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Im Gespräch: Samuel L. Jackson Wie viele Oscars hätten Sie verdient, Mr. Jackson?

20.12.2008 ·  Samuel L. Jackson gilt als „King of Cool“ von Hollywood. Im Interview spricht er über Filme, die an niederste Instinkte appellieren, Kämpfe gegen unsichtbare Gegner und die Kollegin, die für ihn die „Queen of Cool“ ist.

Von Marco Schmidt
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Samuel L. Jackson empfängt uns in einem Hotelzimmer in Deauville. Gleich nach der Begrüßung legt sich der 1,90 Meter große Schauspiel-Star gemütlich auf eine Couch. Er darf das - schließlich gilt er als „King of Cool“.

Mister Jackson, auf die Frage nach dem coolsten Kerl in Hollywood nennen die meisten Leute Ihren Namen. Der Regisseur Clark Johnson hat einmal behauptet: „Wer in einem Lexikon das Wort ,cool' nachschlägt, findet auf der Seite garantiert ein Foto von Samuel L. Jackson.“ Wer ist denn Ihrer Meinung nach die coolste Frau im Filmbusiness?

Hmm. Wow. Gute Frage. Ich würde sagen: Helen Mirren. Schon vor Jahrzehnten habe ich ihre frühen Filme geliebt, in denen sie sich stets ohne Hemmungen ausgezogen hat. Und jedes Mal, wenn ich mich mit ihr unterhalte, bin ich schwer beeindruckt von ihrer vollkommen ruhigen, gelassenen Art und ihren klugen Ansichten über unseren Beruf: Ruhm ist ihr schnurzpiepegal; es geht ihr immer nur um die Arbeit. Schön wär's, wenn mehr Kollegen so denken würden.

Sie selbst drehen unermüdlich - durchschnittlich fünf Filme pro Jahr. Können Sie zwischendurch auch mal verschnaufen?

Klar, Mann. Andauernd. Fast jeden Tag nehme ich mir einfach mal vier Stunden frei. Ungefähr so lange dauert nämlich ein Golf-Match. In den achtziger Jahren war ich drogensüchtig, heute bin ich süchtig nach Golf. Mein Handicap liegt inzwischen bei vier. Wenn ich gerade nicht drehe, versuche ich, täglich zu spielen. Und bei jedem Film bestehe ich auf einer Vertragsklausel, nach der ich auch während der Dreharbeiten zwei Mal pro Woche golfen darf.

Jedem das Seine. Manche lassen sich ja sogar Sexszenen in den Vertrag schreiben . . .

Wissen Sie was? Genau das werde ich tun, wenn man mir eine Fortsetzung von „Shaft“ anbietet! Denn der Mythos dieses legendären Leinwand-Helden aus den siebziger Jahren beruht nicht zuletzt auf seiner Potenz - und darum war ich so sauer, dass meine Filmfigur in unserer Neuverfilmung vor acht Jahren zwar ständig rumballerte, aber kein einziges Mal Sex hatte. Als ich damals fragte, ob sich Shaft nicht mal aufs Flachlegen statt aufs Umlegen konzentrieren sollte, hieß es: „Keine Panik, wir arbeiten daran.“ Und der Regisseur John Singleton faselte ständig: „Mann, heute habe ich eine Super-Braut kennengelernt, die bauen wir für dich ein.“ Leere Versprechungen! John hat die Mädels wohl alle selbst abgeschleppt. Ich durfte die Frauen im Film bloß erfolglos mit blöden Sprüchen anmachen.

Wie machen Sie denn in Wirklichkeit eine Frau an?

Hey, ich bin seit fast dreißig Jahren verheiratet. So einen Quatsch habe ich nicht nötig. Ich frage höchstens noch: „Bist du so weit?“

Immerhin scheinen Sie sich eine beinahe kindliche Begeisterung für Actionfilme bewahrt zu haben.

Stimmt. Ich drehe so viele Action-Abenteuer, weil ich solche Filme stets geliebt habe. Schon als Kind wollte ich immer der Typ sein, der den Bösewicht durch die Straßen jagt. Der Typ, der als Einziger noch steht, wenn sich nach einer Explosion der Rauch verzieht. Der Typ, der die schwersten Knarren trägt und die schnellsten Autos fährt. Dass ich all das nun tatsächlich machen darf, ist geradezu traumhaft. Ich bin mir keineswegs zu schade, in Filmen zu spielen, die an unsere niedersten Instinkte appellieren. Denn ich nehme mich selbst nicht allzu ernst - im Gegensatz zu manchen meiner Kollegen, die glauben, wir hätten den wichtigsten Job der Welt. Seien wir doch ehrlich: Die Filmemacherei ist keine Herztransplantation, sondern bloß Entertainment.

Aber kommen Sie sich beim Drehen nicht manchmal albern vor, wenn Sie - wie etwa bei den „Star Wars“-Episoden - gegen unsichtbare Gegner kämpfen müssen, die erst später in den Film hineinkopiert werden?

Nein, Mann! Ich weiß ja, dass das hinterher auf der Leinwand unheimlich cool aussehen wird. Außerdem war ich ein Einzelkind und habe deshalb schon als kleiner Junge in meinem Kinderzimmer immer gegen unsichtbare Schurken gekämpft. Jetzt tue ich nichts anderes - und werde fürstlich dafür bezahlt. Solche Szenen mag ich sogar besonders gern, weil ich da mit meinem Lieblingsschauspieler zusammenarbeiten kann. Einer, von dem ich weiß, dass er keine Fehler macht: ich selbst!

Heutzutage können Sie sich Ihre Rollen aussuchen. Doch zu Beginn Ihrer Karriere hatten Sie als afroamerikanischer Schauspieler in Hollywood mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen. Gibt es auch heute noch junge Kollegen, die darunter leiden müssen, dass sie nicht mit weißer Hautfarbe auf die Welt kamen?

Selbstverständlich gibt es die. Jeden Tag müssen sich höchst talentierte Darsteller anhören, dass die Produzenten keine Schwarzen für die jeweilige Rolle wollen. Fast alle machen anfangs ähnlich grausame Erfahrungen wie ich - auch wenn sich mittlerweile einiges gebessert hat. Als ich anfing, durften Afroamerikaner auf der Leinwand grundsätzlich nur Kriminelle verkörpern: Bandenmitglieder, Knastbrüder, Killer. Wenn man mir eine Rolle anbot, habe ich immer zuerst nachgeschaut, auf welcher Seite des Drehbuchs ich sterben sollte.

Und irgendwann haben Sie damit angefangen, sich für Rollen zu bewerben, die nicht ausdrücklich für Schwarze vorgesehen waren?

Genau. Meist hieß es dann: „Oh, in diese Richtung haben wir noch gar nicht gedacht.“ Nur selten konnte ich die Produzenten davon überzeugen, dass die Hautfarbe der betreffenden Filmfigur völlig unerheblich sei. Der Durchbruch kam schließlich, als ich in „Star Wars: Episode I“ einen Jedi-Ritter spielen durfte. Als Schwarzer in einem Blockbuster auf der Seite der Guten zu stehen, das war seinerzeit schon eine Sensation.

Ebenfalls ein Meilenstein war sicherlich 1998 der erste schwarze amerikanische Präsident auf der Leinwand: Morgan Freeman in „Deep Impact“. Nun spielen Sie in Ihrem neuen Film „Lakeview Terrace“ (siehe: Kino: Samuel L. Jackson in „Lakeview Terrace“) einen afroamerikanischen Rassisten. Ist das ein weiterer Schritt auf dem Weg zur ethnischen Emanzipation in Hollywood?

Puh, keine Ahnung. Ich glaube, die Frage ist mir zu intellektuell. Tatsache ist jedenfalls, dass sich die Filmindustrie in den letzten Jahren mehr und mehr für Schwarze, Latinos oder Asiaten geöffnet hat. Zum einen hat der kommerzielle Erfolg von Leuten wie Denzel Washington, Will Smith, Morgan Freeman und mir jüngeren Kollegen den Weg geebnet. Zum anderen ist inzwischen eine Generation von Regisseuren und Produzenten herangewachsen, die mit Menschen verschiedenster Couleur groß geworden sind. Diese Filmemacher haben erfreulicherweise erkannt, dass es in der farbigen Bevölkerung durchaus auch Ärzte oder Rechtsanwälte gibt. Oder romantische Liebhaber.

Oder eben Rassisten. Sie verkörpern in „Lakeview Terrace“ einen Polizisten, der seine neuen Nachbarn terrorisiert, weil ihm deren gemischtrassige Ehe ein Dorn im Auge ist. Fällt es Ihnen leicht, sich in derartige Charaktere hineinzuversetzen?

Natürlich ist dieser Kerl mit seinen prügelharten Prinzipien so ziemlich das Gegenteil von mir. Trotzdem kann ich ihn in gewisser Weise verstehen. Als altgedienter Streifenpolizist ist er es gewohnt, sich Respekt zu verschaffen und Macht auszuüben - und dass jemand in Versuchung gerät, seine Macht zu missbrauchen, ist leider nur allzu menschlich. Ich habe genügend Regisseure erlebt, die ihre Teammitglieder auf übelste Weise schikanieren Oder Schauspieler, die permanent zu spät und völlig unvorbereitet am Set erscheinen. Zudem hat der Polizist, den ich spiele, zwei Kinder, denen er seine eigenen moralischen Grundsätze vermitteln will. Nachdem ich selbst eine Tochter großgezogen habe, kann ich das gut nachvollziehen.

Waren Sie ein strenger Vater?

Ja, wahrscheinlich. Jedenfalls wusste ich genau, wann ich nein sagen musste. Wenn ich meiner Tochter mal wieder etwas verboten hatte, bekam ich fast jedes Mal ihren Lieblingssatz zu hören: „Das ist total ungerecht!“ Dann sagte ich meistens: „Tja, Mädel, die ganze Welt ist ungerecht. Je eher du das lernst, desto besser.“

Wie viele Oscars hätten Sie zu Hause stehen, wenn die Welt gerecht wäre?

Vermutlich drei oder vier: für „Jungle Fever“, „Pulp Fiction“, „Die Jury“ und „Jackie Brown“. Aber die Welt ist bekanntlich unfair. So muss ich mich eben mit einer Nominierung begnügen.

Sind Sie selbst auch einmal von fiesen Nachbarn gequält worden?

Nein, nicht so wie im Film. In den achtziger Jahren hatten meine Frau und ich allerdings ziemlichen Ärger mit unserer Nachbarschaft in New York. Wir waren in ein Reihenhaus gezogen, das von riesigen Mietskasernen umgeben war. Und auf den Stufen zu unserer Eingangstür saßen ständig irgendwelche Kids, die nachts bis drei Uhr laute Musik aus Ghettoblastern hörten und jeden Tag einen Haufen leerer Getränkedosen oder sonstigen Müll hinterließen. Irgendwann wurde es meiner Frau zu bunt - sie ließ die Stufen einzäunen und mit einem Tor versperren. Infolgedessen haben uns alle Nachbarn gehasst. Aber zum Glück hat niemand unsere Fensterscheiben eingeworfen.

Sie werden demnächst sechzig. Blicken Sie manchmal zurück auf Ihr bisheriges Leben?

Ja, und ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich mir meine Herkunft und meine beruflichen Anfänge vor Augen führe. Seitdem hat sich eine Menge verändert - in meinem Leben, in der Filmindustrie und ganz allgemein in den Vereinigten Staaten. Als ich ein Kind war, hat man mir vorgebetet: „Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Hier kann jeder Präsident werden!“ Und ich dachte: „Das glaubt ihr doch selbst nicht!“ Tja, und heute sieht es so aus, als gäbe es ihn doch, den amerikanischen Traum. Ich hoffe, dass Barack Obama jungen Menschen aus den verschiedensten ethnischen Gruppen und Gesellschaftsschichten Mut machen kann.

Was sollte Präsindet Obama nach seinem Amtsantritt als Erstes verändern?

Den Benzinpreis! Aber ich fürchte, den kann er nicht beeinflussen. Am wichtigsten wäre es, den vielen Leuten, die jetzt pleite sind, wieder eine tragfähige Existenz zu ermöglichen. Derzeit gibt es in Amerika praktisch keinen Mittelstand mehr: Die Menschen sind entweder steinreich oder bettelarm. Ich selbst komme aus der Mittelschicht. Meine Verwandten sind allesamt brave Bürger, die früher ihre Rechnungen bezahlen und vielleicht sogar ab und zu etwas sparen konnten. Heutzutage kann sich kaum jemand von ihnen mehr Benzin, Schulgeld oder Krankenversicherung leisten.

Ist das Leben in Amerika härter geworden?

Für mich nicht, aber für die meisten anderen schon. Überall auf der Welt hilft einem der Staat, wieder gesund zu werden, wenn man krank ist. Nicht so in den Vereinigten Staaten, wo sich alles nur um den Profit dreht: Wenn Sie dort krank werden, kann es gut sein, dass das Krankenhaus Sie fortschickt. Die Gesundheitsfürsorge liegt völlig im Argen.

Sie haben Obama im Wahlkampf unterstützt. Hegen Sie selbst politische Ambitionen?

Nein. Dazu hänge ich zu sehr an meinem Beruf und meinem Lebensstil. Außerdem altert man als Politiker arg schnell - ich hingegen habe vor, noch lange in Form zu bleiben. Deshalb vermeide ich jede Art von Stress und halte mich mit Golftraining fit.

Ursprünglich haben Sie Architektur studiert. Meinen Sie, dass Sie in jenem Metier ähnlichen Erfolg gehabt hätten?

Mein Problem war, dass ich als Heranwachsender gestottert habe. Ein Sprachtherapeut riet mir, mich bei einer Theaterproduktion zu bewerben. Ich tat es, wurde engagiert, und auf der Bühne verlor ich tatsächlich meine Sprachstörung. Daraufhin habe ich sofort mein Studienfach gewechselt und auf Schauspielerei umgesattelt. Wer weiß, was passiert wäre, wenn ich den Rat nicht befolgt hätte? Dann wäre ich heute vermutlich ein stotternder Architekt!

Zur Person

Samuel L. Jackson wird am 21. Dezember 1948 in Washington, D. C., geboren und wächst in Chattanooga im amerikanischen Bundesstaat Tennessee auf. Seit 1980 ist er mit der Schauspielerin LaTanya Richardson verheiratet.

Nach seiner Schauspielausbildung in Atlanta zieht er nach New York City, wo er zunächst vorwiegend Theater spielt. Der Filmregisseur Spike Lee sieht ihn auf der Bühne und besetzt ihn in vier Filmen. Der vierte, „Jungle Fever“, wird zum Wendepunkt in Jacksons Karriere: Für seine Verkörperung eines Drogensüchtigen gewinnt er 1991 in Cannes den Preis als bester Nebendarsteller.

Zu Weltruhm gelangt er 1994 als philosophierender Killer in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ (1994). Vier Jahre später erhält Jackson für seine Rolle in Tarantinos „Jackie Brown“ den Silbernen Bären der Berlinale. Bis heute hat er in rund 120 Filmen mitgespielt.

Vom 18. Dezember an ist er in Neil LaButes Thriller „Lakeview Terrace“ in den deutschen Kinos zu sehen.

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