15.08.2009 · Lange suchte Quentin Tarantino nach einem geeigneten Darsteller für den SS-Offizier in seinem Film „Inglourious Basterds“. Dann fand er Christoph Waltz. Ein Gespräch über Tarantinos Musikalität, die Sprache als Waffe und die Sorge vor der nächsten Rolle.
Berlin, am Tag der Premiere von Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“: Nach dem Film wird Christoph Waltz aus schierer Freude etwas Undruckbares sagen. Im Gespräch ist er höflich zum Niederknien. Und antwortet druckreif.
Quentin Tarantino hat in Cannes und danach immer wieder erzählt, dass er kurz davor war, die Pläne für seinen Film „Inglourious Basterds“ fallenzulassen, weil er keinen passenden Darsteller für den SS-Offizier Hans Landa finden konnte. Dann kamen Sie. Warum haben Sie sich so lange Zeit gelassen? Hat Ihr Agent geschlafen? Hatten Sie andere Pläne?
Christoph Waltz: Beides nein. Ich wollte nur sichergehen, wofür ich da eigentlich vorspreche. Denn oft werden Castings einberufen, nur um mal zu testen, ob dann die Förderungen fließen. Außerdem war ich mir auch nicht sicher, für welche Rolle ich am Ende vorgesehen war. Dass es tatsächlich Landa war, konnte ich mir gar nicht vorstellen.
Sie wollten also erst mal wissen, worauf Sie sich da einlassen?
Unbedingt.
Sehr selbstbewusst.
Finden Sie?
Ja, finde ich schon, vor allem angesichts der allgemeinen Aufregung bei allen darüber, in einem Tarantino-Film dabei zu sein.
Also, Quentin Tarantino ist wirklich wunderbar, und natürlich ist es großartig, mit ihm zu arbeiten. Er ist gebildet, höflich, leise, das glaubt man ja gar nicht, beflissen nachgerade, und ein großer Regisseur. Außerdem ist er sehr musikalisch.
Weil er auf die Musik in seinen Filmen so große Sorgfalt verwendet?
Nein, nicht nur. Es gibt eine immense Musikalität im Zusammenspiel der verschiedenen Elemente. Der Film an sich kann musikalisch betrachtet werden. Die Elemente der Musik, der Rhythmus, das Tempo, die perkussiven Zwischenspiele wie diese Schießerei in der Kneipe – das ist ein Perkussionsfurioso, und was ich besonders interessant finde, ist die Harmonik. Dass da so viele filmische Elemente zusammenkommen, nämlich Licht, Bild, Bewegung, Ton, Filmmusik, Untertitel – die sind ja ein Teil des Bilds und hier nicht umsonst gelb. Alles trägt zum gesamten Ergebnis bei. Das ergibt eine Harmonie, einen Akkord, der manchmal auch harmonische Spannungen erfährt, die nach Auflösung trachten. So wie in der Musik auch. Die Sprache fügt sich als sehr wichtiges Element eines Tonfilms natürlich in diese Gesamtmusikalität.
War es da für Sie noch mal eine besondere Herausforderung, anders zu sprechen? Ihre Rolle verlangt, dass Sie sehr elaboriert sprechen, in diesem fast vornehmen, auch sehr gefährlichen theaterhaften Ton.
Absolut, und zwar in jeder Sprache. Weil gewisse Elemente der Sprache sehr zur Geltung kommen, die im alltäglichen Umgang in zunehmendem Maße verschüttet werden. Sprache in dieser Rolle ist nicht das simple Kommunikationsmittel, um den Alltag zu bewältigen, sondern ist ein Mittel, um Wirklichkeiten zu erzeugen.
Auch eine Waffe?
Natürlich, das ist Sprache auch. Es ist ja auch keine unbekannte Tatsache, dass ein Wort tiefer und bleibender verletzen kann als ein Messer. Auch ein Wort kann töten.
Das von einem SS-Offizier allemal.
Die Uniform, die derjenige trägt, der das Wort hat, ist nicht das zentrale Thema. Ich sehe die Uniform nicht als Ausgangspunkt, sondern als vorübergehendes Mittel – aus Sicht der Figur. Das Vorübergehende wird ja auch thematisiert, wenn Brad Pitts Bastard sagt: „Die ziehst du doch aus, wenn der Krieg vorbei ist.“ Landa sagt gar nichts mehr. Aber nicht, weil er an der Uniform hinge, sondern weil er weiß, was das Ausziehen der Uniform für eine Konsequenz hat. Und die findet ja nur ihren direkten Ausdruck in diesem Schnitt.
In dem Hakenkreuz auf der Stirn.
Ja. Also nehme ich im Rückschluss an, dass das Anziehen der Uniform auch nur ein momentanes Mittel war.
Haben Sie zur Vorbereitung auch Ufa-Filme aus jenen Jahren angeschaut?
Nein. Im Gegenteil, ich habe mir all das vom Leib gehalten.
Kennen Sie die Filme dieser Zeit denn aus Ihrer normalen Kinogehergeschichte?
Natürlich. Ich kenne einiges. Ich war lange als Schüler und Student Mitglied im Filmmuseum in Wien. Ich wollte mich aber nicht in diese Form einfügen lassen. Ich wollte das Drehbuch als einzigen Anlass und einzigen Ausgangspunkt sehen. Ich wollte keine Querverweise und Beispiele von außen, ich wollte das alles aus dem Buch holen. Ich wollte mich auch nicht von der Schauspielerei anderer beeinflussen lassen. Dagegen kann man sich gar nicht wehren, das ist ja auch der ganze Witz der Propaganda gewesen. Nicht, dass ich jetzt Angst gehabt hätte, zum Nazi zu werden, wenn ich Propagandafilme anschaue, doch der spezifische Stil der Schauspielerei, den ich noch nie ausstehen konnte: dem wollte ich mich nicht aussetzen. Und auch nicht den kritischen NS-Filmen, Gregory Peck und Laurence Olivier in „Boys from Brazil“ oder Oskar Werner im „Letzten Akt“. Ich wollte wissen, was Tarantino meint. Da ist so viel in diesem Text, ich könnte immer noch sitzen und versuchen zu verstehen. Einmal habe ich ihn gefragt, ob er verstanden hat, was er geschrieben hat, eine Rolle nämlich, die eigentlich unauslotbar ist. Da hat er gelacht. Ja, ja, weiß ich, hat er gesagt.
Deutschsprachige Schauspieler waren im amerikanischen Kino immer die Nazis. Jetzt kommt ein Amerikaner und schreibt für einen deutschsprachigen Schauspieler einen Nazi-Part, und es ist eine der besten Rollen, die er jemals geschrieben hat, wie die für Uma Thurman oder John Travolta in „Pulp Fiction“.
Landa ist als Rolle besser als die.
Es ist sicher die, die am allerwenigsten festlegbar ist.
Sie reicht ungleich weiter über das Unmittelbare hinaus. Die anderen waren doch sehr im Unmittelbaren plaziert. Jede gute Rolle reicht über die Unmittelbarkeit hinaus. Das ist das, was sie zur guten Rolle macht.
Es hat in Ihrer Karriere eine Weile gedauert, bis Sie so eine Rolle gekriegt haben. Jetzt wollen doch wahrscheinlich alle mit Ihnen arbeiten? So war es zumindest in Cannes, da kam man ja gar nicht in Ihre Nähe, weil Sie ständig umrundet waren von Leuten. Besteht aber nicht die Gefahr, dass alles, was jetzt kommt, nicht mehr so gut ist?
Das ist leider unausweichlich.
Wie fühlen Sie sich dabei?
Das dräut mir, das bereitet mir auch ein bisschen Sorge. Es ist aber auch gut, dass es mir Sorge bereitet, weil ich mich schon darauf vorbereiten kann. Und das muss ich, denn es ist unausweichlich und geht nicht anders. Das Gefühl ist schon so eine Unsicherheit. Jetzt versuche ich, dieser Unsicherheit zu begegnen – ja, es stimmt, das lässt sich nicht verhindern. Nur darüber hinaus: Was kann ich daraus Vorteilhaftes ziehen und entwickeln? Wenn ich die Lage mit diesem Verantwortungsgefühl betrachte – wenn wir das der Kürze halber so nennen wollen –, muss ich bei der nächsten Rolle einen noch genaueren Vorgang absolvieren, noch genauer gucken. Es geht nurmehr im Detail. Ich kann nurmehr nach Möglichkeiten suchen, und da sie nicht größer werden, sondern kleiner, muss ich Details finden, mit denen ich was anfangen kann, die mich beschäftigen, aus denen ich Energie ziehen kann. Es kann nur im Detail sein.
Da wird es nicht unerheblichen Einfluss haben, wer der Regisseur wird.
Absolut. Und der Autor. Aber es wird automatisch zurückfallen müssen.
Anthony Hopkins zum Beispiel ist als sadistischer Kannibale Hannibal Lecter berühmt geworden. Eine grandiose Rolle, wie er sie seither nicht mehr gespielt hat. Und ich glaube, dass es für Hopkins keine bessere Rolle mehr geben wird als diesen Hannibal. Trotzdem hat er ja tolle Filme gemacht seitdem. Aber er hat dafür die Genres gewechselt. Kann ein sehr guter Schauspieler in jeder Rolle zeigen, wie gut er ist?
Ich habe da einen anderen Ansatz. Ich glaube nicht daran, dass es gute und schlechte Schauspieler gibt. Ich glaube an Besetzung. Ich glaube, es gibt für jeden Schauspieler eine Rolle, zumindest eine Rolle, in der er herausragend sein kann.
Das ist aber sehr großzügig.
Ich konzediere allerdings, dass es Schauspieler gibt, denen das öfter bei verschiedenen Rollen gelingt. Ich habe das von Benno Besson gelernt, der gesagt hat, es gebe keine guten und schlechten Schauspieler, es gebe gut und schlecht besetzte. Richtig ist das, was wir anstreben. Ob das stimmt oder nicht, interessiert mich gar nicht so sehr. Ich finde es gut, den Gedanken zu verfolgen, weil Urteil den Vorgang behindert. Meine Aufgabe sehe ich darin, den Vorgang zu ermöglichen.
Können Sie das ein bisschen konkreter sagen?
Deshalb ist mir der Autor wichtig. Ich behaupte, man kann nur spielen, was geschrieben steht. Man kann nicht spielen, was nicht im Drehbuch steht. Meine Aufgabe ist es, das zu finden und zu heben oder zur Geltung zu bringen. Aber im Prinzip, wenn man das ganz essentiell und rein rhetorisch betrachtet, möchte ich gerne die Tätigkeit des Schauspielers so sehen, dass er den Weg frei macht und nicht verstellt. Und das ist meine Kritik an Schauspielerei – dass sie mir als Zuschauer sehr oft den Blick auf die Rolle verstellt. Und ich möchte meine Aufgabe als Schauspieler als Weg-Freimachen sehen.
Je größer ein Star ist, desto schwieriger wird das. Der Star steht doch immer vor der Rolle.
Aber der Star transportiert darüber hinaus wieder andere Elemente, die möglicherweise dann einen anderen Zugang zu der Rolle ermöglichen. Aber allzu viel Privates über einen Schauspieler zu wissen, da bin ich Ihrer Meinung, steht dann immer davor.
Ermöglicht Ihnen Ihr Leben in London, sich etwas abzuschotten, oder geht das gerade in London eigentlich gar nicht?
Ich bin jetzt in den letzten drei Jahren nicht mehr so ausschließlich in London gewesen, ich bin sehr viel hier. In Berlin herrscht so eine gewisse Wurschtigkeit, die einen ja sonst auch aufregen kann, die ist mir sehr hilfreich. Berliner sind zu snobistisch, um sich drauf einzulassen, und das finde ich ganz lustig. Ein Freund hat mal gesagt, bei Fernsehschauspielern hat das Publikum das Gefühl, es könne über sie verfügen, denn sie kommen zu ihm nach Hause. Bei Kinoschauspielern ist das nicht so. Da müssen die Zuschauer hingehen und haben daher einen anderen Zugang. Das fand ich einen interessanten Gedanken. Jetzt handelt es sich bei mir ja eigentlich mehr um Ersteres, aber die Aufregung wurde durch Zweiteres ausgelöst. Der Rückzug – es wird sich zeigen, inwieweit und wo der möglich ist.
Bedeutet die riesige Anerkennung, die Sie mit „Inglourious Basterds“ erfahren, dass Sie jetzt weggehen vom Fernsehen und wieder häufiger im Kino zu sehen sein werden?
Ich würde es mir wünschen. Gar nicht so sehr, weil Fernsehen eine böse und dumme und schlechte Sache wäre, das ist es ja überhaupt nicht. Die deutsche Situation ist ein bisschen wie ein Teufelskreis. Und zwar ein Teufelskreis, der nicht nach oben führt. Das ist sehr beklagenswert, weil unsere Möglichkeiten und Potentiale sehr hoch sind, und Möglichkeiten und Potentiale derart zu vergeigen ist sträflich. Es hat ja auch sehr positive Aspekte. Ich würde mir sehr wünschen, mich einer aufgeschlosseneren Herangehensweise verschreiben zu können, detaillierter und genauer zu überlegen und zu arbeiten. Wobei die Tatsache, dass es sich um Kino handelt, ja auch nicht immer Genauigkeit nach sich zieht. Aber für mich ist es das, was ich mir wünsche. Für mich wünsche ich mir eine Erweiterung der Möglichkeiten, und zwar nicht nur der Angebote, sondern auch der Umsetzung der Möglichkeiten. Danach trachte ich. Ich finde das Medium Kino das faszinierendste. Nach der Musik.
Zur Person
Christoph Waltz wird als Sohn eines Bühnen- und Kostümbildnerpaares am 4. Oktober 1956 in Wien geboren. Dort begann er im Theresianum seine Schauspielausbildung, die er am Max-Reinhardt-
Seminar und am Lee Strasberg Institute in New York fortsetzte.
Er debütiert 1975 am Schauspielhaus Zürich. Von Ende der siebziger Jahre an spielt er im Fernsehen vor allem zwielichtige Figuren, aber auch Roy Black: Für „Du bist nicht allein - Die Roy Black Story“ erhält er 1996 und 1997 Preise in Baden-Baden und München. Im Jahr 2002 folgt der Grimme-Preis für „Der Tanz mit dem Teufel“.
Im Mai 2009 gewinnt Waltz mit der Rolle des Hans Landa in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, der von Donnerstag an in den deutschen Kinos läuft, den Darstellerpreis bei den Filmfestspielen in Cannes.