, berichtete sie, wie seit Jahren nicht mehr. Warum, worüber, das wollten die beiden sehen. Und zeigen.

          „Cäsar muss sterben“ beginnt, nach einem Vorausblick auf die fertige Inszenierung, die den Rahmen des Films bildet, mit dem Casting. Die Häftlinge sollen eine Szene vorspielen, in der sie an einer Grenze ihre Personalien angeben, erst von Trennungsschmerz zerrissen, dann erfüllt von Wut und Trotz. Jeder nennt, obwohl die Tavianis allen ein Inkognito angeboten hatten, seinen wirklichen Namen, Geburtsort und Beruf.

          Dazu werden die Taten und Haftstrafen der Sprecher eingeblendet: Es sind Mörder, Dealer, Betrüger, Mafiosi, Camorristi. Dann gehen die Proben los, der weißhaarige verurteilte Mörder ist jetzt Cassius, der dicke Drogenkriminelle mit der Halbglatze Cäsar, und dass Salvatore Striani, der Darsteller des Brutus, seit 2006 auf freiem Fuß ist, sieht man ihm nicht an.

          Es gibt keinen Ausweg aus dem Spiel

          Die Worte und Gefühle des Shakespeare-Stücks, Zorn, Rachsucht, Neid und Machtgier, nehmen die Gesichter in Besitz, und die Totenrede des Mark Antonius, dieser Hattrick der Theatergeschichte, funktioniert auf dem vergitterten, in Beton gegossenen Innenhof von Rebibbia genauso gut wie bei Marlon Brando und James Mason, ja vielleicht noch besser. Denn hier ist kein Studio, keine Bühne, kein Ausweg aus dem Spiel. Es gibt nur die Zellen, in denen man, wie ein Gefangener sagt, so lange die Decke anstarrt, bis man es nicht mehr lassen kann, und das Theater. Das Nichts und die Kunst.

          „Cäsar muss sterben“ ist ein konventioneller, in cineastischer Hinsicht ehrgeizloser Film, der sich mit dem zufriedengibt, was er aus den Akteuren und ihrer Umgebung mit Hilfe Shakespeares herausholt. Nur manchmal traut er dem Theater nicht genug, und das sind die Momente, in denen er schwächelt - etwa jene Szene, in der die Tavianis halbherzig einen Streit zwischen den Häftlingen nachstellen, oder ein unnötiger Seitenblick auf die Wärter, die mit dem, was hier passiert, nichts zu tun haben.

          Aber gleich danach wird die Ermordung Cäsars geprobt, bei der die Gefangenen, nach einem Augenblick des Zögerns, mit einer Inbrunst zustechen, die etwas Gelassenes hat und gerade deshalb durch Mark und Bein geht, und alles stimmt wieder, ist wieder im Lot.

          Irgendwann während der Arbeit in Rebibbia, erzählen die Tavianis, hätten sie beschlossen, den Film mit der gleichen übermütigen Sorglosigkeit zu drehen wie ihre ersten Arbeiten im Kino. Das merkt man dem Film an. Es ist das Werk zweier Knaben, die sich nicht satt staunen können an all dem, was sie sehen. Ebendarum ist „Cäsar muss sterben“ bei allem Ernst so übermütig beseelt und bei allem Übermut so erschütternd.

          Am Ende des Stücks, auf dem Schlachtfeld von Philippi, sucht Brutus nach einem Freund, der ihm den Liebesdienst leistet, ihn zu töten. Dieser Film aber hat seinen zwölf Laiendarstellern das Leben geschenkt. Ein Leben im Kino. Aber doch ein Leben.

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