19.05.2009 · In „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino wird er an diesem Mittwoch in Cannes als Hitler zu sehen sein: Martin Wuttke erzählt, was ihn an Tarantino beeindruckt und dabei an Frank Castorf erinnert hat.
Der Mann, der in „Inglourious Basterds“, dem in Cannes erwarteten neuen Film von Quentin Tarantino, den Hitler spielt, hat für das Gespräch am frühen Abend einen düsteren Ort gewählt: das Rangfoyer des Berliner Ensembles. Dort inszeniert Martin Wuttke, 47, gerade Ernst Jüngers „Das abenteuerliche Herz“, dort spielt er auch seit fast fünfzehn Jahren jene Rolle, die ihn für den Tarantino-Hitler prädestinierte: den Arturo Ui in Heiner Müllers letzter Inszenierung. Wuttke sitzt im fahlen Licht, mit einer Mischung von größter Präsenz bei völliger Abwesenheit, und verbringt sehr viel Zeit damit, einen Fünf-Euro-Schein immer neu zusammenzufalten.
Werden Sie am Mittwoch bei der Premiere von „Inglourious Basterds“ in Cannes sein?
Nein, ich habe mich auch nicht darum gekümmert, weil gar keine Aussicht bestand, dass ich dafür Zeit habe. Ich hätte vielleicht am Wochenende dort mal auftauchen können, aber dazu habe ich weder die Lust noch die Nerven.
Warum nicht?
Ich habe mir das Festival einmal angeschaut, aber eher aus Zufall und als Zaungast. Ich war bei Freunden zu Besuch, die in der Nähe von Cannes ein Haus haben. Das ist ein solcher Rambazamba, das ist nicht meine Welt.
Stimmt es eigentlich, dass Quentin Tarantino sich Ihren Arturo Ui angeschaut hat, bevor er Sie als Hitler besetzte?
Keine Ahnung, ich kann es mir aber nicht vorstellen. Höchstens, dass er sich eine Aufzeichnung davon besorgt hat.
Wie kam es dann dazu, dass Sie wieder, wie bei Heiner Müller und Christoph Schlingensief, Hitler spielen?
Ich war zunächst einmal wahnsinnig neugierig und hatte großes Interesse, in dem Film mitzuspielen. Als ich hörte, dass Tarantino in Berlin ist, und Auszüge aus dem Drehbuch in die Hand bekam, bin ich zu ihm hin und habe gesagt: „Es ist mir völlig schnuppe, was ich spiele, nach Möglichkeit aber bitte nicht Hitler.“
Sie sind einfach zu ihm hingegangen?
Das war bei einer Art Casting. Tarantino hat sich ja in Berlin mit vielen Schauspielern getroffen. Wegen meiner ganzen Verpflichtungen war aber klar, dass ich keine größere Rolle spielen könnte. Amerikanische Filmregisseure können einfach nur ganz schlecht mit der Bedeutung des Begriffs „Sperrtage“ umgehen. Tarantino sagte schließlich zu mir: „Ich möchte auf jeden Fall, dass du mitspielst - kannst du dir nicht doch vorstellen . . . den Hitler zu spielen?“ Ich antwortete: „Bitte, nicht! Dazu habe ich echt keine Lust.“ Kurze Zeit später erzählte ich das einer Freundin, die mich entgeistert anschaute: „Es ist doch völlig egal, wen du spielst. Ich möchte einmal im Leben ins Kino gehen und dich in einem Tarantino-Film sehen.“ Zehn Tage später rief ich bei Tarantino an und sagte: „Meinetwegen Hitler.“
Sie haben sich bisher vom Film ziemlich ferngehalten. Wie funktionierte denn die Zusammenarbeit mit Tarantino?
Mir kam sehr entgegen, dass die Art, wie Tarantino denkt, ganz viel mit dem Theater zu tun hat. Es gab sofort eine selbstverständliche Grundlage. Ein Beispiel: Ich war in Leipzig, saß abends im Hotelzimmer, das Telefon klingelte und jemand sagte „Hi“. Ich fragte, wer denn da sei, kleine Pause, „It's me, Quentin“. Und dann sagte er: „Es ist mir ein bisschen peinlich, dich jetzt zu stören, aber mir ist da etwas eingefallen, beziehungsweise meinem Assi. Ich würde die Szene jetzt ganz anders drehen. Was meinst du? Findest du das blöd?“
Was ist daran für Sie so bemerkenswert?
Dass er nicht nur Spaß daran hat, mit der Phantasie zu spielen, sondern ebenso große Lust, sich mit den Schauspielern zu verständigen. Dieser Austausch ist beim Theater selbstverständlich, aber schon beim Fernsehen ist er es nicht mehr. Ich hatte bei ihm nie das Gefühl, dass er etwas erzwingen will. Die Atmosphäre war von großer Freundlichkeit geprägt.
Gab es überhaupt viel Spielraum, um zu improvisieren?
Er hat in seinem Kopf das Ergebnis schon sehr scharf umrissen. Und er schaut auch sehr genau hin, was die Personen machen, die das umsetzen. Tarantino hat einfach ein gutes Gespür, was in einer Szene mit einem Schauspieler möglich ist - und was dieser vielleicht ganz ungeahnt dazugeben kann.
Was ist das Bild, das Sie von Tarantino in Erinnerung behalten werden?
Es ist das Bild eines Mannes mit einer fast kindlichen Besessenheit für das Medium Film. Wenn man Tarantino am Drehort erlebt, dann ist er wie jemand, der eine große Spielzeugeisenbahn bewegt. Die Intellektualität, die Reflexion über den Film ist immer da, spielt aber am Drehort keine Rolle. Im Vordergrund stehen der Spaß am Machen, die Lust am Ausprobieren und das Interesse an der Produktion selber. Und diese Lust ist schon sehr ansteckend.
Gibt es jemand aus Ihrer langen Karriere, dessen Arbeitsweise ähnlich besessen und lustvoll ist?
In den besten Momenten würde ich sagen: Frank Castorf. Aber wirklich nur in den besten.
Wenn Sie Regie führen, dann spielen Sie auch selbst mit. Ist es ein Problem für den Regisseur Wuttke, dass er in der Wahrnehmung immer vom Schauspieler Wuttke verdrängt wird?
Nein, das finde ich gut. Mir geht es um die Themen. Ob die Leute kommen, weil sie den Regisseur oder den Schauspieler Wuttke sehen wollen, ist mir letztlich egal. Hauptsache, sie kommen.
Es ist aber doch der Regisseur, der einer Inszenierung die Handschrift gibt.
Ich glaube, dass diese Vorstellung missverständlich ist. Ich erinnere mich nur an meine Zusammenarbeiten mit Einar Schleef: Da schrieben die Kritiker immer, Schleef sei der Zuchtmeister und wir Schauspieler nur dazu da, um penibel zu exekutieren, was er sich ausgedacht hat. Meine Erfahrung war aber eine radikal andere: Viele Szenen hat das Ensemble allein hergestellt.
Und weshalb steht dann am Ende doch oft eine ganz individuelle Ästhetik?
Das hängt mit der Rahmung zusammen. Das große Talent von Castorf etwa ist, dass er an der Volksbühne einen Rahmen für seine Inszenierungen schafft, innerhalb dessen ganz unterschiedliche Spieler auftauchen können. Abgesehen davon, dass er ein großartiger Dramaturg ist. Im Theater werden von vielen Leuten viele Dinge zusammengetragen - und am Ende wird es einer Person zugeschrieben, weil man den Gedanken an den einen Künstler, das Originalgenie, aufrechterhalten will. Das ist sehr altmodisch, romantisch - und hat mit den tatsächlichen Arbeitsprozessen wenig zu tun.
Sie haben nach sieben Jahren die Volksbühne verlassen. Warum?
Es war eine sehr gute Zeit für mich. Aber jede Beziehung reibt sich irgendwann auf. Das ist wie bei einer Familie.
Ist die Volksbühnenfamilie heute eine tragische Familie?
Ich sehe das nicht so. Natürlich tauchen jetzt andere Gesichter auf, herrscht ein anderes Klima, auch ein anderer künstlerischer Ausdruck. Wenn ich aber sehe, dass etwa Frank Castorf „Meistersinger“ inszeniert und dabei Wagner auf Ernst Tollers „Masse Mensch“ prallen lässt, dann kann ich nur sagen: Ich kenne keinen Regisseur in Deutschland, der so etwas machen kann oder auch nur denken würde. Zu sagen, die Volksbühne ist tot, das stimmt einfach nicht. Ich sehe da etwas sehr Lebendiges, das ich an anderen Theatern so nicht sehe.
Was sehen Sie denn dort?
Da sehe ich viele Aufführungen und Spielformen, die mir unheimlich bekannt vorkommen. Die sicher zum Teil gut gemacht sind, mich aber nicht interessieren. Ich war vor vielen Jahren mit Schleef in „Murx den Europäer“ von Christoph Marthaler, da saßen nur dreißig Leute drin, weil man diesen Abend damals noch nicht lesen konnte, bescheuert oder untheatralisch fand. Später wurde „Murx“ zum gefeierten Volksbühnen-Klassiker. Manche Dinge brauchen Zeit.
Sie sagten vor etwa zehn Jahren, Sie spielten nicht für den Applaus, sondern um etwas zu bewegen. Vor kurzem meinten Sie, das Theater könne gar nichts mehr verändern. Warum machen Sie dennoch weiter?
Weil es mir immer noch Spaß macht. Es macht mir sogar immer mehr Spaß. Der Blick auf die gesellschaftlichen Möglichkeiten des Theaters hat sich geändert. Dafür aber kenne ich den Apparat besser. Es ist ein unheimlich luxuriöser Ort, für mich ist es eine Art Lebensmittel.
Und was war es früher?
Das Theater war eine Maschine, die für mich zu kompliziert war. Mit der ich einfach nicht machen konnte, was ich wollte. Heute bin ich entspannter. Ich bin jetzt Ende vierzig, da verlagert sich das Interesse. Als Spieler braucht man im Theater einfach ein bestimmtes Maß an physischer Kraft. Mein physischer Übermut ist mittlerweile doch sehr gedämpft.
Und deshalb wechseln Sie im Sommer, mit Beginn der Intendanz von Matthias Hartmann, nach Wien und führen ein geruhsames Leben als Burgschauspieler?
Das ist sicher nicht der Plan. Ich habe in Wien immer viel gespielt, die Stadt gefällt mir. Außerdem bin ich so lange in Berlin, dass es gut ist, wenn man sich wieder ein bisschen fremd wird.
Und wie kam es zu diesem Schritt?
Matthias Hartmann hat mich angerufen und eingeladen, am Burgtheater zu arbeiten. Das kam für mich überraschend, weil wir uns nur flüchtig kennen. Für ihn war es vermutlich genauso überraschend, dass ich gesagt habe: Ja, mache ich gerne.
Bereuen Sie es nicht manchmal, sich im Zweifel immer fürs Theater entschieden zu haben?
Nein, ich hänge einfach am Theater. Mir gefällt das. Allerdings: Wenn Quentin Tarantino noch einmal anriefe, wäre ich sofort wieder dabei.