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Das schweigende Klassenzimmer : Staatsfeindschaft als Schulversagen

  • -Aktualisiert am

Erik berichtet Theo, Kurt und Paul vom Ungarnaufstand. Bild: Studiocanal GmbH / Julia Terjung

DDR-Unrecht, für Kinokameras nachinszeniert: „Das schweigende Klassenzimmer“ von Lars Kraume ist ein beinahe mustergültiger Film. Eine entscheidende Kleinigkeit fehlt allerdings.

          Noch vor dem West-Fernsehen (und vor dem „Antifaschistischen Schutzwall“) gab es in der DDR das West-Kino. Im Jahr 1956 war es für junge Leute wie Theo und Kurt, zwei Schüler aus Stalinstadt im Abituralter, noch ein Leichtes oder zumindest nicht allzu Schweres, mal eben in den Westen von Berlin zu fahren, um sich dort einen schlüpfrigen Film anzusehen: „Liane, das Mädchen aus dem Urwald“. Vor den Nacktszenen mit Marion Michael läuft aber noch eine Wochenschau in Schwarzweiß, und die zeigt Szenen, von denen man in der DDR nichts weiß.

          In Ungarn proben die Menschen nämlich gerade den Aufstand gegen das stalinistische System. Eine Konterrevolution, wenn im offiziellen Jargon davon die Rede sein muss, eine Volksbewegung, wie es aber den Anschein aus der Wochenschau hat. Theo und Kurt sind beeindruckt, sie bringen das Thema in ihrer Klasse zur Sprache, und sie beschließen eine kleine Kundgebung: Eine Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer in Ungarn, darunter auch der Fußballer Ferenc Puskás (diese Information erweist sich später als Irrtum, als ein Stück propagandistischer Fake News).

          Die Klasse stimmt darüber ab, am Ende machen alle mit, bis auf den parteitreuen Erik, der den Protest überhaupt erst erklärt. Denn der Geschichtslehrer Mosel versteht eigentlich nur Bahnhof, als ihn die Schüler mit ihren stummen Mienen konfrontieren. Sobald er aber begriffen hat, was vorgeht, steht ein großer Vorwurf im Raum: eine ganze Klasse hat sich da wohl zu „Staatsfeinden“ erklärt. Damit wird der Protest zu einem Fall, und mehr oder weniger die ganze DDR – verkörpert durch Figuren auf verschiedenen staatlichen Ebenen – wird eingeschaltet.

          Die Autorität versteckt sich hinter Phrasen

          „Das schweigende Klassenzimmer“ von Lars Kraume bezieht seine Spannung aus einer vielfach resonanten Konstellation: Die jungen Leute, unterschiedlich idealistisch und alle mit prägnanten Familiengeschichten ausgestattet, stehen einer Autorität gegenüber, die sich hinter Phrasen und Parolen versteckt oder ganz einfach die herrschenden Verhältnisse bürokratisch untermauert. 1956 waren allerdings die Jahre des Nationalsozialismus noch nahe genug, dass der antifaschistische Gründungsmythos der DDR sich in konkreten Erinnerungen brechen kann.

          Theo erhält von Rektor Schwarz einen Tadel während des Fahnenappells. Bilderstrecke

          Und dazu kommt eben die damals noch durchlässige Grenze zwischen den Systemen, wobei die jungen Leute gar nicht dauernd in die holprigen Züge steigen müssen. Es reicht auch, dass sie sich bei einem älteren Junggesellen namens Edgar einfinden können, um bei ihm den Rias zu hören, den Sender aus dem freien Berlin.

          Wie hat sich die DDR wirklich angefühlt?

          Vor drei Jahren hat Lars Kraume mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“ von der geistigen Situation in der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren erzählt. Nun zeigt er dazu ein Pendant: eine weitere Geschichte über verknöcherte Verhältnisse. Allerdings mit dem Unterschied, dass die DDR inzwischen selbst Geschichte ist. Wie diese Geschichte einzuordnen ist, dazu bezieht Kraume relativ klar Position: Er zeigt in „Das schweigende Klassenzimmer“ deutlich das Unrechtssystem, das die jungen Leute nicht versteht und nicht verstehen will. Zwar haben alle beteiligten Systemfiguren vom Rektor Schwarz (Florian Lukas rückt hier eine Alterskohorte vor) über die Kreisschulrätin Kessler (Jördis Triebel) bis hinauf zum höchstselbst eingreifenden Volksbildungsminister Lange (Burghart Klaußner) ihre eigenen Beweggründe, aber sie sind letztlich doch nur Attrappen.

          Lars Kraume bemüht sich nach Kräften, allen historischen Optionen in dieser Situation Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das bringt allerdings mit sich, dass jede Figur auch so etwas wie eine Position vertritt und dass die Haushalte, aus denen die Schüler stammen, beinahe zu einem DDR-Museum werden. Das ergibt in Verbindung mit der längst üblichen Professionalität der handwerklichen Abteilungen im deutschen Geschichtskino (Ausstattung, Kostüm, alles hat die richtige Patina) einen mustergültigen Film, dem nur eine, allerdings entscheidende, Kleinigkeit fehlt. Kraume vermittelt nicht einmal eine Andeutung davon, wie sich die DDR damals tatsächlich angefühlt haben mag. Dazu müsste man nach wie vor die zeitgenössischen Filme aufsuchen. Man würde dort die mühsamen Aushandlungsprozesse erkennen können, die „Das schweigende Klassenzimmer“ in genau abgezirkelte dramatische Alternativen und in einen Hochglanzfilm auflöst. Das West-Kino spricht hier ein nachträgliches Machtwort über die autoritäre DDR.

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