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James-Baldwin-Dokumentarfilm : Er ließ und lässt sich nicht vorführen

Ein Zeitzeuge für seine wie für unsere Zeit, über den Tod hinaus: James Baldwin Bild: Steve Schapiro

Was heißt es, schwarz zu sein? Raoul Pecks Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ lässt den 1987 gestorbenen Schriftsteller James Baldwin sprechen und zeigt: Er war seiner Zeit in allem voraus.

          In diesem Film spricht fast ausschließlich James Baldwin. Er spricht, ohne dabei in erster Linie von sich selbst zu sprechen, vor allem darüber, was es heißt, schwarz zu sein. Erzählt, wie seine Auseinandersetzung mit den Bürgerrechtlern verläuft, was er sieht, wenn er nach langer Abwesenheit nach New York zurückkommt, was er an Harlem vermisst hat, während er in Europa war, und wie es ist, nach Hause zu kommen, wenn man nicht mehr weiß, was das bedeutet. Er spricht von seiner ersten großen Liebe, die das Hollywood-Kino war. Im Zentrum seiner Gedanken aber steht immer wieder die Einsicht, dass neben, unter, über allem anderen die Schwarzen auch dafür gebraucht wurden, zu definieren, was ein Weißer ist. Baldwin war in allem seiner Zeit voraus. Er starb 1987, da war er dreiundsechzig.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wenn Baldwin nicht selbst spricht, spricht Samuel L. Jackson Sätze von Baldwin. Und Baldwin ist auch derjenige, der im Abspann von „I am Not Your Negro“ als Autor genannt ist. Endlich ein Film also von ihm, der zu Lebzeiten keinen Film drehen konnte, obwohl er Drehbücher schrieb, zum Beispiel über die „Autobiographie von Malcolm X“.

          Baldwin kommentiert seine Zeit – und unsere

          Baldwin wollte schon als Kind Filme drehen. Später, als gefeierter Autor, wollte er das immer noch. Er war mit dem Kino aufgewachsen, er liebte Bette Davis (auch für ihre sich aus ihren Höhlen hervorwölbenen Augäpfel und ihre Bewegungen, von denen er sagte: „she moves like a nigger“). John Wayne war der Held seiner Kindheit, an dessen Seite er sich lange wähnte, bis er entdeckte, dass er anders aussah und was das bedeutete.

          Und doch ist dies kein biographischer Film. Kein Biopic, in dem das Leben von James Baldwin nacherzählt würde, mit Hilfe historischer Filmaufnahmen von der Wiege bis zur Bahre zusammengestückelt, von Leuten von heute kommentiert. Hier kommentiert niemand Baldwin, nur Baldwin kommentiert seine Zeit. Und aus der Vergangenheit auch unsere Zeit, was manchmal sehr gespenstisch wirkt.

          Dies ist ein Collagen-Film, der dokumentarische Aufnahmen aus verschiedenen Jahrzehnten und Ausschnitte aus Hollywood-Filmen gegeneinander schneidet – Sidney Poitier und Tony Curtis in „The Defiant Ones“ 1958 zum Beispiel, in dem sich Poitier für Curtis opfert, oder Doris Day singend gegen Bilder von Aufruhr und von Lynchmorden. Baldwin hat sich in seinem großartigen Buch „The Devil Finds Work“ zu diesen Filmen geäußert, und Auszüge werden hier zitiert.

          Auch die Weißen zahlen einen Preis für ihren Rassismus, den Baldwin zu einer Zeit, als Medgar Evers (ermordet 1963), Malcolm X und Martin Luther King (ermordet 1965 und 1968) noch lebten, als Grund für die moralische Armseligkeit und politische Apathie im Land ausmachte. Raoul Peck und seine Schnittmeisterin Alexandra Strauss haben in dieser Form aufgehoben, dass die Geschichte der Schwarzen in Wiederholungen der immer selben Urszenarien seit ihrer Verschleppung ab dem siebzehnten Jahrhundert verläuft. Gerade so, wie Baldwin es beschrieben hat und deshalb zu dem Schluss kam, es gebe keinen Grund zur Hoffnung. Nicht nur für die Schwarzen in Amerika nicht, sondern für die gesamte Menschheit nicht. Und der dabei doch eine Leidenschaft fürs Leben ebenso wie gegen die Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, gegen Mord, Apartheid und weißen Suprematismus verströmte. Eine Leidenschaft, die jeden seiner Sätze grundierte, so oder so.

          Im Leben der Schwarzen hat sich wenig geändert

          Bilder aus Birmingham in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts etwa und Bilder aus Ferguson 2015 sehen sich auf erschreckende Weise ähnlich. Polizisten in hochgerüsteten Uniformen prügeln mit entfesselter Brutalität auf schwarze Männer und Frauen in Alltagskleidung ein, Rauch steigt auf, Schreie mischen sich mit Schreien und dem Geräusch, mit dem harte Gegenstände auf nicht so harte Oberflächen treffen, Schlagstöcke auf Körper. Baldwin floh aus dem Land, in dem er keine Hoffnung sah, nach Paris. Tourte durch Europa. Hielt Vorträge zur Lage der Schwarzen zu Hause. Das Bild von Dorothy Counts, wie sie mit hocherhobenem Kopf im September 1957 durch einen Mob weißer Demonstranten, die Schilder mit rassistischen Schmähungen hochhalten, sie beschimpfen, sie bespucken und mit Müll und Steinen bewerfen, läuft, ging damals um die Welt. Dorothy Counts war auf dem Weg zu ihrem ersten Tag in einer Schule, in der bisher nur Weiße unterrichtet wurden. Auf dem Titel jeder Zeitung, schreibt Baldwin, war es zu sehen. Er sah es in Paris. Und dachte: Einer von uns hätte bei ihr sein müssen. Das war der Augenblick, in dem er sich zur Rückkehr entschloss.

          Die Texte, die Samuel L. Jackson spricht, stammen zum großen Teil aus dem unvollendeten Manuskript „Remember this House“ über Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King. Baldwin wollte anhand der Lebensgeschichten dieser drei Männer die Geschichte Amerikas schreiben. Er starb, bevor das Buch fertig war.

          James Baldwin lebte von 1924 bis 1987. Doch seine Schriften lesen sich, als wären sie für unsere Zeit geschrieben. Das heißt nicht, es hätte sich gar nichts geändert im Leben der Schwarzen in den Vereinigten Staaten oder sonst in der Diaspora. Aber viel ist es nicht.

          Zum Beispiel würde ein Talkshow-Moderator einen schwarzen Gast heute nicht „negro“ nennen, wie Dick Cavett es in seiner Show mit Baldwin tat, der so reagierte, wie es der Titel des Films von Raoul Peck zitiert. Andererseits ist es auch unwahrscheinlich, dass eine amerikanische Talkshow einen Mann wie Baldwin - immer wieder übrigens – für einen Auftritt einladen würde. Was in diesem Fall nichts mit Rassismus, sondern mit Anti-Elitismus und Anti-Intellektualismus zu tun hätte. Baldwin war ein internationaler Star damals, war präsent in Talkshows, an Universitäten und in Vortragssälen, schrieb in Magazinen nicht nur über Rassenfragen, wurde von Hollywood als Autor engagiert. Er hatte in seinen Auftritten, hinter Pulten oder im Fernsehstudio sitzend, eine umwerfende Präsenz. Je mehr er sich (kontrolliert) erregte, je schneller er sprach, desto schneidender formulierte er, aber auch desto lyrischer. Er ließ sich nicht unterbrechen und auch nicht provozieren. Er wusste, so scheint es, damals schon alles, was es zum Thema zu wissen gibt. Das ist das Erschütterndste an diesem Film, der zu einem Zeitpunkt ins Kino kommt, zu dem zur Hoffnung auch nicht mehr Anlass ist als zu Baldwins Zeiten, zur Leidenschaft des Denkens also umso mehr.

          Quelle: F.A.Z.

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