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Homer im Kino Wo ist nur das Pferd?

06.05.2004 ·  Wenn Wolfgang Petersens Spektakelfilm „Troja“ am kommenden Donnerstag in die Kinos gelangt, wird er neues Interesse an der ältesten Geschichte der europäischen Literatur wecken. Es ist bitter nötig.

Von Andreas Platthaus
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Das moderne Trojanische Pferd ist ein Multimillionen-Dollar-Unternehmen und trägt pikanterweise auch noch den Namen "Troja". Wenn Wolfgang Petersens Spektakelfilm am kommenden Donnerstag in die Kinos gelangt, wird er neues Interesse an der ältesten Geschichte der europäischen Literatur wecken. Hinter seiner funkelnden Fassade aus Waffenstahl und Männerschweiß schmuggelt der Film Konterbande: Homers Verse werden uns wieder bewußt in ihrer epischen Gewalt. Ein Ideal der Gebildeten zieht im Bauch des Historienschinkens in die Mauern der Trivialkultur ein. Ob es den Sieg über sie davontragen wird, ist allerdings ebenso ungewiß, wie es lange Zeit im Epos der Erfolg der Griechen über die Trojaner war.

Der Sieg indes wäre bitter nötig. Längst ist die über zweieinhalb Jahrtausende für Europa geltende Vertrautheit mit den Homerischen Texten verlorengegangen. Heute darf man nicht mehr erwarten, daß noch jemand weiß, daß in der "Ilias", dem Ausgangsmaterial für Petersens Film, lediglich vierzig Tage aus einem zehnjährigen Krieg beschrieben werden und daß die populärste Episode dieses Krieges, ebender Trick mit dem Trojanischen Pferd, darin gar nicht vorkommt. Die "Ilias" setzt im neunten Kriegsjahr ein und endet unentschieden: Alles ist am Ende des 24. Gesangs wie am Beginn des ersten, die Griechen belagern die hehre Troja; aber viele der edelsten Helden sind in der Zwischenzeit gefallen.

Im gezimmerten Rosse

Natürlich stammt auch die Geschichte vom Trojanischen Pferd von Homer. Allerdings aus der "Odyssee", wo sie erstmals im vierten Gesang von Menelaos dem Sohn des Odysseus, Telemach, erzählt wird. Menelaos befand sich gemeinsam mit Odysseus im Bauch des hohlen Pferdes, und in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß lautet die lapidare Schilderung dieser Heldentat so: "Also bestand er (Odysseus) auch jene Gefahr, mit Kühnheit und Gleichmut, / In dem gezimmerten Rosse, worin wir Fürsten der Griechen / Alle saßen, und Tod und Verderben gen Ilion brachten." Dann folgt noch eine Schilderung, wie die Auslöserin des ganzen Völkerschlachtens, Helena, die von Paris nach Troja verschleppte Gattin des Menelaos, um das in die Stadt gezogene Pferd herumgegangen ist und mit jeweils verstellter Stimme nach den darin verborgenen Männern gerufen hat, so daß diese denken mußten, ihre Gemahlinnen stünden draußen. Doch Odysseus durchschaute die List und gebot seinen Mitstreitern Schweigen, und so konnten die griechischen Krieger in der Nacht die schlafende Stadt erobern. Keine zwanzig Verse macht diese Erzählung aus.

Gar keine Rede ist bei Homer davon, daß Odysseus selbst die Idee zur Herstellung des Trojanischen Pferdes gehabt habe, und auch Vergils "Aeneis" deutet das in ihrem zweiten Buch bestenfalls an. Erst Gustav Schwab hat mit seiner Bearbeitung der Homerischen Epen diese Version populär gemacht, und Filmemacher wie Petersen können ihm für die Konzentration auf einige wenige statt der im Epos unüberschaubaren Schar von Helden danken. Petersen allerdings hat mit seiner Fixierung auf die Konfrontation von Achilles und Hektor und durch die weitgehende Vernachlässigung der Figur des Odysseus den Geist der "Ilias" gut getroffen, die im allerersten Vers ihr Thema kurz und knapp so beschreibt: "Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus." Von mehr singt auch Petersen nicht; Brad Pitt will schließlich gebührend in Szene gesetzt sein.

Ein Ende der Schlacht

Doch es mußte für den Film ein Ende der Schlacht her, auch wenn Homer die Eroberung Trojas in der "Ilias" ausspart. Petersen ergänzt die Vorlage deshalb um den gleichfalls nur in der "Odyssee" berichteten (allerdings schon in der "Ilias" geweissagten) Tod des Achill und eben um das Trojanische Pferd. Als Regisseur von "Das Boot" hatte Petersen 1981 bereits eine ähnliche Szene gedreht: Das erzwungene Verstummen der deutschen Besatzung, als die alliierten Zerstörer mit akustischen Ortungsgeräten den Meeresgrund nach dem Standort des feindlichen Unterseeboots absuchen, ist im Kern nichts anderes als die von Menelaos berichtete Szene, in der die Griechen im Holzpferd das Schweigen wahren müssen. Mit "Troja" schließt Petersen einen thematischen Kreis in seinem Werk.

Ansonsten aber schönt er das Epos, wo es nur geht, und vollzieht damit nach, was die ganze neuzeitliche Rezeption vorgemacht hat. Ein nun wahrlich gebildeter Interpret wie Wilhelm Heinse dagegen notierte in seinem Notizbuch mit dem Titel "Süße Nachgefühle vom Homer und Euripides" 1782, die "Ilias" sei "das göttlichste Gedicht, was existiert, es geht über alles miteinander", um dann einige Seiten später festzustellen: "Der Stoff ist gewiß mehr komisch als ernsthaft; zwey Nationen thun sich alle Drangsal an, und schlagen einander todt, wegen eines durchgegangenen Weibes, das schon vierzig Jahr alt ist und in dem warmen Klima ihre Zeit weg hat."

Dramatisch statt episch

All die ernsthaften Charaktere paßten nicht zur Handlung, bemängelt Heinse, doch Petersen hat nun die Handlung passend gemacht: dramatisch statt episch, pathetisch statt komisch, übersichtlich statt verworren. Aus dem eindrucksvollen und historisch so wichtigen Schiffskatalog des zweiten Gesangs, der minutiös die von den griechischen Völkern gestellten Kontingente auflistet, wird bei Petersen die himmelstürmende Kamerafahrt, die einen Blick auf ein mit Schiffen geradezu gesprenkeltes Meer eröffnet. Doch diese Einstellung wurde durch die computergestützte Vervielfältigung von nur fünf Schiffsmodellen erzeugt - eine Verhöhnung der akribischen Differenzierung der "Ilias".

Aber wenn nur einige Zuschauer sich bemüßigt fühlen, nach dem Kinobesuch einen Blick in den Homer zu tun, hat Petersens Trojanischer Film sein Eroberungspotential übererfüllt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.2004, Nr. 106 / Seite 33
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