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Im Kino: „35 Rum“ Auf der Flucht vor dem Regen

05.03.2009 ·  In „35 Rum“ erzählt Regisseurin Claire Denis vom Abschiednehmen. Ein Vater-Tochter-Drama ohne großen dramatischen Aufwand, aber mit viel Gespür für die leisen und unausweichlichen Trennungen im Leben.

Von Michael Althen
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Claire Denis ist eine der radikalsten Filmemacherinnen der Gegenwart - und zugleich eine der zärtlichsten. Das mag daran liegen, dass sie bei aller formalen Risikofreude stets die Körper ihrer Helden im Blick behält und hinter die Sinnlichkeit ihrer Ausstrahlung zu kommen versucht. Ihre Figuren und das, was man ihre Anmutung nennen könnte, vergisst man nicht so schnell: Die Soldaten in der Wüste in „Beau Travail“, die Blutsaugerin in „Trouble Every Day“, das flüchtige Liebespaar in „Vendredi soir“, der Einsiedler in „L'intrus“ - sie alle entwickeln bei ihr eine Körperlichkeit, die ihnen mehr Schwerkraft verleiht als anderen Helden. (Siehe auch: Ein Gespräch mit der französischen Regisseurin Claire Denis.)

Das ist auch in „35 Rum“ wieder so, einem Film, der aus einem Nichts an Geschichte besteht - das in seiner Alltäglichkeit natürlich ein Alles ist - und dessen Personal sich auch Monate später einprägt. Da ist erst mal Lionel (Alex Descas), ein Schwarzer, der bei der Pariser RER Lokführer ist und mit seiner erwachsenen Tochter Joséphine (Mati Diop) zusammenlebt. Man sieht sie anfangs getrennt heimkommen, Abendbrot zubereiten und was man eben so macht, wenn man sich nach der Arbeit zu Hause niederlässt - aber erst, als Joséphine ihn zum ersten Mal „Papa“ nennt, wird klar, dass die beiden kein Paar sind.

Das zeigt einerseits, dass es Claire Denis nie eilig hat, die Zuschauer über die genauen Verhältnisse ihrer Figuren aufzuklären, weil es im Leben ja auch nicht anders ist. Dadurch wird aber auch klar, dass die Beziehung zwischen Tochter und Vater längst den Punkt erreicht hat, wo sie sich abnabeln müsste. Denn das ist das zarte Thema dieses Films: wie die beiden lernen müssen, loszulassen, obwohl und gerade weil ihr Zusammenleben völlig harmonisch und selbstverständlich ist.

Wie im wirklichen Leben

Claire Denis ist eine Regisseurin, die dafür keine Konflikte braucht und die - auch wenn das wiederkehrende Motiv des Reiskochers das nahelegt - nicht erst den Dampfkochtopf der Familienbeziehung zum Explodieren bringen muss, um von den Schmerzen und der Trauer zu erzählen, die das mit sich bringt. Ganz langsam versammelt sie ihr Personal: eine Taxifahrerin (Nicole Dogué) aus demselben Haus, die mit dem Vater offenbar mal kurz etwas hatte und sich seither vergeblich Hoffnungen macht; einen jungen Mann (Grégoire Colin), der mit einer Katze in einem geräumigen Studio auf dem Dach lebt und mit der Tochter eine Beziehung pflegt, von der nicht ganz klar ist, wie weit sie über bloße Freundschaft hinausgeht; und einen Kollegen des Vaters, dem seine Pensionierung schwere Depressionen verursacht.

All dieses Kommen und Gehen verfolgt Denis mit derselben ruhigen Neugier wie das Vorbeihuschen der erleuchteten Züge der Regionalbahn in der hereinbrechenden Dämmerung. Und nur sie schafft es, einen Film „35 Rum“ zu nennen, ohne die Geschichte dieses legendären Besäufnisses jemals fertig erzählen zu lassen. Wie einen Witz, dessen Pointe man jedes Mal verpasst - wie im wirklichen Leben eben.

Zeit der Abschiede

Claire Denis fängt die soziale Realität der Pariser Banlieue ein, ohne mit ihren Problemen ein Exempel zu statuieren. Erst als die Katze des Nachbarn stirbt und der depressive Kollege sich vor den Zug legt, wird klar, dass eine Zeit der Abschiede angebrochen ist. Vater und Tochter unternehmen eine letzte gemeinsame Reise zum Grab der Mutter, deren Ziel eine Überraschung ist. Aber ehe es so weit ist, gibt es eine Taxifahrt aller Beteiligten zu einem Konzert, das ins Wasser fällt. Wie sie alle im strömenden Regen Zuflucht in einer kleinen afrikanischen Bar finden, das erinnert nicht nur an die Liebenden, die in „Vendredi Soir“ dem Autostau entfliehen, sondern ist überhaupt eine der wunderbarsten Szenen im französischen Kino überhaupt.

Wie sie sich da nass auf die Stühle drücken, sich am schummrigen Licht wärmen und dann, als klar wird, dass es mit dem Konzert nichts mehr wird, zu „Nightshift“ von den Commodores zu tanzen anfangen, das ist von so unerwarteter Schönheit, dass man glaubt, man sei selbst gerade vor dem Regen geflüchtet.

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