25.04.2009 · Für seine Rolle als Jacques Mesrine in „Public Enemy No. 1“ hat er den César gewonnen. Hier erzählt Vincent Cassel, warum er nie werden will wie Gérard Depardieu und wie man in vier Monaten zwanzig Kilo zunimmt.
Für seine Rolle als Jacques Mesrine in „Public Enemy No. 1“ (siehe auch: Video-Filmkritik: „Public Enemy No. 1 - Mordinstinkt“)hat er den César gewonnen (siehe auch: Französische Filmpreise: Wofür brauchen denn Sie eine Smokinghose?). Hier erzählt Vincent Cassel, warum er nie werden will wie Gérard Depardieu und wie man in vier Monaten zwanzig Kilo zunimmt.
Vor fünf Jahren haben Sie mal gesagt, Sie würden Gérard Depardieu sehr bewundern, würden aber hoffen, nie so abgezockt zu werden wie er . . .
Das würde ich immer noch so sehen.
Wie war denn dann die Zusammenarbeit bei „Public Enemy No. 1“?
Ich hoffe mal, er war mit Interesse bei der Sache. Denn wenn er mit ganzem Herzen dabei ist, dann ist er immer noch ein unglaublicher Schauspieler. Er ist vielleicht der beste Schauspieler, den wir haben. Er hat ein so komplexes Charisma, das ihn von allen anderen unterscheidet. Und das bewundere ich, aber gleichzeitig muss ich sagen, dass er eine ganze Menge geistlosen Schrott macht. Ich habe mit ihm darüber geredet, und er sagte, er muss arbeiten, weil es sonst in seinem Leben nichts gibt, das ihn glücklich macht. Er kann nicht einmal Urlaub machen, selbst das hasst er. Ich hoffe, dass wir mal wieder zusammen arbeiten werden, denn seltsamerweise fühle ich eine starke Verbindung zu ihm, mehr als zu jedem anderen. Ich respektiere ihn und bin gleichzeitig bereit, es mit ihm aufzunehmen.
In gewisser Weise war er in jungen Jahren Ihnen nicht unähnlich, dieselbe Energie, dieselbe Wut...
Er war der Schauspieler seiner Generation, er sprach zu seiner Zeit zu den Leuten seines Alters. Und das war bei mir genauso, „La haine“ war auch ein Film, der Leute meines Alters angesprochen hat.
Aber vom Zusammenspiel allein konnten Sie nicht beurteilen, ob er diesmal mit dem Herzen dabei war?
Oh doch, denn wenn er das nicht ist, dann ist er unpünktlich, kann seinen Text nicht und macht alles falsch. Aber bei uns war er pünktlich, gut vorbereitet, sehr zurückhaltend, jederzeit hilfsbereit. Und ich weiß, dass er ein Albtraum sein kann, wenn ihm danach ist.
Was hat Jean-François Richet als Regisseur, das Sie überzeugt hat, mit ihm dieses Riesenprojekt zu stemmen?
Wir wollten zuerst mit Barbet Schroeder drehen, aber was er und sein Autor geschrieben hatten, war meiner Meinung nach sehr schwach. Weil es dort um Mesrine, den Superhelden, ging, während die Polizisten die Bösen sein sollten. So funktioniert es aber nicht, und außerdem ist es gefährlich, ihn zum Helden zu stilisieren, denn das war er nicht, auch wenn er die Leute das gerne glauben machte. Wie auch immer, ich habe gesagt, ich kann nicht neun Monate damit zubringen, irgendwo den Schmutz an einer Figur zu finden, die ihr zu perfekt geschrieben habt. Also habe ich gesagt: Macht es ohne mich. Ich bin also ausgestiegen, aber das war natürlich Bluff - heute kann ich das ja sagen -, denn mir war klar, dass es schwierig sein würde, einen anderen Schauspieler zu finden. Es gibt vielleicht zwei andere, die das hätten machen können, was die Körperlichkeit und was ihre Zugkraft an der Kasse angeht. Aber mit denen hat das nicht geklappt, und so stieg Barbet aus - und ich kam zurück. Und als wir über einen Regisseur nachdachten, kam gerade das Remake von "Assault on Precinct 3" ins Kino, und so kam der Name Jean-François Richet ins Spiel. Zum einen war er durch die Erfahrung in Amerika stärker geworden, zum anderen kannte er als Kind der Vorstädte Mesrine, war als Kind immer wieder auf den Namen gestoßen. Wir trafen uns und waren uns völlig einig, dass wir keinen Helden aus ihm machen wollten, sondern eine Charakterstudie, in der er Pfiff und Ausstrahlung haben sollte, aber trotzdem nicht verschwiegen werden sollte, dass er auch ein Rassist und Sadist war und Frauen geschlagen hat.
Weiß man denn schon nach ersten Gesprächen, dass man miteinander auskommt? Oder kann man einen Film auch mit jemandem machen, den man nicht mag, mit dem man sich aber über den Film und die Richtung einig ist?
Das sind zwei Sachen: Jemanden als Mensch zu mögen - und ihn für das zu respektieren, was er macht. Ich sage Ihnen was: Wenn Sie neun Monate mit jemandem zusammenarbeiten, dann sollten Sie den Typen mögen und ihn respektieren. Sonst kann es zum Albtraum werden. In diesem Fall wusste ich, wozu er in der Lage ist, und respektierte ihn dafür und hatte das Gefühl, das auch er mich respektiert. Und der beste Beweis dafür ist, dass wir in neun Monaten keinen einzigen Streit hatten.
Wie muss man sich Ihre Annäherung an das Vorbild vorstellen? Haben Sie Aufnahmen studiert?
Es gibt keine Videoaufnahmen von ihm - was großartig ist. Gerade hat man mich gefragt, ob ich Yves Montand spielen möchte. Ihn imitieren? Unmöglich. Es ist natürlich möglich, aber nicht für mich. Für mich ist das langweilig, weil man sich dauernd in Ketten bewegt. Bei Mesrine weiß keiner, wie er sich bewegt hat - es gibt nur Bilder und seine Stimme. Die habe ich benutzt, aber ansonsten war er ein unbeschriebenes Blatt.
Und was lernten Sie aus seiner Stimme?
Die Stimme ist sehr organisch. Wenn man Einzelheiten aufschnappt, die Entschlossenheit, die Fehler, den Akzent, sehr pariserisch. Sein Lispeln habe ich runtergespielt, nur eine Ahnung davon behalten. Das ist wie ein Taschenspielertrick, der darin bestand, das Publikum vergessen zu lassen, wer ich bin, und auch, wer er war - das Einzige, was übrig bleibt, ist meine Interpretation von ihm.
Wie haben Sie zwanzig Kilo zugelegt? Wie funktioniert das konkret?
Zwanzig Kilo sind eine Menge. Bier mit Sirup, fünf pro Mahlzeit, großes Frühstück, großes Abendessen, großes alles. Dazwischen Milch-Shake mit 1300 Kalorien. Jeden Tag. Und nicht zu viel bewegen. Da werden Sie fett - das können Sie mir glauben.
Und das dauerte wie lang?
Das Gewicht zuzulegen, vier Monate. Und dann musste ich das viereinhalb Monate halten. Das war das Härteste. Wir haben zuerst den zweiten Teil gedreht, weil ich wusste, dass ich nicht zunehmen würde, während ich arbeite. Ich habe also fett begonnen, und als wir beim ersten Teil angekommen waren, war mein Körper wieder normal.
Und was haben Sie dabei über Mesrine gelernt?
Ich weiß nicht, ob ich dabei was gelernt habe, aber sobald man einen körperlichen Aspekt zur Verfügung hat, gibt es etwas sehr Konkretes. Wenn man dicker ist, verändern sich die Stimme und der Gang. Das erleichtert die Annäherung.
Und wie haben Sie sich dabei gefühlt?
Was soll ich sagen. Ich war glücklich, weil ich mein Ziel erreicht hatte, aber zur selben Zeit fühlte ich mich natürlich scheiße. Ich habe mich jeden Morgen übergeben, weil ich meinen Körper an Grenzen getrieben habe, die nicht normal sind. Ich war glücklich, aber fühlte mich schlecht.
Und Ihre Frau Monica Bellucci?
Die war um meine Gesundheit besorgt.