“Es fasziniert mich ungemein, meine Umgebung mit den Ohren anzuschauen.“ Schon als Kind wusste Wolfgang Fasser, dass sein Leben anders verlaufen würde als das seiner Spielkameraden. Der Musiker, Therapeut und Klangforscher kam mit der Erbkrankheit Renititis Pigmentosa zur Welt, bei der man allmählich das Augenlicht verliert. Mit 22 Jahren war Fasser völlig erblindet. Die Welt der Klänge, sagt er, wurde für ihn eine „tröstende Brücke zur Realität“.
Heute lebt Fasser im Gebirgstal Casentino in der Toskana. Dort liegt sein 1999 gegründetes Atelier für musikalische Improvisation, in dem er mit schwerbehinderten Kindern arbeitet. Sie alle haben ganz verschiedene Schwierigkeiten, von zerebraler Lähmung über vererbte Krankheiten bis zu schweren geistigen und seelischen Störungen. „Jedes Kind kommt zu mir, wie es ist, und in unserer Begegnung kreieren wir die Musik, die zwischen uns erklingt“, erklärt Fasser in gemächlichem Schweizerdeutsch. Die Kamera schweift über die verschiedensten Instrumente : Kongas, diverse Glöckchen und Gongs, Marimbaphon, Monochord, ein Klavier. Jemand spielt Chopins Nocturne in Es-Dur op. 9 Nr. 2.
Nicht Aus-, sondern Einsteiger
Für den Dokumentarfilm „Im Garten der Klänge“ hat der italienische Regisseur Nicola Bellucci Wolfgang Fasser für zwei Jahre begleitet. Er ist dem heute 56-Jährigen auf seine Streifzüge durch die Toskana gefolgt, in denen er mit Taststock und Aufnahmegerät neue Klangwelten erkundet. Bei Nacht lauscht Fasser dem Bellen der Hunde, erkennt jedes Reh, jeden Fasan an seinem Laut. Diese Naturklänge sind für ihn „Hörbilder“, tönende Postkarten oder Fotografien. Ursprünglich wollte Fasser Wildhüter oder Förster werden. Es fiel ihm schwer, das Nein seiner Eltern zu akzeptieren, erzählt er.
Eindrücklich porträtiert Bellucci die Beziehung Fassers zu seinen jungen Patienten. Ein „Gastgeber von Klängen“ möchte er sein, will spüren, für welchen Klang das Kind offen ist. Etwa die kleine Lucia, blind und in komatösem Zustand, die immer lebendiger wurde, je mehr sie den ganz einfachen Tönen von Fassers Leier lauschte. Oder die 13-jährige Jenny, die kaum auf zwei Beinen stehen konnte, als sie zu Fasser kam. Er setzte ihr eine Augenbinde auf und brachte ihr bei, die eigenen Bewegungen besser zu spüren. Heute kann Jenny relativ gut gehen und ist zu Hause viel selbständiger als früher.
Bellucci ist mit „Im Garten der Klänge“ ein bezaubernd stiller, geradezu meditativer Film über die Macht der Musik und den „Aussteiger“ Wolfgang Fasser gelungen, der in Wirklichkeit ein „Einsteiger“ ist. Auf Kommentare verzichtet Bellucci ganz, lässt nur Fasser, seine Klangwelten und die Musik im Besonderen sprechen. Nicht zuletzt dank der grandiosen Landschaftsaufnahmen des Casentino verschmelzen in dieser Dokumentation verschiedene Sinneseindrücke zu einem berückenden Gesamtbild. Man beginnt nicht nur, wie Wolfgang Fasser mit den Ohren zu sehen, sondern auch mit den Augen zu hören.