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Im Gespräch: Florian Henckel von Donnersmarck Mir redet keiner rein

06.12.2010 ·  Vor knapp vier Jahren gewann Florian Henckel von Donnersmarck einen Oscar für seinen Film „Das Leben der Anderen“ - und blieb in Amerika. Jetzt kommt sein erster Hollywood-Film. Ein Gespräch über Macht, Geld und die Arbeit mit den Weltstars

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Florian Maria Georg Christian Graf Henckel von Donnersmarck, sehr schöner Name. Und sehr, sehr lang. Gibt’s eine höfliche Art, ihn abzukürzen?

In Amerika nenne ich mich einfach nur Donnersmarck, Florian Donnersmarck, alles andere führt zu Verwirrungen.

Den Regisseur Erich von Stroheim, den haben sie in Hollywood „Von“ genannt.

Es ist mir schon passiert, dass Amerikaner meinten, Henckel, das sei mein zweiter Vorname. Und „Von“ der Nachname. Und mit Donnersmarck konnten sie dann gar nichts anfangen. Wenn mich einer „Von“ nennt, weiß ich, wer gemeint ist.

Wann hatten Sie zum ersten Mal den Wunsch oder den Traum, nach Hollywood zu gehen?

Eigentlich war ich in meiner Kindheit und Jugend überzeugt davon, dass ich Schriftsteller werden würde. Irgendwann wurde mir klar, dass immer weniger Menschen die Geduld aufbringen, einem Buch, sagen wir mal: fünfzig Stunden ihres Lebens zu opfern.

Haben Sie sich als Schriftsteller versucht?

Nein, habe ich nie. Ich habe immer viel geschrieben, ich schreibe ja immer noch viel, nur dass es jetzt eben Drehbücher sind. Ich habe ganze Kisten voll mit Sachen, die ich geschrieben habe. Aber ich hab’ das niemals irgendwo eingeschickt. Ich hatte das Gefühl: das ist es nicht. Einmal, als es schwer war, „Das Leben der Anderen“ auf die Beine zu stellen, habe ich mir überlegt: Wenn die Finanzierung nicht klappt, dann schreibe ich es einfach als Roman.

Volker Schlöndorff, um Ihren Oscar-Kollegen ins Spiel zu bringen, hat einmal, als er für einen Text gelobt wurde, geantwortet: Womöglich sei er ja fürs Schreiben begabter. Aber man sei so schrecklich einsam dabei . . . Am Filmset sei man unter Menschen.

Ich liebe es, am Filmset zu sein. Aber wenn man Drehbücher schreibt, hockt man auch lange Zeit einsam in der Stube. Immerhin hat man den Trost, dass man, wenn das Buch fertig ist, wieder unter Leute kommt.

Und wann kam jetzt der Traum von Hollywood?

Durchs Schreiben. Ich war 22, da habe ich einen Aufsatzwettbewerb gewonnen. Der Preis war ein Praktikum am Set, bei dem Regisseur Richard Attenborough.

Welcher Film?

Es war „In Love and War“, über Hemingway im Ersten Weltkrieg. Es war mein erstes Mal auf einem Filmset, es war das erste Mal, dass ich mit Leuten vom Film zu tun hatte; und als ich das perfekt gebaute Set sah, entworfen von Stuart Craig, dem großen Szenenbildner, der auch schon den „Elefantenmenschen“ und „Gefährliche Liebschaften“ ausgestattet hatte; und alles war so perfekt ausgeleuchtet, von Roger Pratt, dem Kameramann von „Brazil“; als ich da hereinkam, habe ich mir gesagt: Okay, gut. Ich gehe jetzt also zum Film, und ich werde nie einen niedrigeren Standard akzeptieren als den hier.

Aha.

Es gibt doch einen Vogel, der schlüpft aus dem Ei – und was er dann als Erstes sieht, hält er für seine Mutter. Ich glaube, so ähnlich ist es mir da gegangen. Diese Vorstellung, dass man seine Vorstellungen so perfekt verwirklichen, seine Ästhetik so grandios ausleben kann: Das hat mich so gereizt.

Wobei es kaum etwas Langweiligeres als Dreharbeiten gibt.

Nein, nein, ich wollte alles genau erfahren, alles sehen, ich habe mich für jedes Detail interessiert. Irgendwann sagte Attenborough: Schön, dass du dich mit all diesen Dingen so intensiv beschäftigst. Aber vergiss nicht: Das einzig Entscheidende sind die Schauspieler. Die machen die Emotionen sichtbar, die du sehen willst in einem Film. Ich weiß nicht, ob er recht hatte. Schauspieler sind extrem wichtig. Aber die Emotionen werden auch durch alles andere transportiert.

Sie sind zum Film gegangen, haben Ihren ersten Spielfilm gedreht, dafür gleich einen Oscar bekommen. Und dann hat sich Hollywood gemeldet. Wie muss man sich das vorstellen? Das Telefon klingelt, und Ihre Frau ruft: Schatz, kannst du hingehen? Da ist Hollywood dran.

An der Filmhochschule hatten wir einen Dozenten, den hat es schrecklich genervt, wenn im Unterricht die Handys geklingelt haben. Der einzige Grund, hat er immer gesagt, dass einer sein Telefon anlässt, ist der, dass Hollywood anrufen könnte. Hollywood, hat er dann gesagt, ruft sehr selten an.

Bei Ihnen schon.

Ich fand es immer eine verrückte Idee, dass Hollywood eine Telefonnummer haben könnte.

Taugt der Begriff noch? Existiert Hollywood?

Der Stadtteil von Los Angeles, der so heißt, ist seit Ewigkeiten nicht mehr das Zentrum der Filmindustrie. Aber als Bezeichnung für den Studiobetrieb, als Name für die Fabrik, in der die Geschichten mit der größten Reichweite produziert werden, ist Hollywood schon das richtige Wort. Waren Sie mal auf so einem Studiogelände? Die Warner-Studios, das ist eine magische Welt, wo man immer noch durch diese künstlichen Kulissenstraßen laufen kann, und um die Ecke kommen Ihnen ein paar Showgirls entgegen, und es ist, als ob man in den vierziger Jahren wäre.

Von dort hat jemand angerufen?

Es sind Agenten, die sich melden. Sie strecken die Fühler aus, versuchen, manchmal auf halblegalen Wegen, eine Kopie von dem Film zu bekommen, und dann hört man vielleicht von einem Schauspieler, dass er sich vorstellen könnte mit einem zusammenzuarbeiten, Brad Pitt war einer der Ersten, der hatte „Das Leben der Anderen“ gesehen, bevor der ins Kino kam.

Es ging also los, lange bevor Sie den Oscar bekommen haben?

Ja.

Und trotzdem: Hat sich alles verändert durch diesen Oscar?

Vielleicht hat sich die Art verändert, wie ich wahrgenommen werde. Aber sicher nicht die Art, wie ich mich selber wahrnehme. Mit dem Oscar ist es leichter, ein Projekt auf die Beine zu stellen, Macht zu bekommen. Aber das Filmemachen wird nicht leichter davon.

Ein Oscar für den ersten Film: Ist das eine Last?

Ich glaube, dass es unabhängiger macht. Man schielt nicht mehr nach den Preisen, man hat ja schon einen Oscar. Ich sehe oft Filme, die von tollen Filmemachern so inszeniert sind, dass sie möglichst unter die Oscar-Kandidaten kommen. Ich finde, diese Leute sollten lieber die Geschichten erzählen, die sie erzählen wollen.

Sie haben gut reden.

Am Abend nach der Oscar-Verleihung hat Steven Spielberg zu mir gesagt: „You’ll never get over this!“ Was ja heißt: Davon werden Sie sich nie erholen. Ich war ein bisschen perplex. Was meinen Sie, habe ich ihn gefragt, und er sagte nur: Ich meine das so, wie ich es gesagt habe. Ein seltsamer Satz, und die einzige Art, wie ich ihn deuten kann, ist, dass er die Auszeichnung viel wichtiger nimmt. Ich war eher erleichtert als beglückt, ich habe den Oscar ja nicht für mich gewonnen. Da ist „Germany“ eingraviert.

Er steht aber bei Ihnen zu Hause?

Es gibt einen kleinen Raum, zwischen Küche und Esszimmer. Da steht der Oscar. In einem verglasten Holzschrank

Was in Hollywood war ganz anders, als Sie es sich vorgestellt hatten?

Ich hatte erwartet, dass es dort lasziver und sexuell dekadenter zuginge. Dass es abenteuerlicher wäre. Dass jeder mit jeder schläft. Es sind aber lauter hart arbeitende Menschen, die nicht zu spät zu Bett gehen, weil sie morgens um sechs eine Verabredung mit dem Personal Trainer haben. Sie trinken, weil es den Menschen nicht schöner macht, keinen Alkohol und leben treu und bürgerlich.

Was ist der Unterschied zwischen dem Filmemachen hier und dem in Hollywood?

Ich glaube, dass zwischen einem Film, sagen wir von Helmut Dietl und einem Film von Oskar Roehler der Unterschied größer ist als der Unterschied zwischen einem Film, den ein Regisseur in Deutschland, und einem, den derselbe Regisseur in Amerika macht. Es gibt natürlich Filme, die können Sie mit einem europäischen Budget nicht stemmen. „The Tourist“ gehört in diese Kategorie. Es ist ein Film, den man nur in Hollywood machen kann, weil man dieses Niveau, diese Perfektion in Europa nicht finanzieren kann.

Die hohen Budgets: Wie wirkt sich das aus auf die Macht des Regisseurs? Hat er mehr oder weniger?

Er hat genau die gleiche, nämlich die totale Macht. Es ist ein erstaunlich weit verbreitetes Missverständnis, dass die Studios den Regisseuren dauernd hineinreden. Das gibt es aber nicht, ich kenne keinen einzigen Fall. Auch keinen, wo das Studio den Regisseur gezwungen hätte, seinen Film anders zu schneiden, als er das selber wollte. Ein Film ist wie ein großes Schiff: so schwer zu steuern, dass es überhaupt nichts bringt, wenn einem ein anderer ins Steuer greift.

Und bevor die Dreharbeiten losgehen?

Also zum Beispiel jetzt, bei diesem Film, da gab es ein Drehbuch, das niemand wirklich mochte, und nur Angelina Jolie hatte das Gefühl, dass es da eine starke Frauenrolle geben könnte. Wir hatten ein Gespräch, und ich habe gesagt: Okay, aber ich möchte es zu einer gleichberechtigten Liebes-Abenteuer-Geschichte machen, ich möchte ihr einen Mann zur Seite stellen, der nicht in ihrem Schatten bleibt. Da gibt es nicht so viele, und so sind wir auf Johnny Depp gekommen.

Sie war also zuerst da?

Sie war Hollywood, sie war es, die angerufen hat.

„The Tourist“ ist eine Art von Remake. Das französische Vorbild heißt „Fluchtpunkt Nizza“.

Den habe ich mir bewusst nicht angeschaut. Ich habe nur das Drehbuch gelesen, und ich verstand, was Angelina daran fasziniert hat. Eine Frau, die ein Geheimnis hat. Und ich dachte, wir brauchen auch einen Mann, der ein Geheimnis hat. Ich bekam eine Audienz bei Johnny Depp, präsentierte ihm meine Idee, und der sagte, ja, es gefalle ihm, aber wenn wir den Film machen wollten, müssten wir ihn sofort machen, weil er demnächst wieder Captain Jack Sparrow spielen müsse. Ich musste mich also entscheiden, diesen Film in elf Monaten zu machen. Drehbuch neu schreiben, Drehorte suchen, Film drehen, schneiden . . .

Ist das Filmemachen zu langsam geworden? Früher war das ein normaler Rhythmus. Ein Film pro Jahr und Regisseur.

Filme, die geblieben sind, Filme wie „Vom Winde verweht“ oder „Ben Hur“, die haben sie vielleicht nicht ganz so schnell gemacht. Ich meine, es geht ja. Ich bin morgens mit dem Team durch Venedig gefahren, um Drehorte zu suchen, und nachmittags habe ich am Drehbuch geschrieben, und ich wusste, es muss genau so gedreht werden, weil keine Zeit bleiben würde, noch etwas zu verändern

Gibt es zwischen Schauspielern das, was wir Chemie nennen?

Der große Sydney Pollack hat einmal gesagt, dass man sich um die Chemie bei Schauspielern keine Sorgen machen muss. Wenn die Schauspieler gut sind, kommt die Chemie von allein. Sie müssen einander nicht lieben und nicht hassen, sie müssen es nur spielen. Ich bin mir da nicht so sicher.

Sind die Stars zu mächtig?

Star, das ist ja auch nur ein anderes Wort für einen Schauspieler, der aus irgendeinem Grund, den man meistens nicht genau benennen kann, eine riesige Fangemeinde erworben hat. Aber letztlich ist der Star auch hauptsächlich und vorrangig Schauspieler. Und Schauspieler wollen geführt werden. Angelina Jolie und Johnny Depp sind definitiv solche Schauspieler.

Stars haben mehr zu verlieren.

Das stimmt. Ein guter Schauspieler wird nicht von einem Tag auf den anderen ein schlechter. Ein Star zu sein, das ist nichts, was man unter Kontrolle hat, es ist wie ein Preis, der einem verliehen wird. Und der einem aberkannt werden kann. Aber gerade deshalb ist ein großer Star, wenn er an den Set kommt, nur noch Schauspieler, der behandelt werden will wie jeder andere Schauspieler.

Zweistellige Millionen-Gagen: Verdienen Hollywood-Stars zu viel? Sind sie das wert?

Sie sind es. Ich meine, das wird ja mathematisch ermittelt. Das ist kein willkürlicher Wert, es geht um die Summe, die man in die Werbung stecken müsste, wenn ein unbekannter Schauspieler dieselbe Rolle spielen würde. Das ist ihre Leistung: Sie bringen einem Film die Aufmerksamkeit.

Was möchten Sie erreichen als Filmregisseur?

Natürlich ist das Ziel bei jedem Film ein anderes – aber wenn Sie mich fragen, was alles verbindet, dann ist vielleicht das meine Mission: Das Leben in seiner Kompliziertheit und Tragik zu zeigen. Und dann vielleicht einen Weg aus dieser Tragik zu weisen: Schaut mal, das Leben ist, irgendwie, lebenswert. Schaut mal, wie viel Charme und Schönheit es gibt. Deswegen kommen für mich Geistergeschichten und Aliens oder Autos, die sich in Roboter verwandeln, nicht in Frage. Sie haben mit der Welt, dem Leben, mit all dem, das ich den Menschen nahebringen möchte, zu wenig zu tun.

Das Gespräch führte Claudius Seidl

„The Tourist“ kommt am 16. 12. in die Kinos.

Quelle: F.A.Z.
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