11.04.2008 · Ein Überfall auf einen Juwelier als Kaleidoskop schrecklicher Zufälle: Sidney Lumet packt in seinem Film „Tödliche Entscheidung“ das Verbrechen in den Dampfkocher familiärer Beziehungen, bis es allen um die Ohren fliegt.
Von Verena LuekenSidney Lumet ist dreiundachtzig Jahre alt, einundfünfzig davon hat er Filme gedreht. „Tödliche Entscheidung - Before the Devil Knows You're Dead“ ist sein vier- oder fünfundvierzigster, und er beginnt mit einer Sexszene. Das Licht ist fahl, der Körper des Mannes (Philip Seymour Hoffman) füllig weich, die Frau (Marisa Tomei) kniet vor ihm, und während er aggressiv in sie stößt, betrachtet er sich im Spiegel, als spiele er etwas nach, was er mal gesehen hat, in einer Rolle, die mit ihm nicht identisch ist. Es folgt die Erschöpfung, ein kurzer Moment falscher Hoffnung. Wir wissen nicht, wer die beiden Personen sind, was die Szene nicht angenehmer macht. Aber wenn sie vorbei ist, wissen wir über Andy Hanson, so heißt der Mann, alles, was wir wissen müssen. Dass er gierig ist. Dass er sich im Klischee des gnadenlos Erfolgreichen für schöner und begehrenswerter hält, als er ist. Dass er seine Frau verlieren wird. Dass er nie aufhören wird, sich selbst zu belügen. Und dass er deshalb nicht weiß, was Skrupel sind.
Auf die Sexszene folgt ein Überfall, und um den wird es im Folgenden vor allem gehen. Wir sehen ihn mehrmals aus unterschiedlichen Perspektiven, ohne dass das, was da geschieht, an Wucht verlöre. Ein Juwelierladen in irgendeiner Mall wird überfallen. Alles geht schief. Die Inhaberin verblutet, nachdem sie den Räuber erschossen hat. Dann erzählt uns Lumet, wie es dazu kam.
Kein Polizist, nirgends: Mit den Institutionen ist Lumet lange durch
Lumet war immer gut darin, die Dynamik, die in einem Verbrechen steckt, dadurch zu beschleunigen, dass er es als Familienangelegenheit inszeniert, und so hält er es hier, in Abweichung von Kelly Mastersons Drehbuch, auch. Andy macht in seinem Job in einer Immobilienfirma krumme Geschäfte, die gerade aufzufliegen drohen. Außerdem braucht er Geld für seinen Dealer. Also überredet er seinen Bruder Hank (Ethan Hawke), das Juweliergeschäft ihrer Eltern zu überfallen, eine sichere Sache, wie er meint, weil die Versicherung den Schaden tragen wird und die Eltern an jenem Tag nicht im Laden sein sollten. Dass der nervöse Hank, der mit den Alimenten für seine Tochter im Rückstand ist, sich für den Überfall Hilfe holt, ist der erste Fehler in der Ausführung des perfekt geplanten Verbrechens. Es folgt eine Kette weiterer falscher Entscheidungen, schrecklicher Zufälle, fürchterlicher Eröffnungen, die im Familiensetting wie in einem Dampfkocher garen. Es ist eine amerikanische Tragödie, der wir hier zusehen, also ein Melodram.
Lumet hat einmal gesagt, dass eine Tragödie, wie die Griechen sie erzählten, aus den Figuren heraus entwickelt werden (und natürlich das Schicksal eine entscheidende Rolle spielen) muss, während sich das Melodram von der Story her entfaltet. So gibt es eine große Menge Plot in diesem Film. Lumet verwebt sie in einer komplexen Struktur von Rück- und Seitblenden, getrennt von Zwischentiteln („Hank: Der Tag des Überfalls“ etwa), und obwohl er hin und her springt, wiederholt, vorwegnimmt, verlieren wir nie die Übersicht. Und jedes einzelne Detail erhellt ein wenig mehr, wer die Figuren eigentlich sind, denn das wollen wir natürlich vor allem wissen: Was sind das für Menschen, die ihre Eltern überfallen, wo kommen sie her? Sie sind nicht verdammt, aber doch irgendwie determiniert - von den Wünschen, die sie nicht erfüllen, von der Gesellschaft, die keinen Pfennig auf sie gibt. Ein Polizist übrigens lässt sich in diesem Film nicht blicken, mit den Institutionen, so scheint es, ist Lumet spätestens seit „Nacht über Manhattan“ (1996) durch.
Niemand ist in diesem Film sympathisch, und doch nehmen wir Anteil
Wer also sind diese Brüder, wer der Vater (Albert Finney)? Uns das dann zu zeigen ist Aufgabe der Schauspieler, und sie sind, wie immer bei Lumet, völlig sicher in dem, was sie tun. Es gehört zu Lumets Arbeitsweise seit seinen Anfängen im Live-Fernsehen, lange zu proben und schnell zu drehen. Das Ergebnis sind Darsteller, die sich in ihren Rollen vollkommen zu Hause fühlen - und obwohl niemand in diesem Film sympathisch ist, führt das doch dazu, dass wir Anteil nehmen an dem, was ihnen widerfährt. Und hoffen, dass sich der Segensspruch, dem der Originaltitel entlehnt ist - „Mögest du im Himmel sein, bevor der Teufel weiß, dass du tot bist“ -, für sie erfüllt.
„Die Welt ist böse“, sagt ein Juwelier im Diamantenbezirk, der so aussieht, als müsse er es wissen. „Manche Leute werden damit reich, andere davon zerstört.“ Kurz darauf bringt ein böser Zufall ein Stück Wahrheit ans Licht. In diesem Film sind alle böse. Aber keiner wird reich dabei.