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Horrorfilm „A Quiet Place“ : Wer ein Geräusch macht, wird verschlungen

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Jedes Geräusch kann tödlich sein: Emily Blunt und Milicent Simmonds in dem Überraschungshit „A Quiet Place“, der mit Stille als Zustand von Sicherheit spielt. Bild: AP

Was letztes Jahr „Get Out“ war, ist dieses Jahr „A Quiet Place“: Ein unheimlicher, aufregender und großartiger Film über den Schrecken, der das Publikum in Scharen ins Kino zieht.

          Bei Erdbesuchern aus den Tiefen des Weltalls gibt es eine ungeschriebene Regel: Sie haben alle eine Schwachstelle. In dem Film „A Quiet Place“ von John Krasinski ist es das Ohr. Die Kreaturen sind furchteinflößende Wesen mit Spinnenbeinen und Medusenschädel. Aber man kann ihnen nicht in die Augen schauen, denn wo immer sie ihre Evolution durchlaufen haben, einen Gesichtssinn haben diese Viecher nicht ausgeprägt. Sie sind ganz Ohr. Und wenn die Augen beim Menschen das Fenster zur Seele sind, so ist das Ohr bei ihnen das Fenster zur Hölle. Denn wenn sie etwas hören, dann fallen sie darüber her und vertilgen es.

          Dass sie einen Planeten befallen haben, auf dem Mozart und die Moody Blues tätig waren, entgeht den Invasoren. Denn die Menschheit musste ihretwegen das Radio abdrehen. Es gibt in „A Quiet Place“ nicht nur keine Musik mehr (außer vielleicht einmal in einem raren, intimen Moment ein Lied von Neil Young über Ohrstöpsel), es gibt überhaupt keinen Mucks mehr. Und so hat sich – ein Insert deutet an, dass der unerwartete „Besuch“ vor gut eineinhalb Jahren begonnen haben muss – eine prekäre Koexistenz etabliert. Die Familie Abbott führt für postapokalyptische Verhältnisse eigentlich ein fast normales Leben. Sie fassen sich vor dem Abendessen an den Händen, draußen steht der Mais in vollem Saft, die Mutter Evelyn trägt deutlich sichtbar einen Babybauch. Allerdings gehen alle ständig barfuß, und auch dann nur auf eigens eingerichteten, streugedämpften Pfaden. Die Abbotts sprechen miteinander in gepresstem Flüstern, oder überhaupt gleich in Zeichensprache. Das wäre aber ohnehin notwendig, denn die Tochter Regan ist gehörlos. Für sie ist der „Quiet Place“ ganz normal. Oder ganz im Gegenteil: Sie kennt den Ausnahmezustand, von dem dieser Film so großartig zu erzählen weiß, gleichsam von innen.

          In Steven Spielbergs „Krieg der Welten“ (2005) waren es die Tentakel der Aliens, vor denen man auf der Hut sein musste. Diese haptische, hautnahe Blutrunst war viel schrecklicher als der Generalangriff etwa in „Independence Day“. Und „A Quiet Place“ steigert diesen Schrecken durch Nähe nun noch einmal durch eine andere sensorische Reduktion: Vor der Panik kann man hier nicht davonlaufen, man kann nur versuchen, sich auf Zehenspitzen davonzustehlen. Und dann kann es immer noch passieren, dass der kleinste Sohn der Abbotts unbemerkt ein altes Tingelspielzeug an sich genommen hat, in dem noch Batterien stecken. Mit dieser Katastrophe beginnt „A Quiet Place“, damit ist auch etabliert, worauf es ankommt, denn nun sind die Abbotts nur noch zu viert, und bei dem Gedanken an das Baby wird einem ganz schummrig, denn Kinder kommen gern mit einem Urschrei in die Welt.

          Kinotrailer : „A Quiet Place“

          Das Genre, zu dem „A Quiet Place“ zu zählen ist, entfaltet sich im amerikanischen Kino immer wieder in zwei Richtungen: die Invasions-Science-Fiction braucht einfach von Zeit zu Zeit das große Spektakel, die Ballung aller Kräfte und eine Feier der alten militärischen Tugenden. Wirkungsvoller aber sind immer wieder kleine Filme, die einen Aspekt der Begegnung betonen und die aus der Menschheitsfamilie eine einzelne herausgreifen. Spielbergs Sonderstellung hatte über viele Jahre auch damit zu tun, dass er diese beiden Traditionen zusammenhielt. Und John Krasinski zeigt nun, auf Grundlage eines Drehbuchs von Bryan Woods und Scott Beck, dass man mit einem Film mit klug dosierten Spezialeffekten enorme Wirkung erzielen kann.

          Die Abbotts (John Krasinski, bekannt aus dem amerikanischen „The Office“, spielt selbst die Hauptrolle, und Emily Blunt, auch im richtigen Leben seine Frau, spielt Evelyn) leben irgendwo in Upstate New York in einer einsamen, idyllischen Gegend eine Robinson-Existenz. Das emotionale Zentrum der Familie ist die heranwachsende Regan (unvergesslich: Millicent Simmonds). Sie fühlt sich nicht nur schuldig am Tod des kleineren Bruders, sie unterstellt auch ihrem Vater, dass er das so sieht. So bekommt sein mehrfach vergeblicher Versuch, ihr ein notdürftig gebasteltes Hörgerät zu verschaffen, den Charakter eines immer wieder erneuerten Urteils, zugleich liegt in diesem Versuch, eine technische Brücke zwischen innen und außen zu bauen, der Schlüssel zu einer möglichen Befreiung von der Plage.

          In entscheidenden Szenen teilen die Abbotts mit den Aliens den Raum, die ungebetenen Besucher streifen durch das Haus, das Knacken ihrer Extremitäten und ihr rasselndes Geräusch (ihr Atem? ihre Sprache?) geht einem durch Mark und Bein. Die Anleihen beim Horrorfilm sind brillant gesetzt, die symbolische Kraft der Erzählung erreicht Höhepunkte, als die Kinder in einem Maissilo beinahe in den Körnern zu ertrinken drohen, und als der Vater für das Baby eine schalldichte Wiege vorbereitet, die aussieht wie ein Sarg. Das Ohr der Aliens erweist sich schließlich nicht nur als Höllenschlund, sondern auch als die Stelle ihrer Verletzlichkeit. Es ist aber die ambivalente Geste, mit der Krasinski „A Quiet Place“ enden lässt, die alles noch einmal in ein neues Verhältnis setzt: eine Frau mit einer Schusswaffe, ein gespannter Moment, in dem Pioniere sich auf den Angriff von Wilden vorbereiten. Damit schlägt dieser großartige Film Wurzeln in altem amerikanischen Traditionsgut, aber er kappt auch viele von den feinen Verbindungen, die er vorher gelegt hat. Von nun an braucht es wieder festes Schuhwerk.

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